Isaac Reber, noch immer wirkt die Erschütterung durch den schrecklichen Terrorakt von Barcelona nach. Müssen wir in der Region alarmiert sein?

Isaac Reber: Was die Bedrohung durch den Terrorismus angeht, so ist die Lagebeurteilung in der Schweiz unverändert: Es gilt eine erhöhte Risikostufe, ohne konkrete Hinweise auf ein bevorstehendes Ereignis.

Wie steht es um die islamistischen Umtriebe in Baselland?

Auch hier unverändert. Bei den Islamisten gibt es in Baselland einzelne wenige Fälle, die wir beobachten, aber auch das tun wir schon seit Jahren.

In Barcelona, Berlin und Nizza ist es die neue Art der Angriffe mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge, die so Angst macht. Leiten Sie daraus keine Notwendigkeit für lokale Massnahmen ab?

Man sieht, wie einfach es mit einem Fahrzeug sein kann, ein solches Attentat zu begehen. Es ist unrealistisch, mit baulichen oder technischen Massnahmen dem Problem flächendeckend Herr zu werden. Es ist auch falsch, wenn wir uns mit Berlin oder Paris vergleichen. Die internationale Rolle der Schweiz ist ganz anders. Im Vergleich zu den Massnahmen, die nach den Attentaten von Paris getroffen worden sind, haben darum die jüngsten Anschläge die Lage im Baselbiet nicht verändert; dies zeigt auch die aktuelle Analyse des Nachrichtendienstes des Bundes. Wir selbst haben frühzeitig, bereits 2015, den kantonalen Nachrichtendienst personell aufgestockt.

Und welche Schlüsse müssen sie als Sicherheitsdirektor aus dem kürzlich verübten Tötungsdelikt in Laufen ziehen?

Tötungsdelikte kommen im Kanton glücklicherweise sehr selten vor, der letzte Fall vor Laufen liegt fast zwei Jahre zurück. Man kann solche Tragödien nicht oder nur sehr schlecht verhindern. Darum wäre es schwierig, vor Abschluss der Untersuchungen irgendwelche Handlungsfolgen abzuleiten.

Im Tötungsfall von Laufen spielte offenbar eine illegale Hanfplantage eine Rolle. Wie steht es aktuell um die Bekämpfung der Drogenkriminalität?

Wir dulden in keiner Art und Weise Handel und Anbau von Drogen. Wir sind dort aktiv, wo der Handel stattfindet, und können dabei auch Fahndungserfolge vorweisen – wie kürzlich im Kokainfall.

Das heisst, die Polizei Baselland verfolgt keine Drogenkonsumenten?

Wir gehen beim Cannabis-Konsum einen pragmatischen Weg zwischen Repression und Prävention. Wir halten es nicht für zielführend, wenn der Kleinkonsument im Fokus der Polizeiarbeit steht.

Befürworten Sie die Legalisierung von Cannabis, die ihre Parteikollegin Maya Graf im Nationalrat fordert?

Mein persönlicher Eindruck als Sicherheitsdirektor ist, dass wir in diesem Bereich gegenüber früher einen guten, pragmatischen Weg gefunden haben. Das Thema steht deshalb nicht zuoberst auf unserer Prioritätenliste. Ich will aber auch nicht verharmlosen. Der Jugendschutz und die Prävention sind mir besonders wichtig. In diesem Bereich haben wir denn auch personell aufgestockt und unsere Arbeit verstärkt.

Die Frage haben Sie nicht beantwortet.

Teilweise schon, das Thema ist für uns nicht prioritär. Wenn wir nur von THC-Cannabis reden, zeigt die Vergangenheit, dass wir mit dem Verbot nicht wirklich weit kommen. Darum könnte ich mir auch den umgekehrten Weg vorstellen: Man legalisiert den Konsum, verstärkt aber den Jugendschutz und die Prävention. Aber das ist meine persönliche Meinung.

Im Moment boomt der Handel mit dem legalen CBD-Hanf, mit Angeboten an fast jeder Ecke. Wie geht die Polizei mit den vielen offenen Fragen um, die damit einhergehen?

Unser Hauptproblem ist, dass man THC und CBD optisch nicht unterscheiden kann. Im Kanton Zürich haben kürzlich in 20 Fällen alle Kontrollierten angegeben, es handle sich bei ihnen um legales CBD. Nach der chemischen Analyse stellte sich heraus, dass nur vier die Wahrheit gesagt hatten. Aber eben, die Kontrolle war aufwendig, es braucht jedes Mal eine Laboruntersuchung.

