Nachhilfe

Wegen Expats: Gemeindepersonal büffelt Englisch

«Toll, das ihr hier seid!»: Englischsprachige Zuzüger sollen sich in Allschwil willkommen fühlen. Deshalb forciert die Gemeinde Sprachkurse für ihre Mitarbeiter.

Die Gemeinde Allschwil schickt ihre Angestellten in Englischkurse – das stösst aber auch auf Kritik

Angestellte der Allschwiler Gemeindeverwaltung drücken wieder die Schulbank. Auf dem Stundenplan steht Englisch. Die Mitarbeiter pauken, damit sie englischsprachigen Einwohner besser beraten können. Von diesen gibt es laut der Gemeinde immer mehr. Es handelt sich in der Regel um Expats, also um gut ausgebildete Arbeitskräfte im Life-Sciences-Sektor. Sie sprechen im Joballtag Englisch – meistens nur Englisch. Auf der Verwaltung müssen sie sich bald nicht mehr blamieren mit gebrochenem Deutsch.

Einem Einwohnerrat der SVP passt das neue Angebot gar nicht. «Von allen anderen Ausländern verlangt man, dass sie Deutsch lernen», sagte Simon Zimmermann an der letzten Einwohnerratssitzung. «Nur bei den Englischsprachigen macht man jetzt eine Ausnahme. So entsteht eine Zwei-Klassegesellschaft. Das kann es nicht sein!»

Zimmermann verlangte von Gemeindepräsidentin Nicole Nüssli (FDP) eine Erklärung. Denn offensichtlich habe bei diesem Bevölkerungsteil die Integration fehlgeschlagen. Nüssli antwortete, die 2016 als Pilotversuch eingeführten freiwilligen Sprachkurse seien sicher nicht integrationshemmend: «Wenn man diese Menschen bei der ersten Kontaktaufnahme auf Englisch begrüsst, ist das auch ein Zeichen: Toll, dass ihr hier seid!» Häufig diene Englisch auch als Brückensprache, komme also nicht nur bei Leuten zum Einsatz, die Englisch als Muttersprache hätten.

Wie wäre es mit Türkisch?

Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Einwohnerrats hatte ebenfalls Auskünfte zu den Kursen verlangt. Hier stand die Frage im Vordergrund, ob das Angebot ausgeweitet würde, etwa auf Italienisch, Französisch, Spanisch, Albanisch oder Türkisch. Der Gemeinderat antwortete, dies sei nicht angedacht.

Im jüngsten Geschäftsbericht der Gemeinde wurde die Einführung der Kurse damit begründet, dass vermehrt Englisch Einzug halte in Allschwil, wegen global ausgerichteter Firmen. So seien «die Mitarbeitenden an öffentlichen Auskunftsstellen gefordert, vermehrt ihre Englischkenntnisse einzusetzen.»

Doch bremst die Beratung in Englisch die Integraton von Expats tatsächlich? Kaum jemand kennt die englischsprachige Community in der Region Basel besser als Kathy Hartmann-Campbell. Die gebürtige US-Amerikanerin kam 1982 nach Basel, sie arbeitet als Integrations-Coach.

Sie sagt, sie fände Angebote wie in Allschwil fantastisch, würde man so doch signalisieren, dass die neuen Einwohner willkommen seien. «Bei hochqualifizierten Stellen, die Expats besetzen», sagt Hartmann, «ist Deutsch nur in seltenen Fällen eine Bedingung für den Job. Man kann also nicht einfach davon ausgehen oder sogar verlangen, dass diese Arbeitskräfte diese Sprache bereits beherrschen.»

Hartmann bestätigt die Aussage von Gemeindepräsidentin Nüssli, wonach Englisch auch als Brückensprache zum Einsatz komme. «Von den Expats in der Region besitzt nur eine Minderheit Englisch als Muttersprache, aber es ist die Weltsprache und wird von allen gerne verwendet.»

Laut Hartmann ist die Sprache nur ein Faktor für eine erfolgreiche Integration: «Es geht doch auch darum, dass sie mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt treten, dass man sich kennen lernt, sich austauscht.»

Binningen parliert Français

Baselarea, die Standortpromotion von Basel-Stadt, Baselland und Jura, schätzt die Zahl der Expats in der Nordwestschweiz auf 40'000. Alleine im Stadtkanton wohnen Menschen aus über 165 Nationen. Basel-Stadt hat vor vier Jahren den Webauftritt neu gestalten lassen, seither sind bestimmte Seiten zusätzlich auf Englisch abrufbar, aber nicht nur: Zur Auswahl stehen auch Französisch, Italienisch, Chinesisch und Russisch.

Einige grosse Baselbieter Gemeinden haben ebenfalls auf den Trend reagiert. Neben Allschwil bieten Reinach und Binningen Teile ihrer Webseiten auf Englisch an, Binningen wartet zusätzlich mit Französisch auf. Das Reinacher Gemeindepersonal konnte erstmals 2013 Sprachkurse besuchen. Das Bedürfnis ist da: Die Leiterin des Stadtbüros sagte damals zur bz, mehr als die Hälfte der Anfragen erfolge auf Englisch. Und die Angestellten würden gerne auf Englisch beraten.

In Allschwil kommen die Kurse offensichtlich ebenfalls gut an. Nicole Nüssli sagte an der erwähnten Einwohnerratssitzung: «Die Mitarbeiter besuchen die Kurse mit Freude.»

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