Zu Besuch auf der Alp

Wie ein Baselbieter im Wallis die Schafe vor dem Wolf schützt

Zu viele Pflichten lägen momentan bei den Schafbesitzern, findet Markus Dörig.

Zu viele Pflichten lägen momentan bei den Schafbesitzern, findet Markus Dörig.

Der Baselbieter Schafhirte Markus Dörig verbrachte den Sommer im Vallon de Réchy im Wallis. Seine Aufgabe: die Tiere vor dem Wolf schützen. Wir haben ihn zwei Tage auf der Alp besucht.

Die weisse, flauschige Wolle klebt an den Felsbrocken. Dazwischen liegt ein Kieferknochen mit den Zähnen Richtung Himmel. Ein bisschen weiter vorne ein Fussknochen, der Paarhuf sitzt noch unversehrt. Der Knochen ist blank, kein Fetzen Fleisch daran. Sonst ist nichts mehr übrig vom Schaf. Der Fuchs, die Kolkraben haben sich genommen, was sie verwerten können. Auch die Knochen werden bald verschwinden. Die Natur holt sich alles zurück. Getötet hat das Schaf ein Wolf.

Das Tier war Teil einer Herde, die den Sommer auf der Alp im Vallon de Réchy im Unterwallis verbringt. Anfang Juni kamen 403 Schafe hinauf. Acht hat sich der Wolf geholt, zwei sind durch Krankheit gestorben. Die Alp L’Ar du Tsan liegt etwas mehr als 2200 Meter über Meer und erstreckt sich über drei Kilometer. Steile Grashänge, mit Felsen durchsetzt, ragen links und rechts empor, dazwischen mäandert sich die Rèche in dunklem Blau durch die Ebene. Jetzt, im Frühherbst, hat sich das Gras teilweise hellbraun gefärbt, die verblühenden Heidelbeersträucher lassen die Hügel in einem sanften Rot leuchten.

45'000 Schritte pro Tag

Seit bald vier Monaten befinden sich die Tiere in der Obhut von Markus Dörig. Der Baselbieter ist Schafhirte in seiner zweiten Saison. Seit 8. Juni lebt er auf der Alp, ins Tal ist er seither nicht mehr gekommen. Dörig ist eigentlich gelernter Heilpädagoge und leitet die Kriseninterventionsstelle an den Volksschulen in Basel-Stadt. Diese bietet diverse Unterstützungsangebote für Schüler, die im Regelunterricht nicht zurechtkommen. In gewisser Weise ebenso verlorene Schafe. Das Hirten macht Dörig in seinen Ferien. Er sieht es als Erholung, obwohl es oft streng ist. Im Durchschnitt 45'000 Schritte macht er am Tag auf der Alp. Seine erste Alpsaison hatte er 2016 im Val d’Anniviers im Unterwallis.

Sein Grossvater war Bauer und Rinderhirte im Appenzell. Dörig selbst besitzt zwölf Schwarznasenschafe und drei Esel bei sich zu Hause in Frenkendorf. Die Inspiration für die speziellen Haustiere kam von seinen Nachbarn, die ebenfalls Schafe besitzen. Dörig fand sofort Gefallen an den Tieren. So entstand dann irgendwann die Idee mit dem Hirtenjob. Seine Schafe und die Esel hat er dieses Jahr mitgebracht auf die Alp. Letztere dienen ihm als Frühwarnsystem: Nähert sich ein Wolf, schreien sie.

«Im Wallis hat der Wolf nichts zu suchen»

Neun Schafbesitzer aus dem Oberwallis haben ihre Tiere in die Verantwortung von Markus Dörig gegeben. Sie alle besitzen Schwarznasenschafe, eine aus dem Oberwallis stammende Rasse. Ihr Merkmal: ein schwarzes Gesicht, schwarze Ohren und schwarze Flecken an den Beinen im sonst weissen Fell. Dörig erkennt seine Tiere sofort in der Herde. Als sie am Abend zur Hütte zurückkehren, streichelt er sie liebevoll und spricht mit ihnen. Wie die Städter mit ihren Katzen.

Einer der Besitzer ist René aus Baltschieder im Oberwallis. 35 Schwarznasenschafe besitzt er, eines hat in diesem Sommer der Wolf geholt. Heute ist René gekommen, um seine Schafe ins Tal zu bringen. Auf die Herbstweide. Die Alpsaison endet bald. Es wird zu kalt, ausserdem werden demnächst die Lämmer geboren. Würde es nach René gehen, müsste der Wolf abgeschossen werden: «Im Wallis hat er nichts zu suchen», sagt er. René spricht aus, was die meisten Schafbesitzer hier denken.

