Retrospektive

Wie ein Schlag ins Genick: Das Schaulager in Münchenstein zeigt einen kolossalen Bruce Nauman

Das Schaulager schöpft aus dem Vollen: Ab heute sind in Münchenstein über 170 Werke des 76-jährigen US-amerikanischen Konzeptkünstlers zu sehen. Eine geradezu überwältigende Retrospektive.

Es ist ganz einfach. Stellen Sie sich eine Figur vor, die über einer Kristallkugel sitzt. Die Hände vollführen seltsame Bewegungen, in der Kugel kommen wunderbare Formen und Figuren zum Vorschein. Grünes Licht, Luftschlösser, Gleichungen, Tugenden und Sünden und weinende Clowns und kopulierende Männer. Vor lauter Wow erkennt man die Figur gar nicht mehr, aber sie zieht es vor so, es geht um die Magie, nicht den Schöpfer. Ein ganzes Universum entsteht und vergeht unter ihren Fingern und sie kauert darüber wie ein mächtiger, scheuer Gott.
Das ist Bruce Nauman. Und er hat soeben in Münchenstein seine Kristallkugel niedergelegt.

Und weg ist er

«Danke», sagt der für seine Schüchternheit bekannte Künstler an der Pressekonferenz. «Wo soll ich mich für die Fotos hinstellen?» Dann verschwindet er durch die Hintertür. Man wird ihn nicht wiedersehen. Das ist kaum weiter schlimm, die Augen haben eh genug zu tun. Die Retrospektive in Münchenstein erfüllt ihre Aufgabe nämlich mit geradezu megalomaner Gewissenhaftigkeit: Über 170 Werke sind hier ausgestellt, unterteilt in nicht weniger als 32 Räume. Kein Besucher wird das je alles an einem Stück verdauen können!
Gut so, dann haben Sie den wichtigsten Punkt dieser Ausstellung schon begriffen. Sie ist ein Koloss. Wie ihr Künstler.

Nauman ist 1941 in Indiana geboren, studiert Physik und Mathematik und später Kunst. Mitte der Sechziger fängt er an, jedes erdenkliche Medium auszuprobieren: Installation, Skulptur, Film, Fotografie, Neon, Kalkstein, Schreibmaschine. Sein Ansatz ist ähnlich weitgreifend: Ihn interessieren der Mensch und seine Sinne, sein Moralgefühl, seine auferlegten Grenzen. Die will Nauman durchbrechen. In einem Interview sagt er einmal über seine Kunst: «Am liebsten ist es mir, wenn sie uns kalt erwischt, wie ein Schlag ins Genick.» Dem Betrachter soll der Teppich unter den Füssen weggezogen werden, damit der ganze Dünkel, das ganze Blabla und Zwinkerzwinker gar nicht erst zum Zug kommen kann. Der Mann will uns entblössen.

Fick und stirb

Und das schafft er auch im Schaulager. Allerdings muss man dafür in den unteren Stock. Der obere ist besetzt von frühen Arbeiten und würde allein schon einen Tag in Anspruch nehmen; Dutzende von Zeichnungen, sperrigen Installationen, kleinformatigen Videos. Und die in Basel wohlbekannte Neon-Spiralschrift: «The artist helps the world by revealing mystic truths.»
Mystische Wahrheiten, die uns Nauman gleich zu Beginn des Untergeschosses ins Gesicht schleudert: «Fuck and Die» blinkt da unerbittlich, zusammen mit hundert anderen Kommandos: Fuck and Live! Cry and Die! Know and Live! Und so weiter. In einer Kadenz, dass einem ganz schlecht wird. Da ist er ja schon, der Schlag ins Genick.

Direkt gegenüber liegen sieben dunkle Kalksteinplatten mit eingravierten Tugenden über Lastern – beziehungsweise Lastern über Tugenden: Hoffnung und Neid, Klugheit und Hochmut, Gerechtigkeit und Geiz. Wie resignierte alte Weiber liegen die Tafeln da. Macht die Sache auch nicht unbedingt besser.

Für unheimliche Aufmunterung sorgen dafür die «Clown Tortures», eine Videoinstallation aus vier Monitoren und zwei Projektionen, in denen jeweils Clowns beim Auch-nur-Mensch- Sein gezeigt werden: Clown auf Toilette. Clown, dem ein Streich gespielt wird. Clown, der um Hilfe schreit. Man schaut ganz vergnügt zu. Besorgniserregend angenehm.

Nix mit Stadtmusikanten

Richtig unangenehm sind hingegen die Skulpturen aus dem Reich der Tierpräparation: Nauman hat Schaumstoffhüllen in Tierform, die üblicherweise mit Fell überzogen werden, zu Hauptfiguren von skurrilen Karussells gemacht. Das Resultat sieht aus wie frisch aus dem Finale von «True Detective», ein fürchterlich ausser Kontrolle geratener Voodoo-Fetisch. Als wäre das nicht Zumutung genug, folgt ein paar Räume weiter der taxidermische Gipfel: Eine riesige Skulptur aus ebendiesen Tierfiguren, wie Cheerleader zur Pyramide getürmt. Allerdings kopfüber, sodass man garantiert nicht in Versuchung kommt, diesem Werk ein niedliches Bremer-Stadtmusikanten-Flair anzudichten. Bäm!, hört man da Nauman rufen, da habt ihr eure Kunst! Cry and Die!

Das ist hart. Aber befreiend ist es auch. Wie fünf Stunden Philosophie-Blockseminar. Am Ende fühlt man sich, als hätte man etwas erreicht. Platz für Gedanken geschaffen. Und als man sich zum Schluss mehr aus Höflichkeit noch zur konzeptuellsten aller Arbeiten schleppt, mit Abdeckband markierte Kreise am Boden, die was mit Universum und dem Mittelpunkt der Erde zu tun haben, aber wirklich mag man die Beschreibung auch nicht mehr lesen, weil genug ist genug, steht da plötzlich die Erlösung. Ein kleiner Satz auf einem unscheinbaren Blatt an der Wand: «Here is every». Hier ist jedes.

Es mag am Schlag ins Genick liegen, aber in diesem Moment denkt man: Jetzt habe ich diese riesige Kiste endlich begriffen. Know and Live!

Bruce Nauman Disappearing Acts. 17. März bis 26. August, Schaulager, Ruchfeldstrasse 19, 4142 Münchenstein.
www.schaulager.org

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1