Dass Wirtschaftskammer-Mitarbeiter frühmorgens, mit Bettlaken abgeschirmt, von Zivilpolizisten aus einem Zürcher Luxushotel abgeführt werden, ist nicht zu erwarten. Doch davon abgesehen gibt es Parallelen zwischen dem Weltfussballverband Fifa und dem Baselbieter Machtzentrum Wirtschaftskammer. So sind beides Metaorganisationen, also Verbände, deren Mitglieder selbst Organisationen sind.

Solche Metaorganisationen seien in der Regel schwach, analysiert Stefan Kühl, Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. Als Beispiel nennt er unter anderem UN-Organisationen oder die Nato: Die Entscheide fallen in den Mitgliedsländern, der Kurs der Metaorganisation laufe dann «auf einen mehr oder minder fragilen Kompromiss hinaus, den die starken Mitgliedsorganisationen vorab ausgehandelt haben». Doch es gebe Ausnahmen: Gelingt es einer Metaorganisation, eigene Einnahmen zu generieren, so gewinne sie an Macht, schreibt der Soziologe in «Le Monde Diplomatique».

Als Beispiel nennt er die Fifa mit ihren Einnahmen aus den Fussballweltmeisterschaften. Während Organisationen wie die Unesco, die OECD oder die Nato bei den Mitgliedern betteln gehen müssen, mache sich die Fifa «als Geldverteilungsmaschine für ihre Mitgliedorganisationen unentbehrlich». Folge: «Die Abläufe innerhalb der nationalen Fussballverbände werden durch klassische Patronagebeziehungen überformt.»

Auch die Wirtschaftskammer ist eine Metaorganisation mit einer Fülle an Einflussmöglichkeiten. Dieser Einfluss wird – anders als bei der Fifa – weniger gegenüber den angeschlossenen Verbänden geltend gemacht. Zumindest wäre dies nicht öffentlich sichtbar. Vielmehr hat sich die Wirtschaftskammer als Geldverteilungsmaschine für Wahlkämpfe für bürgerliche Parteien unentbehrlich gemacht. Hinzu kommen die Adressdateien für politische Kampagnen.

Bei der Fifa ist die Quelle des Reichtums weitgehend klar: Handel mit Medienrechten bei den Weltmeisterschaften, die Monopolbildung für WM-Souvenirs, als Sponsorengelder bezeichnete Lizenzgebühren für Brauereimonopole und Ähnliches. Allerdings gibt die Fifa über monetäre Abhängigkeiten und Finanzflüsse nicht gerne Auskunft. Deshalb hat sie 2012 von einem Journalistennetz den Negativpreis «Verschlossene Auster» zugesprochen bekommen. Die Laudatio hielt übrigens der St. Galler SVP-Nationalrat Roland Büchel.

Diesen Preis könnte man auch der Wirtschaftskammer Baselland verleihen: Auch da geben die Quellen der Finanzen, mit denen sie sich politische Loyalitäten sichert, zu Mutmassungen Anlass. Was stammt aus Mitgliedsbeiträgen? Was sind Entgelte für Dienstleistungen, die wirtschaftskammernahe Organisationen für den Kanton Baselland erbringen – etwa im Rahmen des Baselbieter Energiepakets oder der Bekämpfung von Schwarzarbeit? Und was schaut für die Gefak heraus, die Ausgleichskasse der Wirtschaftskammer, wenn sie die Kinderzulagen der 3500 Angestellten des Kantonsspitals Baselland abrechnen kann, das nach wie vor Eigentum des Kantons ist?

Die Wirtschaftskammer ist im Basebiet am politischen Willensbildungsprozess in einem Ausmass beteiligt wie schweizweit kaum ein anderer kantonaler Gewerbeverband. Und hinterher sind ihre Organisationen teilweise per Leistungsvertrag in die Umsetzung von Gesetzen eingebunden. Angesichts solch heikler Verflechtungen überzeugt ihr Argument, als privatwirtschaftliche Organisationen seien ihre Firmen nicht zu Auskünften verpflichtet, nicht: Politik – zumindest demokratische – ist per Definition öffentlich.