Herr Schödler, die Baselland Transport AG (BLT) hat in den vergangenen Wochen an Infoanlässen in Hölstein, Niederdorf und Oberdorf die Bevölkerung über den aktuellen Stand der Erneuerung der Waldenburgerbahn informiert. Kritische Stimmen blieben fast aus. Überrascht Sie das?

Fredi Schödler: Ja und nein. Nach der letzten Bevölkerungsinformation in Hölstein erhielt ich von einigen Personen das Feedback, wir hätten klar und sachlich orientiert. Deshalb kämen gar keine Fragen auf, weil diese mit unseren Ausführungen bereits beantwortet seien. Das ist auch unser Ziel: Wir wollen die Bevölkerung über das Projekt und unsere Massnahmen, die sie betreffen, transparent informieren.

Sie befinden sich von der Kommunikation her auf dem richtigen Pfad.

Gewiss. Dieser Weg ist aber auch absolut notwendig. Die Erneuerung der Waldenburgerbahn bewegt die Bevölkerung, was richtig ist und so sein soll. Deshalb besteht aus unserer Sicht Anspruch auf Informationen zum Projekt.

Die BLT hat ihren Sitz im Unterbaselbiet. Sie hat Anfang 2016 die Waldenburgerbahn (WB) übernommen. Viele Aktionäre aus dem oberen Kantonsteil waren damals wenig begeistert. Wie ist aus Ihrer Sicht die BLT im Waldenburgertal akzeptiert?

Wir haben eine grosse Akzeptanz. Das hängt primär sicher damit zusammen, weil wir auf die Leute zugegangen sind und dies auch künftig tun werden. Wir nehmen ihre Anliegen auf und nehmen sie ernst. Tatsache ist aber auch, dass wir nicht jedes einzelne Bedürfnis erfüllen können. Dabei erklären wir, wenn wir etwas nicht berücksichtigen können, weshalb das so ist. Das trägt viel dazu bei, dass wir Verständnis fördern können und entsprechend akzeptiert sind.

Die WB-Erneuerung mit Investitionen von insgesamt über 300 Millionen Franken ist für die BLT eine grosse Kiste.

Tatsächlich. Eine Bahn auf gut 13 Kilometern komplett zu erneuern, ist mit Herausforderungen verbunden. Es braucht einiges an Koordination, man muss alle Themen miteinander abstimmen. Das ganze Volumen kann nicht innert eines Jahres verbaut werden. Gewisse Sachen können wir vorziehen. Das benötigt eine minuziöse Planung. Die drei grössten Herausforderungen sind: Termine, Hochwasserschutz und Landerwerb.

Betreten Sie auch Neuland?

Mit der Bedeutung des Hochwasserschutzes waren wir in unseren bisherigen Projekten in diesem Umfang noch nie konfrontiert. Dazu mussten wir Spezialisten beiziehen und mit Fachstellen wie dem Baselbieter Tiefbauamt und Bundesamt für Umwelt zusammenarbeiten. Dies funktioniert aber sehr gut.

Aus politischen Kreisen wird vereinzelt kritisiert, die Erneuerung der WB sei eine Luxusvariante. Ist das ganze Projekt zu teuer?

Selbstverständlich sind eine Viertelmilliarde Franken für die Infrastruktur und nochmals 50 bis 60 Millionen für die Fahrzeuge viel Geld. Wenn wir die Bahn erhalten und erneuern können und sie dann den Kundenbedürfnissen entspricht, gehen wir davon aus, dass sich das Tal und seine Dörfer entwickeln.

Die Bahn bedeutet einen grossen Standortvorteil für alle Gemeinden. Würden wir die Bahn nicht erneuern oder hätten sogar auf Bus umgestellt, würde das Waldenburgertal wahrscheinlich dort stehenbleiben, wo es heute ist. Und Stillstand bedeutet bekanntlich Rückschritt.

Also kein Luxusprojekt?

Keinesfalls. Sicher ist es ein schöner Batzen Geld, den wir ins Tal investieren, auch gemessen an der Anzahl Einwohner. Wir sind aber überzeugt, wenn man nachher etwas macht aus dieser Investition, ist das eine riesengrosse Chance für die wirtschaftliche Entwicklung des Waldenburgertals sowie die Stärkung der Stadt Liestal. Andere Regionen haben gezeigt: Mit dem Menüplan kommt der Appetit.

