Baselbiet
Baselbieter Gemeinden Pratteln und Augst werden grösser

Seit 2007 treffen sich deutsche und Schweizer Vermessungsfachleute, um sich auf eine genaue Grenze zu einigen. Einige Baselbieter Gemeinden wie Pratteln und Augst werden jetzt grösser. Der Kompromiss heisst «Rheinmitte»

Leif Simonsen
Drucken
Teilen
Nach wie vor beginnt Deutschland beim Pfeiler fünf des Wasserkraftwerks Augst.

Nach wie vor beginnt Deutschland beim Pfeiler fünf des Wasserkraftwerks Augst.

Nicole Nars-Zimmer

Nicht immer einigte man sich in Europa mit Kaffee und Kuchen auf neue Staatsgrenzen. Was vor hundert Jahren undenkbar war, haben die Schweizer und Deutschen aber soeben geschafft. Seit 2007 haben sich unter der Leitung des Bundesamtes für Landestopographie Vermessungsvertreter aus Basel-Stadt, Baselland, Aargau, Zürich, Schaffhausen und Thurgau mit deutschen Fachleuten getroffen.

«Einvernehmlich und in guter Atmosphäre» ist man nun zu einem Kompromiss gelangt, wenn man den Worten des Baselbieter Kantonsgeometers Patrick Reimann glaubt. Nach vier Jahren hat man sich nun auf die Rheinmitte als Landesgrenze festgelegt.

Vier Jahre Verhandlungen

Brauchte es für eine solch simple Lösung wirklich vier Jahre Verhandlungen von deutschen und Schweizer Experten? Karl Willimann, heute SVP-Landrat und ehemals Kantonsgeometer, sieht die nördlichen Nachbarn in der Schuld: «Hier in der Schweiz können die Kantone bei solchen Dingen relativ frei entscheiden. In Deutschland hat man die Fotogeometrie verstaatlicht – das hat eine riesige Bürokratie zur Folge.»

Seit einem Staatsvertrag, der im Jahr 1827 abgeschlossen wurde, verläuft die Grenze zwischen dem Baselbiet und Deutschland entlang der tiefsten Rheinrinne. Diese einfache Definition hielt auch in politisch stürmischeren Zeiten stand – zumal sich nicht wirklich jemand darum scherte, «ob die Forelle nun wirklich auf deutscher Seite oder auf Schweizer Seite schwimmt», wie auch Reimann mit einem Lachen sagt.

Dass die Forelle zum Teil gar im Niemandsland schwimmt, hat mit der unterschiedlichen Projektion zu tun, weshalb einige Stellen im Rhein weder zu Deutschland noch zur Schweiz gehören. Reichlich alarmistisch scheint die Mitteilung der Baselbieter Volkswirtschaftsdirektion nach 184 problemlosen Jahren trotzdem: Die heutige Grenze sei natürlichen Veränderungen wie Geröllverschiebungen unterworfen, die politischen, technischen und rechtlichen Anforderungen nicht mehr genügt.

Schweiz passte sich Koordinatensystem an

Reimann erklärt, warum eine neue Definition her musste. Zum einen habe sich die Schweiz verpflichtet, sich dem europäischen Koordinatensystem anzupassen. Zum anderen sei eine neue Grenzziehung wegen der Kunstbauten, deren Nutzung und Unterhalt von Interesse. Besonders bei den Wasserkraftwerken hätten die Verhandlungen härter werden können. «Hier geht es um Energie, und Energie ist eine ziemlich ernste Sache», sagt Reimann. Für das einzige an Deutschland angrenzende Wasserkraftwerk des Kantons in Augst habe man aber feststellen können, dass die neue Grenze keine Veränderung zur Folge hat. «Nach wie vor beginnt Deutschland beim Pfeiler fünf», sagt Reimann.

Ob die Schweiz nun grösser oder kleiner wird, weiss nicht mal der Kantonsgeometer. «Das war eigentlich während der sechs Sitzungen auch kein Thema. Es sollte sich mehr oder weniger die Waage halten. Fest steht einzig, dass die Gemeinden, die an einer Rechtskurve liegen, grösser werden. Pratteln und Augst profitieren davon – und expandieren leicht. Bei Muttenz etwa ist es kaum erkennbar, weil der Rhein hier einige Male die Richtung wechselt. Birsfelden muss hingegen an die Deutschen abgeben.

Noch trennt uns aber die tiefste Rinne im Rhein vom nördlichen Nachbarn. Wann die Unterschrift unter den neuen Staatsvertrag gesetzt wird, ist noch nicht klar. Denn neue Grenzen dürfen Kantonsgeometer und andere Fachgremien zwar ausarbeiten – die Unterschrift aber ist Sache der Staatsleute. Reimann rechnet damit, dass dies in etwa drei Jahren der Fall sein wird.

Aktuelle Nachrichten