Ökologisch-sozial

«Wettstein21» leistet Überzeugungsarbeit

Dank des Engagements der Bewohner wurden im Quartier Photovoltaikanlagen installiert, die Strom für rund 250 Haushalte liefern.

Dank des Engagements der Bewohner wurden im Quartier Photovoltaikanlagen installiert, die Strom für rund 250 Haushalte liefern.

Ökologisch-sozial: Eine Quartierinitiative will die Nachhaltigkeit vorantreiben und die Vielfalt erhalten. Aber wie?

Herr Keller, wie ist die Vereinigung «Wettstein 21» entstanden?

Christoph Keller: Nun, vor einigen Jahren war ich unterwegs im Schwarzwald und habe dort Dörfer besucht, die ihre Energieversorgung aus neuen, erneuerbaren Energiequellen beziehen. Mit der Gründung von Wettstein 21 wollen wir diesen Ansatz ins Quartier, bringen. Dies, um der 2000-Watt-Gesellschaft, der sich der Kanton ja verschrieben hat, auch auf Quartiersebene näher zu kommen. Es gibt sogenannte Ökoquartiere in der Schweiz und in ganz Europa, aber das sind Quartiere, die neu gebaut werden – die 2000-Watt-Ziele in einem bereits gebauten Quartier zu erreichen, ist hingegen sehr anspruchsvoll.

Wo liegt das Problem dabei?

Wir haben mit einer umfassenden Studie ermittelt, aus welchen Quellen unser Quartier seine Energie bezieht, und das Ergebnis ist nicht erfreulich. 70 Prozent des Energieverbrauches wird von fossilen Quellen abgedeckt. Das ist viel zu hoch, da müssen wir runter, mit Solaranlagen und Wärmepumpen, die alte Ölheizungen ersetzen.

Wie bringen Sie sich ein? Sie haben ja nicht direkt politische Kompetenzen.

Wir suchen Partner im Quartier, wir gehen auf Hausbesitzer und Immobilienverwaltungen zu, ermuntern sie, auf ihren Dächern Solaranlagen zu bauen. Dank dem Solarkataster, einem Online-Plan der Verwaltung, ist rasch zu sehen, wo die geeigneten Objekte stehen. Wir haben bisher eine ganze Reihe solcher Solaranlagen realisieren können. Die nächste Anlage, die ans Netz geht, steht auf dem Hotel Plaza. Sie hat eine Spitzenleistung von 180 Kilowatt, was einer Stromversorgung von rund 60 bis 80 Haushalten entspricht.

Hätten diese Hausbesitzer solche Solarinvestitionen nicht sowieso gemacht?

Nein, nicht unbedingt, es braucht manchmal schon Motivation. Und offen gesagt, die Gespräche waren teils langwierig und nicht immer einfach. Vor allem dann, wenn sich verschiedene Stockwerk-Eigentümer einig werden müssen.

Bei Roche gabs Probleme. Warum waren Sie dort nicht erfolgreich?

Wir hätten dort zwei ganz tolle Projekte gehabt, das eine auf dem Dach des Tinguely-Museums, für das wir bereits das Okay des Architekten Mario Botta eingeholt hatten. Eine zweite Anlage war für das Dach des Personalrestaurants vorgesehen. Doch die Roche liess uns wissen, beide Dächer seien zu wenig tragfähig.

Roche hat im Quartier grosse Pläne. Ihre Position dazu?

Wir hatten lange Zeit mit Roche gute und intensive Kontakte. Roche hat auch viele Dachflächen, die für Solarenergie nutzbar gemacht werden könnten. Wir würden es sehr begrüssen, wenn Roche beim Bau dieser Türme auch bezüglich Nachhaltigkeit ein Zeichen setzen und die riesigen Flächen auch für die Energieproduktion nutzen würde.

Und neben Energie?

Was wir mit Sorge beobachten, ist die sogenannte «Gentrifizierung» des Quartiers. Günstiger Wohnraum wird in teuren umgewandelt, wie das etwa am Burgweg geschehen soll. Da werden alteingesessene Bewohner verdrängt. Die Immobilienpreise werden nach oben gedrückt, die soziale Durchmischung nimmt ab, und das erfüllt uns mit Sorge.

Es gibt schon einen «Neutralen Quartierverein Oberes Kleinbasel». Was machen Sie, was der nicht schon tut?

Wir befassen uns mit dem Thema Energie, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit im Quartier. Da gibt es zum Teil Überschneidungen, weil auch uns um ein lebenswertes Quartier geht, um Verkehrsberuhigung, um Velowege und um den öffentlichen Verkehr – Stichwort Dieselbusse in der Grenzacherstrasse. Da sind wir schon lange der Meinung, dass man sie durch leise Trolleybusse der neusten Generation ersetzen könnte.

Sie schneiden das Thema Verkehr an, er wird sicherlich weiter zunehmen.

Das ist so. Wir warten hier noch immer auf Antworten von Roche, wie der Verkehr für die vielen Türme bewältigt werden soll, wie also diese Menschenmassen auf das Areal kommen – wobei ich sagen muss: wir finden es toll, dass hier so viele Menschen zur Arbeit kommen, dass Roche den Standort Basel beibehält.

Roche hat eine riesige Veloeinstellhalle geplant, plädiert für eine S-Bahn-Station Solitude und befürwortet sehr eine neue Tramlinie durch die Grenzacherstrasse.

Ja, das sind gute Ansätze, die wir auch unterstützen – dennoch: Insgesamt wird der Verkehr ein Problem bleiben, vor allem für die Anwohner der Grenzacherstrasse.

Ganz allgemein – was gefällt Ihnen am Wettsteinquartier?

Vieles. Die Lage am Rhein ist grossartig und sehr zentral. Das Quartier ist sehr durchmischt und vielfältig, die gehobenen Wohnzonen am Rhein, der Mittelstand und auch zum Teil günstigere Wohnungen. Noch fehlt uns aber so etwas wie ein Gemeinsinn, ein Zentrum, obwohl das «Warteck pp» ganz wichtig ist für das Quartier. Und nochmals – ich glaube, dass das durch das Verschwinden von günstigem Wohnraum nicht verbessert wird.

Ich sehe hier einen Widerspruch: Wenn die Roche-Leute von weit her anreisen, ist das nicht gerade ökologisch. Aber ins Quartier sollen sie auch nicht kommen ...

Doch, auf jeden Fall – ich mag es, wenn am Morgen im Bus englisch, chinesisch, japanisch und spanisch gesprochen wird. Aber wenn es ums Wohnen geht, soll sich die Stadtentwicklung dafür einsetzen, dass die Durchmischung des Quartiers nicht leidet. Denn Nachhaltigkeit hat auch eine soziale Dimension, und die muss berücksichtigt werden.

Der Journalist Christoph Keller ist Initiant und Vorstandsmitglied von «Wettstein 21».

«Wettstein 21» ist ein Projekt von Bewohnerinnen und Bewohnern des Wettsteinquartiers Basel und versteht sich als offene, partizipative Plattform für alle Interessierten. Tel. O61 322 63 46.

www.wettstein21.ch

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