Geistschreiber

Was man zu wissen denkt

Wenn eine Dumpfbacke so intelligent ist, um zu begreifen, dass sie eine Dumpfbacke ist – ist sie dann überhaupt eine? Willi Näf stellt die wichtigen Fragen.

Wenn eine Dumpfbacke so intelligent ist, um zu begreifen, dass sie eine Dumpfbacke ist – ist sie dann überhaupt eine? Willi Näf stellt die wichtigen Fragen.

Ich habe nie einen IQ-Test gemacht. Dass ich nicht die hellste Kerze auf der Torte bin, weiss ich auch so, als Satiriker wird man von erzürnten Lesern über seinen Geisteszustand ja auf dem Laufenden gehalten. Vor Jahren bekam ich mal eine Postkarte, subtil adressiert an «Willi Näf, Obertrottel, 4416 Bubendorf». Unsere Pöstler sind helle Kerzen, haben die Karte zugestellt und hoffentlich gegrinst dazu. Die nette Karte hat bei mir aber eine Frage aufgeworfen: Bin ich als Obertrottel überhaupt in der Lage, zu erkennen, dass ich einer bin? Andersherum: Wenn eine Dumpfbacke so intelligent ist, um zu begreifen, dass sie eine Dumpfbacke ist – ist sie dann überhaupt eine?

Heute weiss ich die Antwort. Dank der zwei hellen Kerzen David Dunning und Justin Kruger. Die Sozialpsychologen konnten in Studien beobachten, dass beim Schachspielen, Schreiben oder Autofahren Unwissenheit oft zu mehr Selbstvertrauen führt als Wissen. Und dass mässig kompetente Personen ihre eigenen Fähigkeiten eher über- und jene der andern eher unterschätzen. In weiteren Studien hat sich dann der «Dunning-Kruger-Effekt» herauskristallisiert. Laut David Dunning kann der Inkompetente nicht wissen, dass er inkompetent ist, denn «die Fähigkeiten, die Sie benötigen, um eine richtige Antwort zu geben, sind genau die Fähigkeiten, die Sie benötigen, um zu erkennen, was eine richtige Antwort ist».

Unwissenheit kann also selbstsicherer machen. Sehr viel Unwissenheit, demnach wohl sehr viel selbstsicherer. Atemberaubende Unwissenheit atemberaubend selbstsicher. Nun befeuert Selbstsicherheit bekanntlich ja Karrieren – oft stärker als Inkompetenz sie behindert. So manche Jungs, die schon im Sändelikasten andeuten, dass sie als Grossmaul Karriere machen werden, schaffen das dann auch. Und benehmen sich zeitlebens wie im Sändelikasten.

Ich würde dem gerne noch eine Kleinigkeit beifügen: Inkompetenz an und für sich ist bestenfalls liebenswürdig, schlimmstenfalls ist sie mühsam. Gefährlich aber wird sie in Kombination mit Selbstüberschätzung und Arroganz. Diese Erkenntnis bräuchte jetzt eigentlich noch eine Bezeichnung. Eine, die so gescheit klingt wie «Dunning-Kruger-Effekt». Vielleicht «Forrest-Trump-Hypothese»?

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