Einst überquerte es den Flüelapass und holte Leute von den Skipisten ab. Nun steht das Postauto in einer Einstellhalle in Muttenz. Der ausgemusterte Saurer-Bus, welcher 1973 erstmals seine Kurven durchs Bündnerland drehte, muss aber nicht mehr lange dort verharren: Adrian Keller (32) und Lucas Gross (38) sind dabei, das Vehikel wieder aufzumotzen.

Dass der Bus einst die «Traumpiste» im Unterengadin bediente, schien ein gutes Omen zu sein: Mit dem Gefährt haben die beiden eine Vision. Es soll Kulturschaffenden, die auf Achse sein wollen, unter dem Namen «cartouche» zur Verfügung stehen – so etwa als mobiles Atelier.

Das Know-how, ein solches Gefährt komplett umzubauen, haben sich die zwei Köpfe hinter diesem Projekt autodidaktisch angeeignet. Adrian Keller ist IT-Security-Spezialist und hat seit je Freude daran, knifflige Dinge zu reparieren. Das begann schon als 13-Jähriger, als er eine kaputte Waschmaschine wieder zum Laufen brachte. Lucas Gross ist unter dem Namen «Agent créateur réparateur» selbstständig als Initiator kultureller Projekte tätig. Die zwei haben sich im Hyperwerk kennen gelernt und festgestellt, dass sie ihr Faible für die Wiederverwertung alter Materialien teilen.

Hunderte Stunden Arbeit

Vor drei Jahren erwarben die beiden den Bus von einem Bekannten. Der Umbau bedeutete einiges an Knochenarbeit: Letztes Jahr haben die beiden bis zu 50 Prozent daran gearbeitet. Ein undichtes Dach und Öllecks wollten behoben werden, Druckluftschläuche, Spiegel, Reifen und vieles mehr musste ersetzt werden. «Manche Ersatzteile bekamen wir nicht einfach so per Mausklick», erklärt Lucas Gross. Nicht selten war damit eine Tour durch so manches Werkstattlager verbunden.

Der Bus erfährt nicht zum ersten Mal eine Umnutzung: Nach seinem Einsatz als Postauto diente er als Kinderbibliothek. Davon zeugt noch die bunte Karosserie, die aber bald einem dezenten Weiss weichen soll. Der Atelierbus soll dereinst bis zu acht Fahrgästen Platz bieten. Auch Workshops weit fernab von der Stadt sind durchführbar: «Dank Solarpanels und Wassertank wird es auch möglich sein, während mehreren Tagen autark zu leben», erklärt Adrian Keller.

Mechanik und Motor sind schon einsatzbereit. Was noch fehlt, ist die Innenausstattung. Mit dem kürzlich lancierten Crowdfunding sollen dafür 18 000 Franken zusammenkommen. Damit soll das Inventar des Busses mit der Kochnische, Schlaf- und Sitzgelegenheiten sowie die Lackierung berappt werden.

Das Publikum soll mitbezahlen

Jetzt geht es in den Endspurt: bis zum 26. Juni haben die beiden noch Zeit, um bei der Plattform «wemakeit» das Geld zusammenzubekommen, ehe das Zeitfenster ausläuft. Knapp 6000 Franken sind schon gesichert. Auch Vorschläge, was man alles mit dem Bus anstellen könnte, sind erwünscht.

«Die Leute können ihre eigenen Fahrpläne aushecken, was aber noch zu wenig genutzt wird», sagt Lucas Gross. Immerhin hat sich schon eine Theatergruppe gemeldet, die den Bus in eine Aufführung miteinbeziehen möchte. Als Belohnung für die Spender winken nicht etwa Merchandise-Artikel, sondern viel Naheliegenderes wie etwa ein Kurzausflug mit dem Bus.

Wer von diesem Projekt hört, mag vielleicht an Aussteigerfantasien, wie man sie aus Road-Movies kennt, denken. «Die meisten Leute meinen, es sei ein VW-Bus», sagt Adrian Keller. Auch wenn ihr Vehikel eine Nummer grösser ist, wissen die beiden, dass sie mit der Busvermietung nicht das grosse Geld machen werden und somit fliesst hier viel Idealismus mit hinein: «Wir haben quasi den Hippie-Bus in die Gegenwart transferiert», meint Lucas Gross.

Die Jungfernfahrt des fertigen Atelierbusses «cartouche» ist für den Frühling 2016 geplant.

Mehr Infos unter cartouche.rocks und wemakeit.com/projects/cartouche