Schafe Alp Vallon de Réchy

Markus Dörigs Schafe auf der Alp Vallon de Réchy

Für Markus Dörig ist das immer ein schöner Moment, wenn er die Tiere wieder den Besitzern übergeben kann. «Sie vertrauen mir die Schafe an, da will ich sie ihnen auch heil wieder zurückgeben.» Ganz gelungen ist ihm das bisher nicht. «Verhindern kann man einen Schaden nicht», sagt er, «nur minimieren.» Der Wolf ist schnell, ein Angriff dauert nur wenige Sekunden.

Der 61-Jährige sitzt an einem langen Holztisch vor der steinernen Hirtenhütte. Ein Bach rauscht, die Grillen zirpen leise. In der Ferne hört man die Glocken der Schafe, ab und zu ein Blöken. Sie halten gerade Siesta, heute ist es heiss auf der Alp. Dörig trägt ein hellblaues Edelweisshemd, einen braunen Filzhut und klobige Wanderschuhe. Gute Schuhe sind hier oben Pflicht. Als Hirte lässt er sich einen grauen langen Bart stehen, zurück in der Stadt wird er ihn rasieren. «Ein Bubentraum», sagt er und lacht. 

Viermal griff der Wolf diese Saison an

Markus Dörig hatte viel Besuch in dieser Saison: von Freunden, Verwandten, freiwilligen Helfern und Schafbesitzern. Nach dem ersten Wolfsangriff bekam er Unterstützung von zwei Zivildienstlern von der Organisation Agridea. Geht ein Wolf herum, lässt er die Schafe nicht mehr gerne aus den Augen: Der Wolf M59 griff diese Saison gleich dreimal an, zweimal sogar am selben Tag. Und neben dem Bewachen der Herde fallen auch noch andere Aufgaben an auf der Alp: Jeden Morgen etwa putzt Dörig den Nachtpferch. Das dauert schnell einmal drei bis vier Stunden. In dieser Zeit muss jemand auf die Schafe schauen.

Am Abend kehren die meisten Tiere von selbst in ihr Nachtlager ein: Sie kennen den Ablauf. Die wenigen Aussenseiter treibt Dörig mit einem ruhigen «Komm, komm» in den Pferch. Ein elektrifizierter Nachtpferch mit acht Stromlitzen ist eine von vielen Herdenschutzmassnahmen, die der Bund vorgibt. Setzt ein Schafbesitzer diese nicht um, bekommt er keine Entschädigung, wenn sein Schaf gerissen wird. «Es ist ein Rattenschwanz», sagt Dörig. Jede neue Auflage bringe eine neue Aufgabe mit sich. Das kostet Zeit, Zeit der Schafbesitzer. Durch den Nachtpferch etwa wird der Kot nicht mehr natürlich auf der Wiese verteilt. Etwas abseits der Hütte türmt sich ein grosser Haufen. Dörig zeigt darauf und sagt: «Irgendjemand muss das auf der Alp verteilen. Einfach hierbleiben kann es nicht.»

Schafe zählen auf der Alp: die Herde auf dem Weg in den Nachtpferch.

Schafe zählen auf der Alp: die Herde auf dem Weg in den Nachtpferch.

«Das neue Jagdgesetz ist für mich nicht das Gelbe vom Ei, es fehlen klare Bestimmungen», sagt Dörig. Trotzdem wird er am 27. September überzeugt Ja stimmen. Momentan lägen zu viele Pflichten aufseiten der Schafsbesitzer, findet er. Seit dem ersten Wolfsriss im Wallis wurden die Herdenschutzmassnahmen sukzessive ausgebaut. «Bei jedem Angriff kommen neue Massnahmen hinzu, nützen tun sie dennoch nichts», klagen die Besitzer auf der Alp. Viele der Herdenschutzbestimmungen würden im Büro entwickelt, kritisiert Dörig. «In der Realität sind diese aber schwer oder gar nicht umzusetzen.»

Eine Massnahme ist ein Elektrozaun. Vorgabe: mindestens fünf Stromlitzen und ein maximaler Abstand von 15 Zentimetern vom Boden. Hier im L’Ar du Tsan hat der Zaun nur zwei Litzen, der Durchgang zwischen Boden und erster Litze ist eigentlich zu gross. «Die Vorgaben kann man vielleicht im Appenzell auf einer schönen ebenen Wiese erfüllen. Hier im steinigen Gebirge ist das aber unmöglich», sagt Dörig.

Die Besitzer von Schafen bekommen Geld, um die Schutzmassnahmen umsetzen zu können. Für viele wird aber die Zeit zum Problem. Schwarznasenschafe sind in erster Linie Zucht- und keine Schlachtschafe. Leben kann man davon nicht, es ist ein Hobby mit langer Tradition im Wallis. Um ein perfektes Schaf zu kriegen, dauert es schon einmal bis zu sieben Generationen. Die meisten Besitzer hier arbeiten Vollzeit, viele beim Pharmaunternehmen Lonza in Visp. Der grösste Teil der Freizeit geht für die Schafe drauf. René war seit Beginn der Saison 17-mal auf der Alp, er bleibt dann meist für einen ganzen Tag. Von Baldschieder bis auf die Alp hat man mit dem Auto fast zwei Stunden.

