Religion
Baselbieter Reformierte sollen ihre Kirchgemeinde selber wählen können

74'000 Gläubige stimmen am 27. September über ihre neue Kirchenverfassung ab.

Michel Ecklin
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Symbolbild

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In den kommenden Wochen werden den Baselbieter Stimmberechtigten die Unterlagen für die Bundes- und Kantonsabstimmungen vom 27. September zugestellt. Die rund 74'000 Protestanten im Kanton, die mindestens 16 Jahre alt sind, erhalten noch zusätzlich Post. Sie dürfen am gleichen Wochenende über eine Totalrevision der Verfassung der Evangelisch-reformierten Kantonalkirche abstimmen. Die zwei wichtigsten Neuerungen darin: Die Gläubigen dürfen sich der Kirchgemeinde anschliessen, die ihnen beliebt, also unabhängig vom Wohnort; und neben den bisherigen Kirchgemeinden sind auch nicht an ein Territorium gebundene Kirchgemeinden möglich, als Teil der Landeskirche.

Kirchenratspräsident Christoph Herrmann geht davon aus, dass als Erste diejenigen von der Neuregelung profitieren, die sich nach einem Umzug weiterhin in ihrer bisherigen Gemeinde engagieren wollen. Die Schaffhauser Reformierten kennen seit 2004 die freie Gemeindewahl. «Die Zahl derjenigen, die das dort ausnutzen, bewegt sich im Promillebereich», sagt er. Doch langfristig könnten die neuen Bestimmungen eine neue Dynamik fördern, hin zu spezialisierten Gemeinden, die sich an ein bestimmtes Publikum im ganzen Kanton richten. Die Gläubigen könnten sich dann aussuchen, welche Ausrichtung des kirchlichen Lebens ihnen am meisten gefällt.

Es gäbe noch einige Fragen zu klären

In Basel profitieren wenige

Seit 1997 kennt die Evangelisch-reformierte Kirche in Basel-Stadt die Möglichkeit, «sich auf eigenen Wunsch einer anderen Kirchgemeinde anzuschliessen, wo er oder sie sich zu Hause fühlt und engagieren will», wie es auf der Website heisst. Davon machen von den rund 25000 Basler Reformierten nur etwa 80 pro Jahr Gebrauch. Im Gegensatz zum Baselbiet hat im Stadtkanton ein Gemeindewechsel keine Auswirkung auf die Steuern, weil diese aus einem Topf zentral verteilt werden. Es ist zudem davon auszugehen, dass viele Gläubige nicht in der Gemeinde aktiv sind, in der sie offiziell angemeldet sind.

Die reformierte Kirche in Basel-Stadt hat sich bereits in diese Richtung bewegt, etwa mit der Gellert- oder der Thomaskirche, die ihren eigenen Kirchenstil leben. «Im Baselbiet kennen wir das bisher fast nicht», sagt Herrmann. Und für die grosse Mehrheit werde immer noch die territoriale Einheit das kirchliche Zuhause bilden. «Die Gemeinden haben weiterhin den Auftrag, einen Stil zu pflegen, bei dem sich möglichst viele daheim fühlen.» Herrmann sagt aber auch: «Wir wollen die Möglichkeit eröffnen, dass sich Gemeinden mit eigenen Profilen bilden.» Am ehesten kann er sich das im Unterbaselbiet vorstellen, wo die politischen Grenzen oft kaum mehr zu erkennen sind. Denkbar sind für ihn Gemeinden für Jugendliche, Betagte oder auch Künstler. «Und vielleicht sagen sich die Töfffahrer: Wir machen unsere eigene Art von Kirche.»

Bei einer freien Wahl der Gemeinde gibt es allerdings noch offene Fragen zu klären, etwa zu den Kirchensteuern und zur Finanzierung des Religionsunterrichts an den Schulen. Und sicher ist auch: Jede neue Gemeinde müsste von der Synode (dem kantonalen Kirchenparlament) gemäss festgelegten Kriterien genehmigt werden.

All dies soll in Verordnungen geregelt werden, falls das Kirchenvolk am 27. September Ja sagt – was wahrscheinlich ist, denn sowohl in der Synode als auch in der Vernehmlassung gab es keine Opposition. «Was jetzt vorliegt, ist Konsens», sagt Herrmann. Er hofft jetzt auf eine Stimmbeteiligung von 20 Prozent, ungefähr wie bei der letzten Abstimmung der Baselbieter Reformierten in den 1990ern.