Berlac AG

Woher die Schweizer Uhren ihre Farbe haben

Eine Berlac-Mitarbeiterin testet in Sissach die Farbe eines Lacks für Uhren-Zifferblätter.

Eine Berlac-Mitarbeiterin testet in Sissach die Farbe eines Lacks für Uhren-Zifferblätter.

Sie sind dafür verantwortlich, dass der Lancia-Kühlergrill so glänzt und sorgen für den letzten Schliff der Victorinox-Taschenmesser. Der Sissacher Lackproduzent Berlac ist mit seinen Spezialitäten in unserem Alltag präsent.

Mit die teuersten Lacke Europas kommen aus Sissach. Doch trotz Frankenstärke gehen 85 Prozent der Produktion der Berlac AG in den Export, davon der Löwenanteil in den Euro-Raum. Und obschon ein Berlac-Produkt gut und gern 30 Euro pro Kilo kostet, wo ein Standard-Lack für 5 bis 6 Euro zu haben ist, begegnet man den Berlac-Lacken täglich – auch in Zeiten der Frankenstärke.

Was widersprüchlich klingt, ist Berlacs Geschäftsmodell: «Wir sind in einer Vielzahl von Nischen unterwegs», erklärt CEO Willy Scheuchenpflug. «So liefern wir Spezialitäten, von denen man so wenig benötigt, dass sie für die Grossen der Branche uninteressant sind. Beispielsweise Lacke für Zifferblätter.» Weit über 90 Prozent der Zifferblätter von Schweizer Uhren sind mit Berlac-Produkten lackiert, weltweit ist Berlac in diesem kleinen, aber luxuriösen Segment der Marktführer.

Know-how als Verkaufsargument

Ein Lancia-Kühlergrill, Mercedes-Steuerräder, Velohelme, Victorinox-Taschenmesser, das Audi-Airbag-Emblem, Peugeot-Lenkrad-Spangen, Phonak-Hörgeräte, Leica-Kamera-Gehäuseteile, Brillengestelle, Velobremsen-Griffe oder Edel-Schreibgeräte von Montblanc, Faber-Castell und Staedtler oder Telefone von Gigaset – überall liefert Berlac Lacke für den letzten Schliff. «Da sind nicht nur unterschiedlichste Eigenschaften wie Chemikalien-, Kratz- und Abriebfestigkeit oder medizinaltechnische Anforderungen zu erfüllen, sondern es werden auch höchst unterschiedliche Effekte verlangt.»

Hier kommt das zweite Standbein des Berlac-Geschäftsmodells ins Spiel: «Wir entwickeln jeweils den Lack in engem Kontakt mit dem Kunden nach seinen Vorgaben.» Dafür kann Berlac bei einer Jahresproduktion von 800 Tonnen auf eine Datenbank mit über 20 000 Rezepten zurückgreifen. Dabei sind knifflige Aufgaben zu lösen: So müssen die mit Sissacher Lack überzogenen Tasten in einem Mercedes-Lenkrad exakt der Farbe des Steuerrads entsprechen, das mit einem anderen Verfahren hergestellt wurde. Oder die Gehäuseteile eines Hörgeräts werden an weltweit fünf verschiedenen Orten hergestellt und deshalb auf unterschiedlichen Anlagen gespritzt. «Würden wir die Lacke für die einzelnen Standorte nicht spezifisch für das jeweilige Verfahren abmischen, könnte man die Unterschiede sofort sehen.» Entsprechend kann Berlac für ihr Know-how einen höheren Preis verlangen.

Weltweit tätige Gruppe

Sissach ist auch der Sitz der Berlac-Gruppe, die Standorte in Hongkong, China, Mexiko, vier Fabriken in Deutschland und zwei in der Schweiz umfasst. Auch für die ganze Gruppe gilt das Konzept, dass man sich auf Spezialitäten konzentriert. «Dies zeigt sich unter anderem daran, dass sich deutlich weniger als ein Zehntel unserer Rohstoffe überschneiden», erklärt Scheuchenpflug als CEO der ganzen Gruppe.

Entsprechend seien die einzelnen Standorte eigenständig. Ein zentraler Einkauf und andere zentrale Abteilungen würden keinen Sinn machen, sagt Scheuchenpflug: «Ein CEO, eine Finanz-Chefin und ein Verwaltungsratspräsident aus der Aargauer Eigentümerfamilie Kesselring, das reicht.»

Enge Beziehungen bestehen zur Basler Lacke AG in Buchs (AG), die ebenfalls zur Gruppe zählt: Man unterhält an beiden Standorten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Zusammen beschäftigen die beiden Schweizer Standorte 115 Mitarbeitende, davon deren 80 in Sissach. Weltweit sind bei Berlac 750 Personen beschäftigt. Von Basler Lacke stammen unter anderem Farben für Markierungen auf Schweizer Strassen. «Gerade bei Fussgängerstreifen ist immer wieder Innovation gefragt», berichtet Scheuchenpflug.

Franken schmälert Spielraum

Der Frankenschock kam für Berlac nicht unerwartet: «Wir haben schon vorher weitere Produktionszweige wie Wasserlacke oder Druckfarben beispielsweise für Ski- und Snowboard-Folien aufgezogen und überall die Kosten optimiert.» Wer aber der Teuerste ist, kann die Preise nicht anheben. «Die Marge fiel 2015 ganz weg, und langfristig wird sie deutlich tiefer als bis anhin ausfallen», schätzt Scheuchenpflug. Damit würden die Mittel für Innovation und Entwicklung geschmälert.

Auch Geschäfte für die reine Kundenbindung dürften seltener werden. So berichtet der CEO, Pilatus habe bei einem Prototyp für einen speziellen Aussenanstrich – im Innenbereich ist Berlac schon vertreten – nach einer Lösung gesucht. «Wir konnten sie liefern. Wegen der kleinen Menge haben wir nicht direkt verdient. Aber beim nächsten Problem wird man sich an Berlac erinnern.»

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