Coronakrise

Zuerst pfui – dann hui: Wie Monica Gschwind an der Coronakrise wuchs

Besondere Umstände rufen nach besonderen Massnahmen: Monica Gschwind bei der Online-Medienkonferenz vom vergangenen Mittwoch darüber, wie der Kanton Baselland die Schulen nach der Coronapause wieder zu öffnen gedenkt.

Besondere Umstände rufen nach besonderen Massnahmen: Monica Gschwind bei der Online-Medienkonferenz vom vergangenen Mittwoch darüber, wie der Kanton Baselland die Schulen nach der Coronapause wieder zu öffnen gedenkt.

Zuerst musste sie selber in Quarantäne, doch hinter den Kulissen sorgte die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind dafür, dass die Lehrkräfte trotz der widrigen Umstände in Ruhe arbeiten können. Nur wusste davon ausserhalb des Bildungskuchens lange niemand.

Der Beginn der Coronakrise in der Region Basel war auch eine Krise für die Baselbieter Regierung. Dazu, wie sie in den ersten Wochen der sich anbahnenden Pandemie kommunizierte, passt das, was Winston Churchill über die Amerikaner gesagt hat: Die fänden für jedes Problem die bestmögliche Lösung, aber erst, nachdem sie alles andere vorher ausprobiert haben. Das trifft vor allem auf eine Regierungsrätin zu: Monica Gschwind.

Für sie beginnt die heisse Phase denkbar ungünstig. Donnerstag, 5. März: Das letzte Wochenende der Fasnachtsferien steht bevor. Monica Gschwind ist gerade aus den Schneeschuhferien in Südtirol zurückgekehrt, da muss ihre Bildungsdirektion verkünden, dass alle Kinder, die sich in Risikogebieten aufgehalten haben, zwei Wochen in Quarantäne verbringen müssen. Am anderen Tag trifft es die Chefin selbst: Das Bundesamt für Gesundheit erklärt ganz Italien zum Risikogebiet. Die Freisin­nige Bildungsdirektorin muss eine Woche zu Hause bleiben, Homeoffice betreiben – etwas, was heute für Hunderttausende im Land Alltag ist, damals aber exotisch klang. Und nicht so recht passen wollte zu einer Magistratin, die bei rauer See an Deck gehört und nicht in die warme Stube.

Es gebe «keinen Anlass», die Medien einzuladen

An jenem 5. März gibt es in den beiden Basel 14 bestätigte Covid-19-Fälle. Noch kann man die Infektionsketten zurückverfolgen – und trotzdem macht sich in der Öffentlichkeit Nervosität breit wegen des gespenstischen Virus. Der Informationshunger ist immens. Gestillt wird er aber vor allem im anderen Basel.

Gschwinds Kollege in der Stadt, Conradin Cramer, steht noch am Donnerstag, 5. März, den Journalistinnen und Journalisten Red und Antwort, erläutert die Aktion Seifenboss, die Kinder zum Händewaschen animieren soll. Die Baselbieter Bildungsdirektion belässt es bei einem Communiqué. Gschwind erklärt tags darauf im «Regionaljournal» auf Radio SRF, man habe im Gremium «keinen Anlass» gesehen, extra eine Medienkonferenz zu veranstalten.

Eine Woche später wiederholt sich das Muster. Am Freitag, 13. März, beschliesst der Bundesrat, dass alle Schulen schliessen müssen. Das Leben der Lehrerinnen und Lehrer steht Kopf. Praktisch über Nacht müssen sie von Präsenz- auf Fernunterricht umstellen. Die Basler Regierung hält eine Medienkonferenz ab, aus Liestal gibt es eine Medienmitteilung. Conradin Cramer besucht am ersten Schultag mit Coronabetrieb Lehrkräfte, die eine Handvoll Schülerinnen und Schüler betreuen. Er stellt ein Video davon auf sein Twitter-Profil. Die Baselbieter Bildungsdirektion lässt gegenüber den neugierigen Medien verlauten, man sage nichts. Man wolle, dass sich die Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler auf die neue Situation einstellen können. In Ruhe. Eine ganze Woche lang.

Dabei hatten sich die Verhältnisse kurz zuvor schon einmal gekehrt. Nicht mal 48 Stunden nach dem Entscheid des Bundesrats zu den Schulschliessungen lud die Baselbieter Regierung die Medien nach Liestal. Erklärte die Notlage. Alles, was nicht zur Grundversorgung gehörte, musste dichtmachen.
Plötzlich ging Baselland vor. Hatte Basel-Stadt kurz überholt.

Südtirol ist nicht Norditalien, oder so

Das ist sieben Wochen her. Trotz aller Light-Kommunikation zu Beginn erhält Monica Gschwind gute Noten für ihre Krisenbewältigung. Sogar von Jan Kirchmayr, SP-Landrat und Master-Student, der sich an der Pädagogischen Hochschule zum Lehrer ausbilden lässt und bereits an einer Baselbieter Sekundarschule unterrichtet. Er gibt Gschwind eine 5. «Aber sie hatte einen schwierigen Start.»
Das hatte auch mit ihm selber zu tun. Der Aescher griff genüsslich einen Lapsus auf, der Gschwind unterlaufen war. Sie sagte im erwähnten Interview im «Regionaljournal», sie habe ihre Ferien nicht absagen wollen, da sie ja nicht nach Norditalien gereist sei. «Verstehe ich Gschwind hier richtig?», schrieb Kirchmayr auf Twitter. «Sie sagt, sie sei nicht in Norditalien in den Ferien gewesen, sondern in Südtirol. Ergo gehört Südtirol ihrer Ansicht nach nicht zu Italien, sondern zu...?»

