Ich überlege, ob ich uns nicht davon befreien soll. Heute Nacht um 24 Uhr unser Telefon vergnüglich und mit lautem Urschrei zum Fenster hinauswerfen und am Dienstag das Abo künden.

Bei uns haben alle Hausbewohner längst ein eigenes Handy. Zudem habe ich das Pfarramtstelefon. Unser privates Haustelefon ist eigentlich nur noch Nostalgie. Sogar Verwandte und Freunde rufen wenig an, melden sich per Mail oder Whatsapp.

Wir haben seit Jahren im Telefonbuch ein Sternli gegen Werbeanrufe – dies ist die wenige Druckerschwärze nicht wert. Für 2016 hatte ich mir als Vorsatz vorgenommen, für jeden Werbeanruf Striche zu machen. Innert Kürze habe ich aufgegeben.

Am sympathischsten unter unseren Telefonwerbern ist jener ältere Elsässer, der bei seinem einzigen Hausbesuch – im Nachklang zu einem Muba-Wettbewerb – uns zwölf Flaschen Wein verkauft hat. Und uns seither so treuherzig wie vergeblich einmal im Quartal einen zu teuren Weissen oder Roten schmackhaft machen will.

Am mühsamsten sind jene Damen und Herren, die uns aus Callcenters anrufen. Versuchen, uns irgendein neues, günstigeres Modell von Krankenkasse schmackhaft zu machen. Seit Jahren bekommen diese – spätestens wenn sie erstmals Luft holen müssen – ein Nein danke und Tschüss. Wir sind schon bei der besten, günstigsten Kasse – in einem Modell, bei dem man – ironischerweise – vor jedem Arztbesuch selber zum Telefon greifen und das medizinische Callcenter vorinformieren muss.

Am zweitärgerlichsten sind die Werber in Sachen Telefon- und Internetabos. Welch weitere Ironie! Die wollen uns irgendeine Kombi aufschwatzen, mit der man gleichzeitig telefonieren, surfen, fernsehen – und Werbeanrufe entgegennehmen kann.

Telefonagentinnen und -agenten, diese Callgirls- und Callboys, sind gesprächig. Haben grosses Sendungs- und Missionsbewusstsein, ein Sprechtempo wie Getriebene in einem Hamsterrad, als müssten sie bis Sonnenuntergang alle Welt bekehren. Sie sind geschickt und Geschickte zugleich. Schwatzen locker zwei Minuten, bevor sie ein erstes Mal Gott sei Dank doch Atem holen müssen – und ich Gelegenheit habe, etwas zu erwidern.

Ich schätze, dass im heute zu Ende gehenden Jahr rund drei Viertel aller Anrufe solche Werbung waren. Wie oft bin ich dafür – so sinnlos wie vergeblich – aus meiner Studierstube aufgeschreckt und aufgesprungen, oder beim gemütlich informativen bz-Lesen gestört worden.

Spannend, auf der Pfarramtsnummer im gleichen Haus hatte ich in zehn Jahren noch keinen einzigen Werbeanruf! Da scheint die heilige Scheu und Scham gewisser Firmen und Werbeagenturen noch zu funktionieren. Ich wünsche uns allen ein glückliches und gesegnetes, friedvoll werbeanrufloses neues Jahr!