Therwil

Wer macht denn sowas? Rebblattdiebe plündern die Haine der Winzer dieser Region

In ihrem Rebberg zeigen David und Claudia Gschwind wo massiv Rebenblätter gestohlen wurden.

In ihrem Rebberg zeigen David und Claudia Gschwind wo massiv Rebenblätter gestohlen wurden.

Gefüllte Rebenblätter sind eine beliebte Spezialität. Das mussten Winzer in Therwil schmerzvoll erfahren.

Vorletzte Woche geschah in den Reben von Weinbau Gschwind in Therwil Merkwürdiges: An zahlreichen Stöcken fehlten Blätter. «Wir fragten uns natürlich, was da los sei», sagt Mitinhaberin Claudia Gschwind. Schon vor Auffahrt war eine verdächtige Frau mit einer grossen Tüte in den Reben unterwegs.
Am Freitag erblickte Gschwinds Sohn David bei den Reben jemanden, der danach aussah, als stehe er Schmiere. Er konnte dann ein älteres Paar zur Rede stellen, das grosse Tüten voller gestohlener Blätter mit sich trug. Laut Claudia Gschwind soll es sich um Kurden oder Türken gehandelt haben. Ihr Sohn machte Fotos der Verdächtigen für die Kantonspolizei. Diese leitet demnächst ein Verfahren ein.

In Weinblätter eingerollte Speisen sind vom Balkan bis zum Mittleren Osten eine beliebte Spezialität. Dafür ideal sind junge, schöne Frühlingsblätter. In den Reben richten die Diebe aber grossen Schaden an. Die Winzer entfernen zwar selber Blätter von ihren Stöcken – aber erstens tun sie das fachmännisch, und zweitens lassen sie einen Teil hängen. Ganz ohne Blätter können die Pflanzen das Sonnenlicht nicht mehr in Energie umwandeln, und die Trauben drohen, unter der prallen Sonne zu verdörren.

In der Klus wird immer wieder geklaut

«Ganze Stöcke wurden richtiggehend gefrevelt», sagt Gschwind. «Die Schäden sind wie Hagelschlag.» Auf 600 ihrer insgesamt 8000 Rebstöcke wird man dieses Jahr nichts mehr ernten können. Aufgrund der fehlenden Mengen an Blättern vermutet sie, dass türkische Läden und Restaurants ältere Familienmitglieder vorschicken. Ihr Verdacht ist nicht unbegründet. Bereits vor zwanzig Jahren hatten Rebblattdiebe in der Aescher Klus gewütet und massive Schaden angerichtet. Damals, so Gschwind, hätten türkische Kinder ganze 110-Liter-Abfallsäcke mit Blättern gefüllt.

Paul Leisi, der Präsident des Verbands der Weinproduzenten Region Basel/Solothurn, erinnert sich an die grossen Schäden in der Klus vor zwanzig Jahren. Seither hat er nichts von solchen Fällen in der Region gehört. Und für die Baselbieter Polizei ist der Therwiler Fall keine Serie von vergleichbaren Taten, erst recht liege kein Handel mit den Blättern vor. Ganz aufgehört haben die Weinblatt-Diebe aber nie. «Ich schicke immer wieder Leute von meinen Reben weg», sagt Marianne Richli vom gleichnamigen Weingut in der Klus. In den vergangenen Jahren sei das aber kaum mehr nötig gewesen.

Ein anderer Weinbauer will wissen, dass es in diesem Frühling im unteren Bereich der Klus wieder zu einzelnen Fällen gekommen sei. Ein grosses Thema ist der Klau von Weinbeerblättern seit Jahren in Rheinland-Pfalz. Dort geht die Polizei aufgrund der gefassten Mengen davon aus, dass die Gastronomie beliefert wird. Es ist von einem regelrechten «Diebstahltourismus» aus dem Ruhrgebiet die Rede.
Die Diebe in Therwil kennen sich jedenfalls im Rebbau aus. Gschwinds Betrieb stellt derzeit auf biologische Landwirtschaft um. Darum ist ein Teil der Reben ungespritzt. Gezielt auf diese Pflanzen haben es die Missetäter abgesehen, um die Blätter als einwandfreie Lebensmittel verwenden zu können.

Eine Familie fragte an, es kamen bald fünf

Gschwind hat jetzt ihre Reben mit einem Band abgesperrt und mit Schildern versehen, auf denen «Rebenblätter abreissen verboten!» steht. «Eigentlich hätten wir anderes zu tun, als solche aufwendigen Sachen zu machen», sagt sie.

Verbandspräsident Leisi wüsste von einer effizienteren Methode, um die Diebe abzuhalten: «Man muss ihnen nur klarmachen, dass alles gespritzt ist. Dann bleiben sie weg – egal, ob das gelogen ist oder nicht.»
Dass es auch ohne Diebstahl ginge, zeigt Antoine Kaufmann, Winzer auf dem Weingut Klus 177 in Aesch. Vor einigen Jahren fragte ihn eine Familie, ob sie Blätter entnehmen könne. Kaufmann erklärte ihr, wo und wie sie das tun dürfe. Allerdings wurde ihm die Sache zu kompliziert, als er bald statt einer fünf Familien in seinen Reben hatte.

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