Zu den drei Dörfern, in denen Sie kürzlich Infoanlässe durchgeführt haben. Hölstein verliert eine Haltestelle, weil zwei Stationen zusammengelegt werden. Dagegen wehrten sich 300 Personen mit einer Petition. Dank einem Fusswegkonzept konnte man dies bereinigen. Mussten Sie grosse Kompromisse eingehen?

Nein. Ich glaube, es wird jetzt verstanden, weshalb diese Massnahme nötig ist. Die Zusammenlegung der beiden Haltestellen ist erforderlich, damit wir künftig einen stabilen Betrieb und die Anschlüsse in Liestal zu den Zügen der SBB sicherstellen können. Und sie verlangt Anpassungen.

Die Gemeinde muss nun das Fusswegkonzept, das auch Schulwege beinhaltet, genau anschauen. Dort, wo wir schlechtere Zugänge zu unseren Haltestellen haben, arbeiten wir mit den Gemeinden zusammen und werden unseren Teil am Konzept übernehmen. Erleichterte Zugänge sind auch in unserem Interesse, denn letztlich wollen wir unseren Fahrgästen optimale Bedingungen für die Nutzung der Bahn anbieten.

In Niederdorf benötigen das breitere Trassee und der Hochwasserschutz bei den schon ohnehin engen Verhältnissen zwei bis drei Meter mehr Platz. Sie müssen in grösserem Mass Land erwerben, was Betroffene nicht freuen wird. Fürchten Sie sich davor?

Das macht uns insofern Sorgen, weil die Verhandlungen dazu erst begonnen haben. Uns ist bewusst, dass wir privates Eigentum benötigen. Ich denke in solchen Situationen immer, wie ich reagieren würde, wenn plötzlich BLT und Kanton kämen und mir klar machten, sie müssten von meinem Garten ein paar Quadratmeter Land haben.

Ich hätte auch keine Freude, würde aber einer guten Lösung gegenüber offen reagieren. Mit diesem Wissen gehen wir auf die Anstösser zu und suchen nach verträglichen Lösungen. Diese Gespräche brauchen Zeit, die wir uns nehmen müssen.

In Oberdorf sollen rund 70 Prozent der Parkplätze wegfallen, behauptet der Präsident des Gewerbevereins. Was sagen Sie dazu?

Das ist eine Zahl, die in den Raum gestellt worden ist. Sie stimmt definitiv nicht. Wir sorgen dafür, dass verlorene Parkplätze mit Realersatz möglichst kompensiert werden. Die neuen Abstellplätze befinden sich dann unter Umständen jedoch an einem anderen Ort.

Wir nehmen mit allen Betroffenen deren Vorplatz und Situation unter die Lupe und erörtern die Möglichkeiten. Das wird anspruchsvoll. Kein Ladenbesitzer verzichtet gerne auf Parkplätze vor seinem Laden, was verständlich ist. Während der Bauphase ist die Lage noch einmal anders. Dann werden gewisse Abstellplätze temporär nicht zur Verfügung stehen.

Bei Planauflagen sind Einsprachen möglich. Anstösser, die Land hergeben müssen, können sich wehren. Haben Sie dafür genügend Zeitreserven eingeplant, damit der Terminplan nicht aus den Fugen gerät?

Mögliche Einsprachen und bei Landerwerb auch Enteignungsverfahren sind im Zeitplan berücksichtigt. Vom Plangenehmigungsgesuch bis zur Bewilligung vergeht in der Regel ein Jahr, für einzelne Bereiche haben wir eineinhalb Jahre eingeplant.

Wir hoffen immer noch, dass wir Enteignungsverfahren vermeiden können, weil es – das ist meine persönliche Ansicht – bei Enteignungen nur Verlierer gibt. Wenn man sich gütlich einigen kann, ist das für alle Beteiligten viel angenehmer.

Aber der ganze Terminplan bis Ende 2022 ist ambitiös.

Ja, und sehr ehrgeizig, aber realistisch. Unser Ziel ist gesetzt.

Im Jahr 2022 wird auf die Ein-Meter-Spur gewechselt. Während gut eines Jahres fahren dann Ersatzbusse. Wissen Sie schon, wie das auf der Kantonsstrasse und an den Enden in Liestal und Waldenburg geschehen soll?

