Ständeratswahlen

Zweite Wahlgänge im Baselbiet: Für Linke zuletzt ein hartes Pflaster

Lange Zeit hatten die Baselbieter Ständeherren im «Stöckli» des Bundeshauses nur wenig zu melden. Ende Jahr wird erstmals eine Frau aus dem Landkanton dort einziehen.

Lange Zeit hatten die Baselbieter Ständeherren im «Stöckli» des Bundeshauses nur wenig zu melden. Ende Jahr wird erstmals eine Frau aus dem Landkanton dort einziehen.

Am 24. November fällt im zweiten Wahlgang die Entscheidung, ob die Liberale Daniela Schneeberger oder die Grüne Maya Graf erste Baselbieter Ständerätin wird. Der Blick zurück in die Geschichte zeigt: Meist machte das Baselbieter Volk bereits im ersten Wahlgang alles klar – auch, ob der einzige Sitz nach links oder nach rechts geht. Wenn es aber zum zweiten Wahlgang kam, wurde es spannend.

Wahlbehörde für den einzigen Baselbieter Sitz in der Kleinen Kammer war ein knappes halbes Jahrhundert lang der Landrat. Seit 1893 ist das Volk zuständig, bis 1967 nur die Männer, seit 1971 auch die Frauen. Der Landrat schickte sich 20 Mal an, einen Standesherrn zu wählen, das Volk hatte 38 mal zu entscheiden. Nur sechs Mal kam es zu einem zweiten Wahlgang – stets mit einer spezifischen Fragestellung.

1935: Weltwirtschaftskrise beflügelt Sozialdemokraten

Walter Schaub

Walter Schaub

1935 dominierte die soziale Frage. Die Linke war im Aufwind. Die Sozialdemokraten hatten vier Jahre zuvor in Baselland 37,4 Prozent Wähleranteil erreicht. Sie waren die stärkste Partei und versuchten im Frühling 1935, die Mehrheit im Regierungsrat zu erobern, scheiterten allerdings. Immerhin lagen alle drei SP-Kandidaten über dem absoluten Mehr. Im Juni erreichte die linke Kriseninitiative, die auf eidgenössischer Ebene nicht durchdrang, in Baselland 57,8 Prozent Ja-Stimmen. Und im Herbst griffen die Sozialdemokraten nach dem Ständeratssitz, was ihnen im zweiten Wahlgang gelang: Der Sekundarlehrer Walter Schaub (Bottmingen) holte den Sitz auf Kosten des seit drei Jahren amtierenden freisinnigen ACV-Zentralverwalters Emil Rudin (Arlesheim). Der Allgemeine Consum Verein (ACV) war der Vorläufer der heutigen Coop.

1955: Ein Mormone spaltet die Bürgerlichen

Emil Müller

Emil Müller

1955 spielte die religiöse Frage eine Rolle. Als Paul Brodbeck (FDP, Liestal) zurücktrat, wollten die Freisinnigen den Sitz mit dem Architekten Wilhelm Zimmer (Birsfelden) verteidigen. Zimmer war Mormone, gerade war mit viel Pomp der Mormonentempel bei Zollikofen eröffnet worden. Sein Gegenkandidat von den Sozialdemokraten war der Architekt Emil Müller (Gelterkinden). Doch die kleine Demokratische Partei stellte den Pharmazie-Professor und Ex-Nationalrat Kurt Leupin (Muttenz) auf, weil sie keinen Mormonen als Standesvertreter wollte. Das spaltete das bürgerliche Lager, und die Wahl machte im zweiten Wahlgang Emil Müller.

1959: Erneut bürgerliche Schützenhilfe für Müller

1959 war die Wiedervereinigungsfrage das Kriterium. Emil Müller, ein Anhänger der Fusion mit dem Kanton Basel-Stadt, strebte die Wiederwahl an. Die Freisinnigen bekämpften ihn mit dem Kiesunternehmer Franz Basler (Allschwil), der ein gemässigter Wiedervereinigungsfreund war. Diese Konstellation missfiel den entschiedenen Anhängern des selbstständigen Baselbiets. Sie empfahlen, irgendeinen Namen auf den Wahlzettel zu schreiben, beispielsweise den eigenen Gemeindepräsidenten, um so zu verhindern, dass einer der beiden Gegenspieler das absolute Mehr erreicht. Das funktionierte. Für den zweiten Wahlgang, in dem das einfache Mehr gilt, portierten sie den Agraringenieur Oberst Hans Nebiker (Sissach). Auch er spaltete das bürgerliche Lager, Emil Müller (SP) wurde bestätigt.

