Schweizerhalle

Zwei Chlor-Lecks in 24 Stunden bei CABB in Pratteln

Die Herstellung von Chlor und Chlorprodukten – beispielsweise für Agrar-Chemikalien – ist das Kerngeschäft der Cabb in Pratteln. Archivbild

Die Herstellung von Chlor und Chlorprodukten – beispielsweise für Agrar-Chemikalien – ist das Kerngeschäft der Cabb in Pratteln. Archivbild

Nach einem Chemikalien-Austritt in der Nacht auf Montag beim Chlorproduzenten Cabb in Schweizerhalle ist gestern früh erneut eine kleine Menge Chlor entwichen. Bereits Anfang Oktober kam es zu zwei ähnlichen Ereignissen, die auch die Staatsanwaltschaft auf den Plan riefen.

Schon wieder Cabb. Und wieder bestand für Menschen und Umwelt «keine Gefahr». Vielleicht stimmt das im konkreten Fall sogar: Gestern Morgen sei es nur eine kleine Menge Chlorgas gewesen, die kurz nach 3.3O Uhr aus einem undichten Verbindungsstück austrat, heisst es in der Polizeimeldung. Die Anlage wurde heruntergefahren, die Produktion in der Prattler Chemiefabrik abgestellt.

Doch nur 24 Stunden zuvor waren Schwefeldioxid und Chlorwasserstoff (Salzsäuregas) durch eine Dachluke entwichen. Dies stach jemandem auf einem Nachbargrundstück in die Nase. Die Person alarmierte die Feuerwehr, welche dann die Dachluke schloss und den Haar-Riss in einer defekten Leitung abdichtete.

Auch dies wäre ja zur Not noch als unglückliche Häufung erklärbar. Doch bereits am 5. und 6. Oktober trat in dem in Schweizerhalle direkt neben der Autobahn gelegenen Betrieb Chlor aus. In einem Fall war es gemäss «Tageswoche» ein Automobilist, der den Alarm auslöste. Sechs Personen mussten medizinisch untersucht werden.

Dass Chlor gefährlich ist, bezahlte vor zwei Jahren ein Cabb-Arbeiter nach einem Betriebsunfall mit dem Leben; die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und da sich das Gas nicht in die Atmosphäre hinauf verflüchtigt, sondern dem Boden entlang kriecht, wird es seit dem Ersten Weltkrieg als Chemiewaffe eingesetzt, die in Schützegräben und Schutzkeller eindringt.

Politiker aufgeschreckt

«Die Regierung hat die Häufung von Meldungen bei der Firma Cabb in den vergangenen Tagen mit Sorge zur Kenntnis genommen», erklärt Volkswirtschaftsdirektor Thomas Weber (SVP). Auch Landratspräsident Philipp Schoch (Grüne), der selbst in Pratteln wohnt, bereitet vor allem die Häufung der Ereignisse in «ungemütlicher Nähe zu dicht besiedeltem Gebiet» Sorgen: «Kriegt Cabb die Probleme nicht in den Griff, wird die Schliessung der Produktion ein Thema.»

Landrat Jürg Wiedemann (Grüne-Unabhängige, Birsfelden) kritisiert: «Seit Jahren gibt es bei Cabb Unfälle. Die jüngste Serie zeigt: Die kantonalen Behörden haben versagt.» Falls Cabb nicht den Tatbeweis erbringe, mit so gefährlichen Stoffen wie Chlor sicher umgehen zu können, dann müsse man «abklemmen».

Ganz so scharf äussert sich der zuständige Regierungsrat Weber nicht, doch auch er betont: «Die Sicherheit der Bevölkerung, der Angestellten und der Ereigniskräfte steht ohne Zweifel im Vordergrund und hat absolute Priorität. Der Regierungsrat erwartet, dass die Unternehmensleitung unverzüglich alles Nötige in die Wege leitet.»

Selbst Cabb-Sprecher Ulrich Gartner räumt ein: «Die jüngste Häufung von Zwischenfällen in Cabb ist inakzeptabel.»

Zugleich weist er den Vorwurf zurück, dass bei Cabb Havarien unbemerkt bleiben und Aussenstehende Alarm schlagen müssen: «Als im Oktober der Autofahrer anrief, stand die Anlage bereits 20 Minuten still.» Auch am Montag habe man die Anlage bereits gestoppt gehabt, als sich die Geruchswolke auf das Nachbarareal senkte. «Die dafür vorgesehenen Melder haben angeschlagen.»

Von einer maroden Anlage will er nichts wissen: Das undichte Rohr vom Montag sei praktisch neu. Und die betroffene Abluftleitung von gestern Morgen gehöre zur neuen Elektrolyse-Anlage, die derzeit in Betrieb genommen wird (siehe unten). Weshalb es zu den Lecks kam, werde nun untersucht. Den Vorwurf, Cabb spare bei der Sicherheit, weist Gartner zurück: «Allein die neue Elektrolyse-Anlage hat rund 100 Melder.»

Kinderkrankheiten?

Auf die neue Elektrolyse-Anlage, die Cabb in einer Woche einweihen will, verweist auch Gregor Pfister, Leiter des Baselbieter Sicherheitsinspektorats. Diese sei so konzipiert, dass weniger Chlortransporte per Bahn erforderlich seien, was insgesamt die Sicherheit der Bevölkerung verbessere. Doch auch er ist beunruhigt über die Häufigkeit der Vorfälle. Diese seien beim Einfahren der neuen Anlage aufgetreten, deren Betriebsbewilligung noch nicht vorliege.

«Die Firma ist sehr sensibilisiert, denn die Chlorproduktion betrifft einen Kernbereich ihres Geschäfts», erklärt Pfister. Dies bestätigt Gartner: Vor sieben Monaten sei in der Cabb-Gruppe die Stelle eines globalen Verantwortlichen für Sicherheit und Qualität geschaffen worden, dieser verbringe aktuell «den allergrössten Teil seiner Zeit in Pratteln».

Pfister berichtet, gemeinsam seien nun das Sicherheitsinspektorat, das Kantonale Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga) und die Schweizerische Unfallversicherung (Suva) daran, die Ursachen der Ereignisse zu analysieren und entsprechende Massnahmen festzulegen.

Führt eine solche Vielfalt an Behörden nicht zu einer ineffizienten Verzettelung? Pfister verweist darauf, dass sechs Augen mehr sehen als zwei. Kiga und Suva seien zuständig für die Sicherheit innerhalb des Betriebs, das Sicherheitsinspektorat für Unfälle, bei denen eine Gefährdung über das Werkgelände hinaus besteht.

Ein Restrisiko bleibt: Nach der Explosion bei BASF in Ludwigshafen erklärte Marco Mensink, Generaldirektor des Verbands der Europäischen chemischen Industrie (CEFIC), Unglücke dieser Art seien generell nicht auszuschliessen.

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