Wahlen 2019

Wahlkampfzone Agglo: So schlachten Linke und Bürgerliche den Baselbieter Speckgürtel aus

In Allschwil kandidiert viel lokale Prominenz für die Nationalratswahlen vom 20. Oktober. Bild: Kenneth Nars (17. September 2019)

In Allschwil kandidiert viel lokale Prominenz für die Nationalratswahlen vom 20. Oktober. Bild: Kenneth Nars (17. September 2019)

Bei den anstehenden Nationalratswahlen kommen auffallend viele und prominente Kandidierende aus grossen stadtnahen Gemeinden. Eine Ausnahme bilden die Baselbieter Grünen: Sie sind bemerkenswert landlastig.

Das dürfte es vor nationalen Wahlen im Baselbiet noch nie gegeben haben: An einem überparteilichen Podium stellten sich gestern Abend lauter Nationalratskandierende aus Allschwil. Aus der bevölkerungsreichsten Baselbieter Gemeinde stammen bei den Wahlen 2019 gleich sieben Kandidierende, das sind mehr als 2015 (5) und 2011 (4). Doch eindrücklicher als die Zahl ist die Prominenz der Allschwiler Kandidierenden: Waren diese 2015 ausschliesslich auf Listen von Klein- und Jungparteien zu finden, treten dieses Jahr Schwergewichte grösserer Parteien an, darunter Felix Keller, CVP-Fraktionschef im Landrat, der SP-Landrat und ehemalige Einwohnerratspräsident Andreas Bammatter, EVP-Landrat Werner Hotz und Gemeindepräsidentin Nicole Nüssli (FDP). Auch andere Agglo-Gemeinden wie Binningen und Pratteln sind auf den Wahllisten öfter vertreten als früher.

Es scheint, als seien die stadtnahen Gemeinden zur bevorzugten Wahlkampfzone der Parteien geworden. Davon ist jedenfalls SP-Kandidat Andreas Bammatter überzeugt: «Die Massierung der Kandidierenden in den grossen Unterbaselbieter Gemeinden ist kein Zufall. Da sind die Wahlstrategen am Werk.» Logisch wärs: 13'000 Wahlberechtigte zählt alleine Allschwil, mehr als in allen Gemeinden des Bezirks Waldenburg zusammen.

FDP mit Präsidenten der zwei grössten Gemeinden

Auf der Siebnerliste der FDP leben fünf Kandidierende in Agglo-Gemeinden. Zudem portieren die Freisinnigen mit Nicole Nüssli (Allschwil) und Melchior Buchs (Reinach) die Präsidenten der zwei grössten Baselbieter Gemeinden mit entsprechendem Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung. Dennoch sagt FDP-Präsidentin Saskia Schenker: «Wir verfolgen keine Agglo-Strategie.» Die Nationalratsliste soll ein möglichst breites Abbild der Partei widerspiegeln. Die Kandidaturen der Gemeindepräsidenten Buchs und Nüssli seien gleichwohl kein Zufall, räumt Schenker ein: Ein wichtiges Ziel der Findungskommission sei es gewesen, unterschiedliche freisinnige Wählersegmente anzusprechen. «Daher gehören sowohl Kantonsparlamentarier als auch hochrangige Gemeindevertreter aus verschiedenen Regionen auf die Liste.»

Indirekt bestätigt Schenker also, dass bei der Besetzung der Liste die Geografie eine Rolle gespielt hat. Verständlich wäre es: Die FDP hat bei den kantonalen Wahlen am 31. März im ländlichen Oberbaselbiet massiv Wähleranteile verloren, zeigte sich aber in ihren stadtnahen Hochburgen robust, und konnte so die Verluste letztlich minimieren. Neben der FDP ist auch bei der CVP die Konzentration auf die stadtnahen Gemeinden augenfällig. Allerdings hat dies bei den Christdemokraten Tradition – haben sie doch im katholischen Unterbaselbiet und Laufental ihre Wählerbasis. Einem ungeschriebenen Gesetz folgend setzt die CVP bei nationalen Wahlen immer einen Vertreter aus dem Laufental, wo ein starker Wähleranteil von rund 30 Prozent erzielt wird, auf ihre Liste.

Anders ist die SP bei der Besetzung ihrer Liste für den 20. Oktober vorgegangen. Bereits durch die Vorauswahl wurde eine angemessene Frauenvertretung gewährleistet. Neben dem Bisherigen Eric Nussbaumer und dem Allschwiler Bammatter stellten sich ausschliesslich weibliche Kandidierende zur Verfügung. In der demokratischen Wahl sorgten die SP-Delegierten dann für eine geografisch ausgewogene Liste, indem sie mit Sabine Asprion (Laufen) und Sandra Strüby (Buckten) Vertreterinnen von Randregionen portierten. Geografisch breit aufgestellt ist auch die wählerstärkste Baselbieter Partei, die SVP: «Doch das ist Zufall», räumt Kantonalpräsident Dominik Straumann ein. «Der Wohnort spielte bei der Auswahl der Kandidierenden keine Rolle.»

Liste der Grünen auffallend landlastig

Eine pointiert landlastige Liste präsentieren demgegenüber die Baselbieter Grünen. Fünf der sieben Kandidierenden leben oberhalb Liestals. Dies im Gegensatz zu 2011 und 2015, als jeweils fünf der sieben Grünen-Kandidierenden aus der Agglo stammten. Parteichef Bálint Csontos will geografische Aspekte nicht überbewerten. Diese hätten kaum Einfluss auf das Ergebnis bei nationalen Wahlen, bei denen der ganze Kanton einen Wahlkreis darstelle. «Ich halte zudem nichts davon, die Agglo politologisch als mystisches Feld zu erklären und entsprechend zu beackern.» Die Agglo sei eine Region unter anderen.

Csontos räumt aber ein, dass die starke Vertretung von Oberbaselbieter Kandidierenden nicht zufällig sei. «Es ist auch das Ergebnis davon, was in den letzten Jahren bei den Grünen passiert ist», sagt er. Im Oberbaselbiet haben die Grünen Wähler und junge starke Persönlichkeiten hinzugewonnen, im Unterbaselbiet dagegen, etwa bei den Landratswahlen 2015, Mandate verloren. «Das kann aber schon in vier Jahren wieder anders aussehen», betont Csontos.

Landlastig ist die aktuelle Baselbieter Siebner-Delegation in Bundesbern. Mit Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP, Biel-Benken) vertritt nur eine Nationalrätin das städtisch geprägte Unterbaselbiet, je nach Sichtweise geht auch Eric Nussbaumer (Liestal) als Agglo-Vertreter durch. Die anderen fünf Nationalräte kommen vom Land. So gesehen ist die Agglomeration, wo rund 60 Prozent der Baselbieter Bevölkerung leben, in Bundesbern krass untervertreten.

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