Sie sagen, dass die Drogenproblematik im Kanton Baselland auch schon schlimmer war. Jetzt aber haben wir den Fall der Sekundarschule Gelterkinden, in der erstmals überhaupt im Baselbiet unter
15-Jährige eine Anzeige als Drogendealer am Hals haben.

Wir haben bereits 2012 den Jugenddienst der Polizei aufgestockt, der zudem hervorragend mit unserer Jugendanwaltschaft zusammenarbeitet. Solche Themen wie in Gelterkinden tauchen leider hin und wieder auf unserem Radar auf. Dann gehen die entsprechenden Dienste vor Ort und treffen die nötigen Massnahmen. Mit den Gemeinden besteht der enge Austausch via die regelmässigen runden Tische Sicherheit. Ich halte die Situation gesamthaft für stabil.

Hat Sie denn im Fall von Gelterkinden das geringe Alter der Verdächtigen nicht alarmiert?

Solche Fälle hängen oft mit wenigen einzelnen Akteuren zusammen. Nur aufgrund des Einzelfalles in der Sek Gelterkinden gleich auf ein neues Phänomen zu schliessen, halte ich für nicht zulässig. Wie schon gesagt, solche Probleme tauchen wellenartig an unseren Schulen auf. Wir waren aber rasch vor Ort und haben den «Tarif durchgegeben», was meistens eine rasche Wirkung zeigt. Zumindest bis zu einem nächsten Mal, an einer anderen Schule vielleicht. Aber das war auch schon zu unserer Schulzeit nicht so viel anders.

Welche Droge bereitet Ihnen derzeit im Baselbiet die grössten Sorgen, sowohl was den Handel als auch den Konsum angeht?

Vielleicht kommt das für Sie überraschend. Am meisten Sorgen macht mir der Medikamentenkonsum. Weil niemand darüber spricht, trotz steigendem Konsum, und weil Medikamente – erst recht im Verbund mit Alkohol oder andern Drogen, keineswegs harmlos sind. Das ist aber eine rein subjektive Betrachtung.

Wie sieht es aktuell mit dem langjährigen Schwerpunkt Ihrer Polizeiarbeit aus, der Bekämpfung der Einbruchskriminalität?

Das einzige, was ich als Momentaufnahme sagen kann, ist, dass auch bisher im 2017 die Zahl der Einbrüche im Vergleich zum Vorjahr weiterhin rückläufig ist. Gleichzeitig stellen wir fest, dass dank der rund 40 Massnahmen zur Einbruchsbekämpfung die Gesamtzahl aller Delikte weiter abnimmt. Das heisst, wir haben bisher die richtigen Massnahmen getroffen, was sich übrigens nicht nur in anderen Schweizer Polizeikorps, sondern auch bei unserer «Kundschaft» herumspricht.

Sie sind jetzt seit sechs Jahren Sicherheitsdirektor. Im Gegensatz zu Ihrem Basler Amtskollegen Baschi Dürr sind Sie von den ganz grossen Erschütterungen und Skandalen verschont geblieben. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ich habe den Eindruck, dass wir in der Direktion rechtzeitig an den richtigen Themen dran sind, manchmal sogar der Zeit voraus. Diese Flexibilität ist mir wichtig. Dazu gehört gerade in knappen Zeiten auch der Mut, Dinge für abgeschlossen zu erklären und sein zu lassen. Wir können mit unseren beschränkten Mitteln nicht immer nur mehr und mehr neue Aufgaben übernehmen. Aber just wenn man behauptet, dass alles gut läuft, und die Lage ruhig scheint, dann braut sich meist schon das nächste Unwetter zusammen. Darum: Holz anfassen!

Bedeutet das, dass Sie einfach Glück hatten, dass bei Ihnen weniger Skandale aufgedeckt werden als in der Stadt, oder ist die Polizei Baselland tatsächlich besser organisiert?

Ich qualifiziere bestimmt nicht unsere Nachbarn. Auf uns bezogen kann ich sagen, dass wir stets versuchen, proaktiv zu handeln. Probleme kommen auf den Tisch und werden geklärt, notfalls bis zur obersten Stufe. Das vermeidet interne Eskalationen. Wenn wir erkennen, dass sich etwas am Horizont zusammenbraut, dann packen wir es an und schauen nicht weg. Wie beim kantonalen Nachrichtendienst oder dem Jugenddienst, die wir schon vor Jahren verstärkt haben, was sich jetzt als gut und richtig erwiesen hat. Und dann sind wir als Direktion personell sehr gut besetzt und organisiert. Das alles sorgt für Ruhe und Kontinuität. In der SID ist zur Zeit beispielsweise bloss ein einziger politischer Vorstoss hängig.

