Andreas Frei

Wie Massenmörder funktionieren: Baselbieter Forensiker legt bahnbrechende Studie vor

Seit Jahren arbeitet Andreas Frei in der Forensik. Bild: Juri Junkov (14. November 2019)

Seit Jahren arbeitet Andreas Frei in der Forensik. Bild: Juri Junkov (14. November 2019)

Der langjährige Experte in forensischer Psychiatrie Andreas Frei tritt dieses Jahr als Leitender Arzt der Fachstelle Forensik der Psychiatrie Baselland zurück. An einer Abschiedstagung in Liestal präsentierte er eine Studie über Massenmord, die er mit der Studentin Andrea Ilic realisierte.

Versteht man unter einem Massenmord in erster Linie Amokläufe wie im Zuger Parlament 2001?

Andreas Frei: Das ist eine Art. Generell gilt als Massenmord ein zeitlich und örtlich begrenzter Mord an mindestens drei Personen – Täter exklusive. Dazu gehören Amokläufe in der Öffentlichkeit, aber auch Familizide, sogenannte Familiendramen, und Massenmorde im Zusammenhang mit Verbrechen. Familizide werden von Tätern mit einem relativ hohen sozialen Status verübt und enden fast immer mit dem Suizid des Täters.

Spielen bei allen Kategorien psychiatrische Faktoren eine Rolle?

Sie können bei allen vorkommen. Die meisten psychiatrischen Störungen kommen gemäss unserer Studie bei öffentlichen Amokläufen vor.

Ist das unerwartet?

Nicht ganz, aber im Zusammenhang mit den USA schon, wo viele Amokläufe ohne manifeste Geisteskrankheiten auftreten. Bei uns ist es in fünf von neun Fällen so. Beim Menznauer Massenmörder habe ich eine psychologische Autopsie vorgenommen und konnte ganz klar nachweisen, dass er eine beginnende Geisteskrankheit hatte. Der Mitarbeiter einer Holzverarbeitungsfirma hatte 2013 vier Menschen bei der Znünipause erschossen. Der Zuger Attentäter Friedrich Leibacher war aber nicht geistesgestört: Seine Tat entspricht am meisten den klassischen Amokläufen, die man aus den USA kennt. Ein anderer bekannter Fall ist Günter Tschanun, der Chef der Zürcher Baupolizei, der 1986 vier seiner Mitarbeiter erschoss.

Was führt denn sonst zu einem Amoklauf, wenn nicht psychiatrische Faktoren?

Es braucht schon eine spezielle Persönlichkeit: jemanden, der leicht kränkbar ist, eine schwierige persönliche Lage durchsteht und mehrere «Trigger-Events» erlebt, die ihn stark frustrieren. Leibacher war ein streitsüchtiger Querulant, aber der Psychiatrie-Professor Urbaniok stufte ihn in seinem Gutachten als intelligent und begabt ein. Übrigens ist Leibacher für viele Wutbürger im Streit mit Behörden eine Ikone. Das erlebe ich aus meiner täglichen Praxis bis heute. Für viele Menschen ist er einer, der es «denen» gezeigt hat. Der Schutzheilige der Querulanten sozusagen.

Aber nicht jeder Wutbürger greift zur Waffe, um sich Gehör zu verschaffen.

Nein, es bleibt ein Stück weit unvorhersehbar. Professor Urbaniok und sein Team haben den Fall von Zug anonymisiert vorgestellt und viele Spezialisten wären niemals zum Schluss gekommen, dass er brandgefährlich ist. Es gibt bei Fällen mit psychiatrischen Problemen durchaus Zeichen im Vorfeld. Die Angehörigen wussten, dass etwas schief war und haben nicht reagiert.

Wie müsste man denn reagieren?

Jemanden zum Psychiater schicken. Der Täter von Menznau hatte dermassen wirres Zeug innerhalb der Familie erzählt, dass man ihn unbedingt in Behandlung hätte schicken müssen.

Was erzählte er?

Er hatte Wahnideen. Er war überzeugt, dass er von der ganzen Schweiz verfolgt würde, dass er mit Obama und Putin kommunizierte. Auch am Arbeitsplatz fiel er auf.

Kann eine erfolgreiche Behandlung von einer Tat abhalten?

