Stadt versus Land

Wo gibt es echte Freiheit?

Luchs und Fuchs im Todeskampf

Luchs und Fuchs im Todeskampf

Luchs bekämpft Fuchs in Grindel

Ein junger Luchs liefert sich im Schwarzbubenland mitten auf der Strasse einen Todeskampf mit einem Fuchs – und wird dabei von einem Buschauffeur gefilmt. Tage später taucht wohl derselbe Luchs im Gundeli auf.

Auch verwahrloste Raubkatzen kriegen in Basel eine Chance

Die Stadt nimmt manchmal auch unerwartete Gäste freundlich auf. Selbst ein junger, streunender Luchs kann hier sein Glück finden.

Von den Eltern verstossen, straffällig geworden und ausgehungert – wo gibt es noch Hoffnung? In der grossen Stadt! Hier ist man frei und alle Möglichkeiten stehen offen. Und niemand weiss von dem blöden Zwischenfall mit dem Fuchs, der ihn provoziert hatte und dem er eine Lektion erteilen musste. Zuhause haben ja alle dieses Video im Internet gesehen. Peinlich, peinlich. Da half nur noch die Flucht in die Anonymität der Stadt. Neu anfangen, von jetzt an keinen Unsinn mehr.

Bis ins Gundeli hat es der junge Luchs aus dem Laufental geschafft. Doch bevor er sich in den gentrifizierten Chai-Latte-To-Go-Strom von Sozialpädagogen in den Mittdreissigern werfen und untertauchen konnte, hat ihn die Feuerwehr geschnappt. Zuerst war er verzweifelt. Hinter Gittern würde er es doch nie und nimmer aushalten! Doch die Behörden meinten es gut mit ihm. Seine Jugend wirkte sich strafmildernd aus. Statt ins Gefängnis wandert er nun in ein Luchs-Reintegrations-Programm in den Langen Erlen, wo er gepflegt wird und den harten Winter verbringen darf.

Besser kann er es gar nicht treffen. Eine nette Luchsfamilie wird ihn aufnehmen und ihm die Chance geben, eine gesunde Sozialkompetenz zu entwickeln. Und sollte er dem Ruf der Strasse nicht wieder folgen wollen, winkt bei guter Führung sogar ein Jobangebot: Hauptdarsteller im Luchsgehege des Tierparks! Endlich die Anerkennung, die er immer suchte!

Es ist die klassische Tellerwäscher-Story. Wer hätte ahnen können, dass Basel es mit seinen Neuankömmlingen so gut meint? Die Stadt, manchmal dunkel und kalt, zeigt sich von der gnädigen Seite. Hier darf man sich auch ins Rheinknie kuscheln, wenn Wald und Wiesen auf dem Land keinen Schutz mehr bieten und der fuchsige Dorfklatsch den geistigen Horizont immer enger schnürt. Mama Basel sagt Willkommen!

Kaum hat der Luchs Stadtboden betreten, wird er verhaftet

Die eindrückliche Geschichte vom Schwarzbuben-Jungluchs zeigt einmal mehr: Freiheit ist nur auf dem Lande möglich.

Eine bessere Geschichte als diese reale kann auch ein begnadeter Fabel-Dichter nicht erfinden: Da liefert sich der Jung-Luchs aus dem Schwarzbubenland auf der Strasse einen Todeskampf mit einem Fuchs, streift dann tagelange verstört und hungrig umher, bis er in der Stadt – und in einem engen Käfig landet. Nun droht er gar eingeschläfert zu werden. Es ist eine lehrreiche Geschichte über Natur und Zivilisation. Verständlich, dass der Hunger die Raubkatze in die Zivilisation trieb. Die Stadt wartet auch für den Menschen mit allerlei Verlockungen auf. Sich diesen hinzugeben, führt oft ins Verderben. Das gilt erst recht für den Luchs: Kaum hat er Stadtboden betreten, wird er von der Feuerwehr verhaftet.

Das Tier passt nicht in die Stadt, kann sich hier nicht gemäss seinem Naturell entfalten. Ein Leben in der Stadt, in Gesellschaft, funktioniert nur mit klaren Regeln, sonst bricht das Chaos aus. Dass es Regeln geben muss, ist daher verständlich. Nur: Ein Leben in Freiheit ist das nicht. Ganz anders das Leben in der Natur. Es ist rau und gefährlich, wie das eindrückliche Video vom Kampf zwischen Luchs und Fuchs zeigt. Zugleich ist es unverstellt und ehrlich. Interessant ist, dass der Busfahrer vom Lande den Kampf gefilmt, aber nicht eingegriffen hat. Der Stärkere möge gewinnen. Wetten, dass – wären die Streithähne im Gundeli aufeinandergetroffen – eine Beauftragte für tierische Gleichstellung diese sofort zu trennen versucht hätte?

Die Natur erscheint uns Zivilisationswesen oft gnadenlos und ungerecht – und doch manifestiert sich in ihr unsere Sehnsucht nach persönlicher Entfaltung. Auch der amerikanische Traum handelt davon. Es ist nicht der Traum von den Hochhausschluchten New Yorks, sondern jener von wilden Canyons und der einsamen Waldhütte. Natur bedeutet Freiheit, Zivilisation ist – im besten Fall – ein Kompromiss. Ach, hätte das doch jemand dem jungen Luchs vor zwei Wochen gesagt.

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