Das sind schon fast zu viele Geigen am Himmel. Wie steht es um den finanziellen Druck, der wie auf allen anderen Direktionen auch auf der SID lastet?

Wie die Gesamtregierung stehe ich ohne Wenn und Aber hinter dem Ziel, den Haushalt auszugleichen und künftig besser zu steuern. Nur so gewinnen wir wieder Handlungsspielraum zurück, den wir dringend brauchen. Es ist aber schon so: Wir sind derzeit in ein enges Korsett gezwängt und personell teilweise sehr knapp dotiert. Das führt dazu, dass wir in einigen Aufgabenbereichen am Anschlag sind.

Wie lösen Sie das?

Ich zähle mich da zu den Pragmatikern. Es braucht etwas Geduld, und manchmal muss man in kleinen, pragmatischen Schritten vorwärts gehen, ohne gleich den grossen Gesamtwurf zu realisieren. Das darf aber nicht zum Dauerzustand werden, sonst laufen wir in einen Investitionsstau. Derzeit sind beispielsweise viele IT-Projekte zurückgestellt, wobei eine Umsetzung gerade etwa unter dem Stichwort «elektronische Akten» grossen Nutzen bringen könnte. Gerade für solche Themen brauchen wir wieder mehr Handlungsspielraum. Auch dort versuchen wir derzeit aber, mit kleineren pragmatischen Schritten wie neuen Schnittstellen zwischen verschiedenen Systemen vorwärts zu kommen.

An welchen Projekten sind Sie in den letzten sechs Jahren gescheitert? Welche Herzensangelegenheit konnten Sie nicht umsetzen?

Spontan fällt mir nichts ein. Wir befinden uns nach wie vor im Fahrplan, den wir schon vor Jahren aufgestellt haben und weiterentwickeln. Was wir priorisiert haben, haben wir bisher auch umsetzen können. Momentan ist der Umbau des Massnahmenzentrums für junge Erwachsene Arxhof im Landrat in Beratung. Ich bin zuversichtlich, dass die Vorlage eine gute Aufnahme findet, und wir den geplanten geschlossenen Eintrittsbereich im nächsten Jahr umsetzen können.

Um unsere letzte Frage kommen Sie nicht herum. Treten Sie 2019 zur Wiederwahl an?

Ich wäre schlecht beraten, jetzt eine Antwort zu geben. Die Spekulationen überlasse ich Ihnen, ich konzentriere mich auf die Gegenwart. Was ich sagen kann, ist, dass mir meine Aufgabe weiterhin sehr viel Freude bereitet. Diese ist natürlich nicht jeden Tag gleich hoch, aber bei wem ist das nicht so? Ich arbeite mit hervorragenden Leuten zusammen, weshalb ich weiterhin sehr motiviert bin.

Sie könnten jetzt alle Spekulationen beenden und Klarheit schaffen.

Ich werde rechtzeitig über meine Pläne informieren. Zuerst werde ich das nächstes Jahr intern kommunizieren.

Wird der berufliche Wechsel von Lukas Ott nach Basel-Stadt Ihren Entscheid in irgendeiner Art beeinflussen? Ott galt stets als potenzieller Nachfolger, hat sich jetzt aber selbst aus dem Rennen genommen.

Es geht hier nicht um Lukas Ott allein, der allerdings auch gezeigt hat, dass wir Grünen gute Regierungsarbeit machen können. Allgemein haben wir eine gute personelle Situation innerhalb der Baselbieter Grünen. Entsprechend werden wir dann schon alles rechtzeitig aufgleisen, wenn es so weit ist.

Ist für die Gesamterneuerungswahl der Regierung im 2019 sogar ein grünes Zweierticket denkbar?

Ich hätte schon 2015 nichts gegen eine zweite Kandidatur gehabt. Es kommt aber vor allem auf die Qualität der potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten an, denn das Regierungsamt ist sehr anspruchsvoll. Am wichtigsten ist aus meiner Sicht deshalb, dass eine Kandidatur glaubwürdig ist. Und natürlich muss man als Partei, bei allem Offensivgeist, auf dem Boden der Realität bleiben. Anderseits wären die Grünen nicht die erste Partei, die gemessen am Wähleranteil überproportional in einer Exekutive vertreten wäre.