Es ist später Nachmittag, die Sonne nähert sich der Bergspitze, die Schafe bewegen sich langsam von der Ebene in Richtung Hütte, die auf einem Hügel steht. Die Schafe folgen einem natürlichen Turnus: Am Morgen hinunter, im Verlauf des Tages steigen sie langsam wieder hoch. «Ich finde es schön, den Schafen so viel Freiheit zu lassen wie möglich», sagt Markus Dörig. Er verschwindet in der Hütte, ein Walliser Hirte passt gerade auf die Schafe auf. Er kam vor zehn Tagen auf die Alp, um zu helfen.

«Die Wolfsfreunde haben ihn hergebracht.»

Getrunken wird ein selbstgekelterter Walliser Rosé und der Kaffeeersatz Incarom: Der verträgt sich besser mit Schnaps. Dass sie den Wolf hier nicht wollen, ist klar. «Er hat hier keine Berechtigung, das ganze Gebiet stimmt nicht für ihn», sagt einer aus dem Tal in breitem Walliserdeutsch. Es ist nicht immer einfach, die Einheimischen zu verstehen. Sie wissen das, aus Rücksicht wechseln sie manchmal ins Hochdeutsche. Ob sie den Wolf in der Schweiz ausrotten wollen? Nicht ausrotten. Sondern dahin zurückbringen, wo sie ihn hergeholt haben, so die Antwort.

Jagdgesetz: Darum geht es

Jagdgesetz: Darum geht es

Viele Besitzer sind überzeugt, dass der Wolf nicht von sich aus in die Schweiz zurückgekehrt ist. «Die Wolfsfreunde haben ihn hergebracht.» Das glaubt Markus Dörig nicht. Er nervt sich auch über die Wolfsmythen, die am Abend in der Hütte erzählt werden. Dass der Wolf immer wieder auch Menschen angreife oder dass er einmal geholfen habe, ein vermisstes Kind zu finden. Draussen durchbricht in regelmässigen Abständen ein grelles Licht das Schwarz der Nacht. Auch eine Massnahme, um den Wolf fernzuhalten.

Im Gegensatz zu vielen Schafbesitzern hat Dörig den Wolf schon dreimal aus nächster Nähe gesehen. «Es ist jedes Mal ein Erlebnis, das Adrenalin schiesst einem augenblicklich in die Adern.» Die erste Begegnung war 2016. Ein ausgewachsenes Weibchen hatte eines seiner Lämmer zwischen den Reisszähnen. «In diesem Moment wurde ich richtig wütend», erinnert er sich. Er warf Steine und versuchte, den Wolf mit Schreien zu vertreiben. Hätte er den Wolf getroffen und ihn verletzt, hätte er eine Busse von 10000 Franken zahlen müssen. Der Wolf geniesst den höchsten Schutzstatus in der Schweiz. Nach dem Angriff war er am Boden zerstört.

Die Emotionen kochen schnell hoch beim Thema Wolf

Ab wie vielen gerissenen Schafen ein Wolf zum Abschuss freigegeben werden soll, sei schwierig zu sagen. Dörig findet es dann angebracht, wenn sich ein Wolf verhaltensauffällig zeigt. Wenn er etwa die Scheu vor den Hirten verliere oder trotz Verscheuchung immer wiederkehre. Ein Ja am 27. September sähe er unter anderem auch als Zeichen für die Besitzer, dass ihre Bemühungen Anerkennung finden. Natürlich gäbe es schwarze Schafe, die sich zu wenig um ihre Herden kümmerten. In den letzten Jahren habe er aber grosse Anstrengungen miterlebt, um die Tiere zu schützen.

Beim Thema Wolf wird die Stimmung bei den Besitzern schnell angespannt, man spürt die Emotionen. Für viele stellt der Mehraufwand eine Belastung dar, einige mussten die Schafe schon aufgeben. «Es ist besonders deprimierend, wenn man all die Massnahmen umsetzt, und der Wolf dennoch unserer Schafe holt», sagt Martin. Auch er hat seine Tiere bei Dörig gelassen. «Dann heisst es wieder, wir haben zu wenig unternommen.»

Während seiner Zeit auf der Alp machte Markus Dörig neben dem Wolf vor allem das Wetter zu schaffen: Hagel, Gewitter, Schnee und Nebel, dass man die Schafe nur noch anhand der Glocken verorten konnte. «Nebel ist der grösste Albtraum eines Hirten», sagt er, «es wird dann schnell gefährlich.» In wenigen Tagen verlässt Dörig die Alp und kehrt zurück in städtisches Gebiet. Dorthin, wo niemand Angst vor dem Wolf hat.

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