Er weiss es noch ganz genau. Ende 1991 sei es gewesen, als ihn jemand angefragt habe, ob er sich eintragen lassen wolle, auf die Liste der FDP, für die Wahlen in den Reinacher Einwohnerrat. «Es hiess, ich werde ja sowieso nicht gewählt», sagt Klaus Endress. «Es gehe einfach darum, Stimmen zu holen, für die Partei.» Weit gefehlt. Endress wurde bei den Wahlen im März 1992 prompt gewählt. So verbrachte Endress, ab 1995 CEO von Endress + Hauser, fortan einen Abend pro Monat im Gemeindeparlament – und viele weitere Stunden an Kommissionssitzungen, Parteiversammlungen und Apéros. Die Vorstellung hat etwas Surreales. Der Mann, der einen Weltkonzern mit tausenden Angestellten leitet, beschäftigt sich nach Feierabend mit Strassenschwellen, Quartierplänen, Markständen und in einem Fall auch mit der Anpassung der Lüftung im Gemeindesaal. Eine Einwohnerrätin hatte sich beschwert, es ziehe dort unerträglich.

Endress rückt 2014 in den Gemeinderat nach. Im selben Jahr wechselt er auch im Familienunternehmen die Seite: Der Wirtschaftsingenieur übernimmt das Verwaltungsratspräsidium von Endress + Hauser. Sein Wirken auf regionaler Ebene setzt der Vater von zwei erwachsenen Kindern unvermindert fort. Er tritt für die Fusion der beiden Basel ein, sitzt im Rat der Universität Basel und präsidiert den Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden. Immer im Fokus: Das Gedeihen von Gemeinde, Kanton und Region – der ganzen Region, die im Endress-Universum keine Schlagbäume kennt und Nordwestschweiz, Südbaden und Elsass umfasst.

Jetzt wird Endress geehrt für sein Engagement über politische Grenzen hinweg. Der 70-Jährige erhält den Anerkennungspreis der Vereinigung für eine Starke Region Basel/Nordwestschweiz. «Starke Region»-Präsident Reto Wolf überreichte Endress die Auszeichnung gestern Abend im Neubau der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz.

Nimmt in der Politik kein Blatt vor den Mund

Die Vereinigung beschreibt Klaus Endress als «grossen Entrepreneur, der seit je das regionale Denken und Handeln» unterstütze. «Wenn man sieht, was Klaus Endress geleistet hat, liegt es auf der Hand, ihn zu ehren», sagt Wolf zur bz. «Er ist ein Wirtschaftskapitän, der sich nicht zu schade ist, sich auf kommunaler Ebene zu engagieren. Er steht zu seiner Meinung und hat sie vor wichtigen Abstimmungen kundgetan – auch wenn er sich damit in Unternehmerkreisen nicht nur Freunde gemacht hat.» Endress sass unter anderem im Nein-Komitee zur Masseneinwanderungs-Initiative und im Komitee für die Unternehmenssteuer-Reform III. Als das Baselbiet bei der Uni Basel den Sparstift ansetzte, geizte Endress nicht mit Kritik, die auch Parteikollegen traf.

Der Anerkennungspreis sei ein «grossartiges Signal», sagt Endress. Er empfängt die bz am Hauptsitz der Firmengruppe im Reinacher Kägen-Quartier. Das Sitzungszimmer der Geschäftsleitung im obersten Stock bietet einen phänomenalen Rundblick: Goetheanum, Arlesheimer Dom, Burg Reichenstein, Roche-Turm. «Anerkennung ist etwas Entscheidendes. Wir beherzigen das in der Firma: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhalten Anerkennung für gute Leistungen. Das gibt Energie, beflügelt. Mit einer Belegschaft, die sich wertgeschätzt fühlt, ist man fast unschlagbar.»

Endress + Hauser trägt das Dreiland in der DNA. Georg H. Endress, Klaus Endress’ 2008 verstorbener Vater, gründet 1953 gemeinsam mit Ludwig Hauser in Lörrach einen Vertrieb für Füllstandmessgeräte, kurz darauf startet die eigene Produktion. Was mit einem Startkapital von 2000 D-Mark beginnt, mausert sich zum weltweit führenden Anbieter von Messgeräten für Durchfluss, Füllstand, Druck, Analyse und Temperatur, mit einem Umsatz von 2,8 Milliarden Franken. In 50 Ländern sind die 14 000 Mitarbeitenden tätig, 5000 in der trinationalen Region Basel. Die hiesigen Produktionsstandorte befinden sich in Reinach, Maulburg und Cernay. Klaus Endress stieg 1979 in die Firma ein.

Über sein Engagement im Einwohner- und Gemeinderat sagt Endress, der immer mit Fliege auftritt: «Viele beschweren sich, dass dort zu wenig Unternehmer sitzen. Ich habe nicht geklagt – ich habe es einfach gemacht.» Er sei zu Beginn schon überrascht gewesen über den Aufwand («an so manchem Wochenende wälzte ich Akten»), doch man werde reich entschädigt: «Ich sah, was ich bewirken kann. Man fährt mit dem Velo an einer Baustelle vorbei, für die man den Kredit mitgesprochen hat. Man kennt die Leute persönlich, die von deiner Politik profitieren. Das gibt viel Befriedigung.» Höhere politische Weihen hätten ihn weniger gereizt. Zwar sei er etwa für National- und Ständeratswahlen angefragt worden, doch er habe stets abgelehnt.

Bei den Gemeindewahlen 2016 erzielt Endress das Spitzenresultat, überflügelt den damaligen Gemeindepräsidenten Urs Hintermann von der SP. Endress verzichtet, für das Präsidium zu kandidieren. «Das hätte mich zu stark absorbiert», sagt er.

«Klaus Endress ist das Gegenteil eines Konservativen»

Hintermann trat im vergangenen Jahr in der Folge der Reinacher Asyl-Affäre vorzeitig zurück. Das Rennen um die Nachfolge gewann Melchior Buchs (FDP). Der Ökonom und frühere Präsident des FC Thun wurde 2016 in den Gemeinderat gewählt, kennt Endress jedoch schon länger. Buchs ist seit 2014 Geschäftsführer des Business Parcs Reinach, der Start-up-Unternehmen unterstützt. Präsident der Business-Parc-Trägerstiftung wiederum ist Klaus Endress. «Was ich an Endress schätze», sagt Buchs auf Anfrage, «ist seine Offenheit, seine echte Liberalität. Er ist das Gegenteil eines Konservativen.»

2017 schied Endress aus dem Unirat aus, und seine Polit-Karriere endet im Frühling. Bei den Gemeindewahlen im Februar 2020 tritt er nicht mehr an. Das VR-Präsidium gibt er wohl 2024 ab. Mit 75 fällt die Alters-Guillotine – so schreibt es die Endress’sche Familiencharta vor. Die dritte Generation stehe schon in den Startlöchern, sagt Endress. Sie sei bereit, die Firma in die in die Zukunft zu führen.