Während der Bauphase wird es zu Behinderungen kommen. Mit einem ausgeklügelten Bau- und Logistikkonzept werden wir die Bauabläufe umsichtig planen, um damit die Einschränkungen möglichst gering zu halten. Der Fahrplanstabilität der Bahnersatzbusse widmen wir grösste Aufmerksamkeit.

Die Busse werden in Waldenburg voraussichtlich bis zur temporären Endhaltestelle auf dem Gemeindeplatz fahren und dort wenden. In Liestal ist angedacht, dass wir via Wasserturmplatz zum Bahnhof fahren und von dort via Kantonalbankkreuzung und Gestadeckplatz zum Altmarkt zurück.

Der Bahnhof Liestal wird auf vier Spuren ausgebaut und ist für ein paar Jahre eine Baustelle. Kann der Kantonshauptort den Mehrverkehr mit Ihren Bussen schlucken?

Ja, denn mit dem geplanten Regime fahren wir mit jedem Bus nur in eine Richtung. Das sind Fahrzeuge, die im Viertel-Stunden-Takt dort ankommen und wegfahren. Klären müssen wir noch, was zu den Hauptverkehrszeiten geschieht, wenn wir mehr als einen Bus benötigen. Es werden Gelenkbusse sein, die möglicherweise dann gestaffelt fahren. Um die Kapazität sicherzustellen, werden wir Busse mieten.

Die Umspurung der WB und der Verlust des Dampfbähnlis lösten teils emotionale Debatten aus. Das steht nun nicht mehr im Mittelpunkt und scheint akzeptiert zu sein.

Diese Diskussion wurden konstruktiv abgeschlossen. Die Umspurung ist nicht mehr im Fokus, und das ist auch gut so. Sie muss erfolgen, denn eine Bahn mit einer exotischen Spur von 75 Zentimetern zu bauen und zu betreiben, ist wirtschaftlich nicht möglich. Fahrzeuge wären zwar erhältlich, aber wegen Spezialanfertigungen viel zu teuer, da sie nicht Standard sind.

Auch die Infrastruktur wäre viel teurer. Mit dem Dampfverein – und da bin ich sehr froh – hat man eine gute Lösung gefunden. Die Dampfbahn wird als Zeitzeugin ausgestellt, das Dampfmuseum beim Talhaus wird eine ganz gute Sache.

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Bereits jetzt wird über führerlose Züge gesprochen, die einst im Waldenburgertal verkehren sollen. Wie weit ist die Entwicklung? Wann ist dies frühestens möglich?

Für die neuen Fahrzeuge der WB müssen die Hersteller den teilautomatischen Betrieb als Option offerieren. Das heisst: Die Fahrzeuge sollen in der Lage sein, automatisch zu beschleunigen und zu bremsen.

Gleichzeitig können sich die Fahrdienstmitarbeitenden voll der Streckenbeobachtung und der Sicherheit widmen. Der voll autonome Betrieb liegt demgegenüber noch in ferner Zukunft. Wann die WB für einen solchen Schritt bereit sind, ist zum heutigen Zeitpunkt noch offen. Die neue WB wird mit anderen Worten auch in naher und mittelfristiger Zukunft von einem Wagenführer geführt.

Die WB-Farben Rot und Weiss bleiben?

Das werde ich immer wieder gefragt. Sicher ist, dass der Brand «Waldenburgerbahn» in einer Form erhalten bleiben muss.

An der WB-Erneuerung müssen die Interessen vieler Player unter einen Hut gebracht werden. Besteht nicht die Gefahr, dass Kompromisse geschmiedet werden, die niemanden so richtig befriedigen?

Das Leben besteht aus Kompromissen. Ein Kompromiss ist, wenn nachher alle dazu Ja sagen können. Was wir nicht machen, sind faule Kompromisse. Wir nehmen die Bedürfnisse auf und erklären, was möglich ist. Aber alles hat Grenzen. Enorm wichtig ist, dass alle gleichbehandelt werden.

Klar ist aber auch: Der eine verliert mehr oder weniger, der andere gewinnt mehr oder weniger. Dies zeigt unter anderem das Fusswegkonzept in Hölstein: Jene haben einen längeren Weg zur Haltestelle, diese einen kürzeren. Für das Gros spielt es am Schluss keine Rolle mehr. Oberste Priorität ist eine kundenfreundliche Bahn, die zuverlässig funktioniert.