Theater

Yvonne, die Schreckliche

«Yvonne, die Burgunderprinzessin» verstört die Adelsschicht: Das Stück läuft als erste Freilichtaufführung vor dem Sissacher Schloss Ebenrain.

«Yvonne, die Burgunderprinzessin» verstört die Adelsschicht: Das Stück läuft als erste Freilichtaufführung vor dem Sissacher Schloss Ebenrain.

Am Donnerstag feierte «Yvonne, die Burgunderprinzessin» Premiere vor königlicher Kulisse – zum ersten Mal wird im Park vor dem Sissacher Schloss Ebenrain gespielt

Wenn ein Mann reich genug ist, um sich mit dem Elend selbst zu verloben, ist das – ja was? Zum Glück nur Fiktion. Also: Reicher Mann nimmt sich hässliche, arme Frau und macht mit ihr, wie ihm gelüstet. Schlicht und einfach, weil ers kann. Das ist der Anfang von Yvonne, dem Stück. Und das Ende von Yvonne, einer Frau, die die Normen der herrschenden Klasse sprengt und mit ihrem apathischen Wesen die höfische Welt in die Verzweiflung treibt. Das Absurde an der Geschichte: Sie tut dies, indem sie absolut gar nichts tut. Sie ist nichts. Und doch löst sie die wohl grösste Katastrophe am Königshaus aus.

Als Kulisse dieser tragisch-ironischen Komödie fungiert das Schloss Ebenrain in Sissach. Den Regisseur, Kaspar Geiger, faszinierte dieser Ort schon immer – «diese prächtige Lindenallee, diese ehrwürdigen Gebäude».

Dort, im Innenhof, steht jetzt das Publikum und schaut den ersten Szenen zu, wie sich Prinz Philipp und sein Gefolge über die zufällig dahergelaufene Yvonne lustig machen. Nachdem sie sich Hohn und Spott hat gefallen lassen, stimmt sie der vom Prinzen vorgeschlagenen Verlobung zu – leeres Gesicht, stumpfe Augen, steinerner Körper. An ihr gibt es keinen Anhaltspunkt für diesen Schritt, die Figur kennt offenbar keine Motivation und ist so flach wie ein Stück Papier.

Mehr verrät auch die Textvorlage des polnischen Autors Witold Gombrowicz nicht. Trotzdem hätte der Figur im Spiel etwas mehr Kontur nicht geschadet, nur zu gern hätte man von Schauspielerin Anna Sonnenschein mehr gesehen, als die Inszenierung erlaubte. Immerhin: Der Schluss gehört ganz ihr.

Publikum wechselt den Ort

Nachdem das Königspaar der Verlobung zugestimmt hat (Königin: «Er tut es aus Mitleid») wechselt das Publikum mitsamt der Hofgesellschaft den Spielort. Kies knirscht unter den Sohlen, die gut achtzig Besucherinnen und Besucher schreiten durch die Allee, während sich die Nacht über die Baumkronen legt. Dazu stimmt das Saxofon-Ensemble «Silverhorns» ein arrangiertes Balkanmotiv an (Musik: David Lichtsteiner und Tobias Krebs). Die Stimmung ist auf eigenwillige Art mystisch. Dort, wo der Boden eben und das Gartentor nicht weit ist, stehen dreissig Meter lange Bretter, wie eine grosszügige Tafel. Das Publikum sitzt links und rechts davon. Ein Lichtstreifen erhellt von oben die Bretter, auf der die Szenerie ihrem Höhepunkt zusteuert.

Es knallt, als König Ignaz der Kragen platzt, eindrucksvoll dargestellt von Schauspieler Roger Bonjour. «Ich bin kein Tier», wirft er Yvonne entgegen, dass die Baumstämme zittern. Doch die Burgunderprinzessin reagiert nicht. Yvonne bleibt ein Fehler im System, und, auf sie reagierend, entlarvt der feudale Adel seine eigene Hässlichkeit.

Die aus Laien- und Profi-Schauspielern bestehende Gruppe «Statt-Theater» unter Kaspar Geiger prescht mit viel Elan und feiner Situationskomik durch diese gesellschaftskritische Tragikomödie unter freiem Himmel. Möglich wurde diese aufwendige Produktion durch die Unterstützung von kulturelles.bl, dem Swisslos-Fonds und vor allem dank des ehrenamtlichen Einsatzes der vielen Beteiligten.

Bewilligung hart errungen

Seit 2007 inszeniert Regisseur Kaspar Geiger mit einem Kernteam an Kunstschaffenden Theaterstücke und Performances. Bei Yvonne ist etwas ganz besonders: Noch nie wurde die weitläufige Parkanlage des Ebenrains theatralisch bespielt. Dass ein solches Projekt an einem solchen Ort überhaupt möglich wurde, dafür vollführte der Regisseur einen Seiltanz durch die Kantonsverwaltung, um die Bewilligung zu erhalten. Der lange Premierenapplaus bestätigt: Es hat sich gelohnt.

Aufführungen bis 21. und 25.–28. August um 20.30 Uhr im Schlosspark Ebenrain Sissach. Vorverkauf: Buchladen Rapunzel oder Theater Palazzo, Liestal; Papeterie Pfaff, Sissach; Shirteria, Gelterkinden.

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