Ja, eindeutig. Wir haben ein sehr gut ausgebautes Gesundheits- und Präventionssystem. Wenn jemand auffällt, reagiert in der Regel jemand.

Ist das ein Unterschied zu den USA, wo Massenschiessereien ein verbreitetes Phänomen sind?

Ja, es hat eine soziale Komponente. In den USA werden viele Menschen gar nicht aufgefangen. Bei uns sind es nur die extremsten Fälle. Wie dieser 20-jährige Waadtländer Anfang der Neunzigerjahre, der während der Rekrutenschule auffiel. Nach der RS hatte er einen psychotischen Anfall und verbrachte zwei Monate in der Klinik. Beim ersten Urlaub erschoss er seine ganze Familie und sich selbst mit dem Sturmgewehr. Das muss für die damaligen Behandler eine Katastrophe gewesen sein. Aber ich glaube nicht, dass man irgendjemandem einen Vorwurf machen kann.

Haben Sie das auch selbst erlebt?

Ich musste einen Mann im Entlebuch begutachten. Er war in Untersuchungshaft, weil er seiner Frau gedroht hatte. Sie hatte ihn beschuldigt, die Kinder zu missbrauchen. Ich lernte einen verbitterten Menschen kennen, kam aber zum Schluss, dass er keine unmittelbare Gefahr darstelle. Man dürfe ihm aber bloss keine Waffen überlassen. Drei davon beschlagnahmte die Polizei bei ihm. Kurze Zeit später jedoch beschaffte er sich eine illegale Waffe, worauf er seine Frau, seinen Bruder, die Schwiegereltern und den Sozialbeauftragten der Gemeinde erschoss.

Und Sie haben überhaupt nicht damit gerechnet?

Ich hielt es für unwahrscheinlich. Auch, weil ich nicht dachte, dass ein Bauer aus dem Entlebuch sich eine deutsche Waffe auf illegalem Weg beschaffen könnte.

Wirft man sich in solchen Fällen vor, etwas unterlassen zu haben?

Ja, schon. Ich war dort in einem Dilemma, in das ich nie wieder geraten würde: Die dortige Polizei hatte mir zu verstehen gegeben, dass sie ihn schnell aus der Untersuchungshaft freilassen wollten. Ich hätte eine umfangreiche Abklärung bevorzugt, dann wäre er drei Wochen länger gehockt. Ich hatte aber Angst, dass die Behörden mir keine Aufträge mehr erteilen würden, wenn ich zu schwierig tue. Heute würde ich ganz anders handeln und eine grundlegende Analyse verlangen, auch wenn Kosten und Unannehmlichkeiten für den Betroffenen dabei entstünden. Vielleicht wäre ich auch nach einer mehrstündigen Untersuchung zum Schluss gekommen, dass er keine Gefahr darstellt.

Gibt es auch Menschen, die sich rehabilitieren lassen?

Ich weiss von einem Mann, der seine Tochter und seine Frau aufgrund eines sogenannten Weltuntergangswahnes umgebracht hatte. Er kam nie ins Gefängnis, sondern in die Psychiatrie, kriegte eine Umschulung und lebt jetzt unter einem anderen Namen. Ja, das kommt vor.

Auch wenn es nichts mit Massenmord zu tun hat, muss ich Sie fragen: Wie schätzen Sie den Fall Brian (alias Carlos) ein?

Das ist eine ganz andere Dimension und Form von Problem. Er ist das Beispiel eines Mannes, der medizinisch und psychiatrisch nicht erreichbar ist.

War es gar nie möglich?

Es wäre interessant gewesen, ob das Sondersetting etwas genutzt hätte. Aber wahrscheinlich nicht.

Kann man Massenmorde präventiv verhindern?

Ja, durch eine breite Aufklärung über psychische Störungen und einen niederschwelligen Zugang zu psychiatrischer Versorgung. Alle Kantone verfügen jetzt auch über Bedrohungsmanagements. Ich denke aber auch, dass wir psychisch kranke Menschen in erster Linie behandeln sollten, weil sie krank sind, nicht weil sie eine Gefahr darstellen. Das Hauptmotiv sollte nicht sein, eine Tat zu verhindern.

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