Seit 110 Jahren existiert in der Schweizer SP eine Jungpartei, doch noch nie wurde diese – sie nennt sich seit 1971 Jungsozialisten (Juso) – von einer Frau präsidiert. Angesichts der Bedeutung, welche die Gleichstellung der Geschlechter in der Politik der Linken einnimmt, ist dies erstaunlich. Doch nun soll sich das ändern: Ende vergangene Woche hat der nationale Juso-Präsident Fabian Molina den Rücktritt bekannt gegeben. Zugleich sagte er, dass er sich eine weibliche Nachfolgerin wünsche. Am 18. Juni werden die Juso das Parteipräsidium neu wählen – und an einer Frau nicht vorbeikommen. Das sagen mehrere Juso-Politiker auf Anfrage.

Baselbieter Juso etabliert

Eine Kandidatin kommt aus dem Baselbiet: die 22-jährige Samira Marti aus Ziefen. Die Soziologie- und Wirtschaftsstudentin ist längst keine Unbekannte mehr: Als Co-Präsidentin der Baselbieter Juso (bis März 2015) war sie wesentlich daran beteiligt, dass sich die Juso als wählerstärkste Jungpartei im Landkanton etabliert hat. Juso aus anderen Kantonen wie die St. Gallerin Andrea Scheck anerkennen, dass die Baselbieter Sektion auf nationaler Ebene äusserst aktiv sei. Auch daran hat Marti ihren Anteil. Bei den Nationalratswahlen im Oktober erreichte sie auf der Baselbieter SP-Liste den achtbaren vierten Listenplatz und liess mehrere gestandene Parteischwergewichte hinter sich.

Seit anderthalb Jahren politisiert Marti zudem in der Geschäftsleitung der Juso Schweiz und hat sich national einen Namen gemacht. Er kenne sie sehr gut, sagt der abtretende Juso-Präsident Molina. «Samira ist dossierfest und bringt ein hohes Engagement mit. Sie wäre sehr geeignet.» Auch Tamara Funiciello, Präsidentin der Juso Bern und mögliche Gegenkandidatin Martis, lobt die junge Baselbieterin: «Ich könnte sie mir gut als Parteipräsidentin vorstellen.» Und der kürzlich abgetretene Basler Juso-Präsident Beda Baumgartner sagt: «Sie hat bereits viel Erfahrung und geniesst eine hohe Glaubwürdigkeit.» Zugute kommt Marti ihre Funktion in der Juso-Geschäftsleitung: Als Zuständige fürs strategisch wichtige Ressort «Juso in der SP» hat sie immer wieder mit den Mitgliedern der Bundeshausfraktion zu tun. Mit ihnen debattiert sie leidenschaftlich über die grossen Themen. Marti fühlt sich sichtlich wohl auf der nationalen Politbühne. Doch will sie auch Juso-Präsidentin werden? «Ich habe mich noch nicht definitiv entschieden», gibt sie zu Protokoll. Das Amt reizt sie, gibt sie zu. Das liegt wohl auch daran, dass der Juso-Präsident in der Regel zum Vizepräsidenten der nationalen SP gewählt wird. Persönlich entgegen kommt Marti, dass sie im Sommer ihr Bachelor-Studium abschliesst; der Zeitpunkt, in den kommenden zwei, drei Jahren voll auf die Karte Politik zu setzen, wäre perfekt. Für eine Kandidatur spreche ferner die politische Situation in der Schweiz: «Sich gegen den grassierenden Rechtsnationalismus zu engagieren, ist sowohl wichtig als auch reizvoll.»

National im Rampenlicht

Und doch zögert die Ziefnerin: «Als Parteipräsidentin würde ich national als öffentliche Person wahrgenommen. Ob ich das wirklich will, möchte ich nun mit meinen politisch Verbündeten und meinem persönlichen Umfeld diskutieren.» Auch gelte es in die Überlegungen einzubeziehen, wer sonst noch kandidiere. Neben Marti ist die Berner Juso-Chefin Funiciello sehr interessiert, wie diese auf Anfrage der bz sagt.

Marti bestätigt ihrerseits, dass sie aus der Partei etliche Anfragen erhalten habe; auch sei ihr Unterstützung zugesichert worden, sollte sie sich für eine Kandidatur entscheiden. Ein Intimus bescheinigt Marti «beste Wahlchancen». Sofern sie denn will, könnte Marti nicht «nur» ihre eigene Politkarriere entscheidend vorantreiben, sondern auch Geschichte schreiben. Am 15. Mai läuft parteiintern die Meldefrist ab; Marti will sich bis Anfang April entscheiden.