Isaac Reber sah sich gezwungen, seine Amtskollegin in Schutz zu nehmen. Sie habe mit Norditalien norditalienische Risikogebiete gemeint, twitterte der Grüne Regierungsrat. Südtirol habe noch nicht dazugehört.

Kirchmayr sagt, Gschwind habe es bei ihrem Entscheid, trotz allem nach Italien zu reisen, an Sensibilität vermissen lassen. «Doch da war sie längst nicht die einzige. Viele nahmen das zu Beginn nicht so ernst.» Danach habe sie einen guten Job gemacht, sagt Kirchmayr. Zwar habe es ein Hin und Her gegeben darüber, ob die Maturitätsprüfungen stattfinden oder nicht. Doch das sei nicht ihr Fehler gewesen, sondern derjenige des Bundesrats und der EDK, der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren.

Tatsächlich war Monica Gschwind die erste kantonale Erziehungsdirektorin, die sich für eine Absage der Prüfungen starkgemacht hat. Sie stellte bereits am 2. April einen entsprechenden Antrag bei der EDK. Der Kanton Baselland drängte auf einen raschen Entscheid, seine Maturaprüfungen hätten am 6. Mai begonnen. Er versprach den Absolventinnen und Absolventen der Gymnasien, dass sie auf jeden Fall ein Abschlusszeugnis erhalten, mit dem sie studieren könnten. 

Von Landräten erhält Gschwind durchgehend gute Noten

Erst am vergangenen Mittwoch jedoch schuf der Bundesrat Klarheit: Die Kantone dürfen selber entscheiden. Beide Basel bliesen die Maturaprüfungen ab. Sie fürchten um die Chancengleichheit – nicht alle hätten während des Lockdown vergleichbare Bedingungen vorgefunden, sich den Stoff anzueignen.

Caroline Mall konnte den Coronanotunterricht selber miterleben: Eine Tochter der SVP-Landrätin besucht die Sekundarschule. Mall, die in der Bildungs-, Kultur- und Sportkommission sitzt, stellt Gschwind ebenfalls ein wohlwollendes Zeugnis aus. «Grosso modo haben alle Beteiligten ihre Aufgabe gut erledigt, und das ohne Vorbereitungszeit.» Es sei nicht Gschwinds Schuld, dass die Abschlussklassen wochenlang nicht wussten, ob sie nun zu Prüfungen antreten müssen oder nicht. Wie ihr Landratskollege Kirchmayr gibt Mall Gschwind eine 5. «Die Lehrkräfte und Schulleitungen, die das alles umsetzen mussten, erhalten von mir sogar eine 5.5.»

Pascal Ryf, Präsident der landrätlichen Bildungskommission, sagt, er habe sich schon ganz zu Beginn der Coronakrise mit Gschwind ausgetauscht. «Sie hört auf ihre Leute in der Direktion und auf die Lehrerschaft, ist interessiert, sucht nach breit abgestützten Lösungen – das macht sie wirklich vorbildlich.» Die Südtirolreise will der CVP-Politiker als Kritik nicht gelten lassen. «Da sucht man das Haar in der Suppe.» Den einzigen Tadel bringt der Oberwiler, der in der schulergänzenden Bildung tätig ist, bei der Medienarbeit an. «Wenn ich vergleiche, wie die Basler Regierung vor die Öffentlichkeit getreten ist, muss ich sagen: Die haben zu Beginn schneller und klarer kommuniziert.» Wegen des Aufwärtstrends gebe er Gschwind eine 5.25.

Morgens um 1 Uhr noch die Elternbriefe verschickt

Und Gschwind selber? Die «Schweiz am Wochenende» sprach mit ihr am vergangenen Donnerstag, nach der Onlinemedienkonferenz zum Schulstart am 11. Mai. Sie sagt, sie habe bei Corona keinen holprigen Start gehabt – denn die Arbeit habe viel früher begonnen, Ende Februar, mit zwei Taskforces. Deshalb habe man auch so rasch reagieren können. «Nur ein Beispiel: Als der Bundesrat am 13. März die Schulschliessung beschloss, legten wir sofort los und konnten nach einer Nachtschicht den Schulen bereits am 14. morgens um 1 Uhr alles schicken, inklusive ausformulierter Elternbriefe. Das wurde sehr geschätzt.» Auch bei den Kitas habe man rasch kommuniziert. Lediglich Basel-Stadt und die Stadt Zürich seien schneller gewesen.

Bei der Frage, welche Note sie sich selber erteilen würde, zögert die Hölsteinerin. Es entspreche nicht ihrem Naturell, sich selber zu bewerten. Doch anhand der vielen positiven Rückmeldungen für sie und das ganze Team würde sie sich eine gute Note geben.

Auf die Nachfrage hin, ob «gut» einer 5 entspreche, antwortet Gschwind: «Gut ist gut!»

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