Gelterkinden

Wohnheim Erzenberg ist letzte Anlaufstelle für Drogenabhängige

Heimleiter Jürg Voneschen arbeitet mit Unterbrüchen seit der Gründung für das Wohnheim Erzenberg.

Heimleiter Jürg Voneschen arbeitet mit Unterbrüchen seit der Gründung für das Wohnheim Erzenberg.

Seit diesem Mai leben Menschen mit Suchtproblemen im Wohnheim Erzenberg in Gelterkinden. Dort bekommen sie ein Dach über dem Kopf, einen geregelten Tagesablauf und Beratung – den Weg zurück in den Berufsalltag finden sie aber meistens nicht mehr.

«Die Menschen, die zu uns kommen, sind in einer sehr schlechten Verfassung.» Wenn er über seine Institution spricht, nimmt Jürg Voneschen kein Blatt vor den Mund. Der 58-Jährige leitet das Wohnheim Erzenberg, in dem Drogenabhängige leben. Es bietet suchtkranken Personen individuelle Betreuung, Beratung und Beschäftigung an. Seit vergangenem Frühling ist das Haupthaus der Einrichtung im ehemaligen Landgasthof zum Ochsen in Gelterkinden untergebracht. Nachdem das Heim wegen Einsprachen aus der Nachbarschaft lange Zeit auf der Kippe gestanden hatte, hat man sich mittlerweile am neuen Standort mitten im Dorf gut eingelebt.

Einige Anwohner hätten sich vor Drogensüchtigen gefürchtet, welche herumschleichen und auf der Strasse konsumieren würden, blickt Heimleiter Voneschen einige Jahre zurück. «Dabei ist das in Gelterkinden kein Problem.» Es gebe in der Oberbaselbieter Gemeinde keine Drogenszene, weshalb die Bewohner dort kaum an illegale Betäubungsmittel gelangen könnten. Um dann sogleich nachzuschieben, dass sich manche Klientinnen und Klienten durchaus in Olten oder in Basel ihren Stoff besorgen würden. Das könne er nicht verhindern und sei auch nicht die Aufgabe des Wohnheims Erzenberg.

«Drogenfreiheit ist nicht unser Ziel», stellt der ausgebildete Sozialpädagoge klar. Vielmehr möchte man den Randständigen eine Bleibe bieten und damit verhindern, dass sie obdachlos werden. Für viele sei das Heim die letzte Anlaufstelle nach einer langen Odyssee von Einrichtung zu Einrichtung. Die Kosten für den Aufenthalt in Gelterkinden werden von den Sozialdiensten oder der IV übernommen.

Alkohol als Ausweichdroge

Alle der momentan 15 Bewohner sind in einem Substitutionsprogramm und erhalten Methadon oder andere Ersatzpräparate. Innerhalb der Mauern des Heimes dürfen die Abhängigen kein Rauschgift nehmen. Der Konsum und Handel harter Drogen kann zu einem sofortigen Ausschluss führen. Niederprozentiger Alkohol ist hingegen auf dem Zimmer erlaubt und ist keine Seltenheit, wie sich beim Besuch zeigt.

Schon vor der Türe begegnet einem eine ältere, leicht alkoholisierte Klientin, die einen freundlich ins Büro von Heimleiter Jürg Voneschen führt. Dieser meint – angesprochen auf die Bewohnerin – dass Alkohol eine ideale Ausweichdroge darstelle. «Er ist immer und überall erhältlich. Und dazu auch noch gesellschaftlich akzeptiert.»

Um in der hauseigenen Werkstatt zu arbeiten, dürfen die Suchtkranken aber keinen Alkohol im Blut haben. Die dortige Tätigkeit ist Teil eines strukturierten Tagesablaufs, der nach der morgendlichen Medikamentenabgabe mit einem gemeinsamen Frühstück beginnt. «Es ist wichtig, dass der Tag einer gewissen Ordnung folgt», sagt Voneschen. Danach verteilen sich die Klientinnen und Klienten auf das ganze Haus.

Einige falten Verpackungen für ein lokales Unternehmen zusammen, andere rüsten in der Küche das Gemüse für das Mittagessen. Zubereitet werden die Speisen von einem Bewohner, der vor seinem Drogenabsturz eine Kochlehre absolvierte. Der Nachmittag steht wiederum zur freien Verfügung. Manche würden ihn nutzen, um sich in der Werkstatt einige Franken dazuzuverdienen.

Viele Drogenkranke sind seit mehreren Jahren im Wohnheim Erzenberg zu Hause. Vor dem Einzug in Gelterkinden lebten sie in Liestal, wo sich noch immer ein Standort der Einrichtung befindet. «Dieser dient heute der Analyse des gesundheitlichen Zustands und des sozialen Umfelds der Neuankömmlinge», erklärt Jürg Voneschen. «Ebenso besprechen wir mit ihnen die Zukunftsperspektiven.» Anschliessend verlegt man die Klienten in der Regel nach Gelterkinden. Der letzte Schritt der dreistufigen Betreuung ist ein Umzug in eine Wohnung oder in eine Wohngemeinschaft. Auf dem Weg zurück in ein selbstständiges Leben werden sie von den acht Mitarbeitern des Wohnheims Erzenberg begleitet.

Finden kaum wieder eine Stelle

Dass die Bewohner eines Tages auf eigenen Beinen stehen, kommt nur selten vor. Voneschen, der mit Unterbrüchen seit der Gründung im Jahr 1993 dabei ist, macht sich keine Illusionen. Schon für Menschen ohne Drogenhintergrund sei es ab einem gewissen Alter schwierig, eine neue Stelle zu finden. Beinahe aussichtslos ist es für langjährig Süchtige: «In der Privatwirtschaft können sie kaum mehr Fuss fassen.»

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