1979: AHV-Debatte wird für die FDP zum Bumerang

Edi Beiser

Edi Beiser

1979 erregte die Diskussion um die Altersversicherung die Gemüter. Der bisherige Ständerat Werner Jauslin (FDP, Muttenz) hatte einen umstrittenen Vorschlag für die Reform der AHV unterstützt. Er wurde herausgefordert durch den Gewerkschafter Eduard Belser (SP, Lausen) und die Lehrerin Madeleine Jaques (POCH). Die Dreierkon-stellation bewirkte, dass im ersten Wahlgang niemand gewählt war. Im zweiten Wahlgang machte Eduard Belser das Rennen. Mit Jauslin wurde – nach Rudin und Schaub – zum dritten Mal ein amtierender Ständerat vom Volk nicht bestätigt.

1987: Wilder Kandidat provoziert zweiten Wahlgang

René Rhinow

René Rhinow

1987 stellte sich die Generationenfrage. Eduard Belser (SP) war als Ständerat zurückgetreten, um in die kantonale Regierung zu wechseln. Die Freisinnigen, die den Sitz zurückerobern wollten, portierten den 45-jährigen Staatsrechtsprofessor René Rhinow (Seltisberg). Die Sozialdemokraten stellten ihm die 50-jährige Heidy Strub (Pratteln) entgegen. Doch quasi in letzter Minute griff auch der 66-jährige Alt-Nationalrat Karl Flubacher (Läufelfingen), der mit seiner Partei, der FDP, gebrochen hatte, als wilder Kandidat in die Kampagne ein, was einen zweiten Wahlgang provozierte. Flubacher, der entgegen seinen Erwartungen schlecht abschnitt, zog sich zurück, und René Rhinow entschied die Stichwahl für sich.

1999: Fünfschilling fängt hauchdünn Janiak ab

Bern, 19.9.2007 c Peter Mosimann: Ständerat Hans Fünfschilling

Hans Fünfschilling

Bern, 19.9.2007 c Peter Mosimann: Ständerat Hans Fünfschilling

Nach zwölf Jahren stellte René Rhinow sein Amt zur Verfügung. Um die Nachfolge entbrannte ein intensives Ringen, in dem erst zum vierten Mal überhaupt eine Frau mitmischte: Die Liestaler Ärztin und Grünen-Nationalrätin Ruth Gonseth sorgte zusammen mit SD-Nationalrat Rudolf Keller dafür, dass ein zweiter Wahlgang überhaupt nötig wurde. Die beiden Hauptkonkurrenten waren indes FDP-Regierungsrat Hans Fünfschilling und SP-Nationalrat Claude Janiak. Mit ganzen 670 Stimmen Vorsprung setzte sich Finanzdirektor Fünfschilling gegen Janiak durch und übte danach noch ein halbes Jahr lang beide Ämter in Personalunion aus.

2019: Richtungswahl zwischen zwei Frauen

Daniela Schneeberger und Maya Graf

Daniela Schneeberger und Maya Graf

2019 bewirkte die ökologische Frage, dass nach dem Rücktritt von Claude Janiak (SP) nicht nur die Bürgerlichen und die SP je eine Kandidatur beschlossen, sondern auch die Grünen. Nachdem Eric Nussbaumer (SP) im ersten Wahlgang knapp weniger Stimmen erreicht hat als Maya Graf (GPS), messen sich nun im zweiten Wahlgang Graf und Daniela Schneeberger (FDP). Erstmals wird eine Frau Baselland im Ständerat vertreten. Und vielleicht gewinnt erstmals nach 40 Jahren wieder ein Parteimitglied der Linken einen zweiten Wahlgang.

Statistik der Ständeratskandidaten

Statistik der Ständeratskandidaten

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