Ein Blick

Waidmanns Dank

Mehr Bio geht nicht: Ivano Piaia hat seinen Drilling im Anschlag.

Mehr Bio geht nicht: Ivano Piaia hat seinen Drilling im Anschlag.

In der Rubrik «Ein-Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Die Redaktoren beleuchten lustige Vereine, angefressene Sammler oder abgedrehte Nerds. Natürlich kann sich melden, wer sich angesprochen fühlt.

Während die Sonne unentschlossene Strahlen durch die kahlenden Baumwipfel schickt, hallen Schüsse durch die Hefleten. Ivano Piaia lauscht, denn nach den Schüssen folgt das Horn. Klingt es einmal, wurde ein Fuchs erlegt, für ein Reh sind es zwei. «Manchmal», sagt er, «ist die Jagd ein Geduldsspiel, aber langweilig ist sie nie.»

Eine halbe Stunde zuvor, Samstagmorgen, Waldhütte Zunzgen. Noch sind die Flinten in den Kofferräumen geländegängiger Fahrzeuge verstaut, 15 olivgekleidete Jäger, 7 grellbunte Treiber. Es ist Treibjagd in Zunzgen, die erste der Saison – was die Vorfreude umso grösser macht. «Waidmanns Heil» raunen sich die Jäger zu, Händeschütteln, Jacken werden geordnet, Mützen gerichtet; die Spannung ist fast greifbar. Dann erklingen die Jagdhörner zur Begrüssungsmelodie, zu der die Hunde lautstark mitjaulen. Endlich geht es los.

Ivano Piaia ist Präsident des Jagdvereins Zunzgen. Wer sich mit ihm unterhält, unterhält sich mit einem Naturfreund. Das mag widersprüchlich klingen bei einem Hobby, das das Töten von Tieren zur Folge hat. Doch ums Töten geht es, zumindest hier und heute in Zunzgen, keinem. Es geht um das Sein in der Natur, die Nähe zum Wald, das Zusammenspiel von Jägern, Treibern und Hunden, und ja: die Leidenschaft für eine Tätigkeit, die so alt ist wie die Menschheit selbst.

Bevor die ersten Schüsse durch die Hefleten hallen und Ivano Piaia dem Horn lauscht, das im Übrigen einmal erklingt – ein Fuchs also –, lädt er seine Waffe. Es ist ein sogenannter Drilling, japanisches Fabrikat, das sowohl Kugeln als auch Schrot in sich aufnimmt. Dann setzt er sich auf seinen dreibeinigen Hocker und tut: nichts. Vermeintlich nichts. Denn eigentlich geniesst er, atmet er den Odem des Waldes, ist er ganz bei sich. «Was», fragt er, breitet die Arme aus und blickt in die Ferne, um zu unterstreichen, dass er den ganzen Wald meint: «Was will ich mehr?»

Sekunden später steht er wieder, das Gewehr an die Schulter gelehnt. Buchenblätter gleiten schwerelos im Wind wiegend zu Boden, und am Hang gegenüber bewegt sich, in orangen Warnwesten, die Reihe der Treiber talabwärts. Plötzlich stiebt es aus dem Dickicht, ein Reh, nein, zwei preschen über den laubbedeckten Waldboden, die weissen Schweife hüpfen auf und ab, hetzen geradewegs in den Talkessel, wo Piaias Mitstreiter lauern – und sind plötzlich weg. Piaias Blick prüft den Wald, doch die Rehe verharren in einem Grüppchen Bäume, still, reglos. Das Gewehr bleibt angelehnt, zu weit sind die Tiere entfernt.

Jäger erlegen nicht einfach, was sich ihnen vor die Zielläufe verirrt. Die kantonale Jagdverwaltung gibt Jahresziele vor, was Rehe, Dachse und Füchse betrifft; von Hasen und Flugwild lässt man ohnehin die Hände und Flinten. Nur Wildsäue unterliegen keiner Begrenzung.

Am Ende des Tages liegen sechs Rehe, zwei Füchse und eine Wildsau auf der Wildstrecke, ein Zweig im Äser, einer auf dem Bauch, der letzte Respekt, «Waidmanns Dank». Doch es ist zu warm, weshalb die Jägerschaft das erlegte Wild direkt in den Kühlwagen lädt. Es gehört übrigens dem Verein, der es an seine Mitglieder und Restaurants verkauft. «Mehr Bio», kommentiert Ivano Piaia, «kann Fleisch nicht sein.»

Lucas Huber

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1