Landzunge und Stadtmund
100 km/h mit dem Traktor

Eva Oberli*
Eva Oberli*
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Landzunge über die Kollision von ländlichem Fahrstil und urbaner Umgebung. (Symbolbild)

Landzunge über die Kollision von ländlichem Fahrstil und urbaner Umgebung. (Symbolbild)

Peter Siegrist

Ich habe seit zwei Wochen meinen Führerschein. Entsprechend habe ich die letzten Tage damit verbracht, in einem grenzwertig betriebssicheren Auto durch die Landschaft zu mäandrieren und dabei zu den Bravo Hits 2011 zu singen.

Und ich habe zurückgeblickt auf das letzte halbe Jahr, die Monate der Fahrstunden und mein Lernfahrer-Ich:

Am Gymi war die Reaktion beim Thema Fahrprüfung immer so etwas wie: «Ach, du bist ja ein Kind vom Land, die können ja eh alle fahren!» Na ja. Es gibt schon Höfe, wo Jungs Traktoren lenken, bevor sie Fahrrad fahren können. Aber erstens bin ich nicht bereits vor der Einschulung in die Bedienung eines landwirtschaftlichen Fahrzeuges eingeführt worden und wusste, wie man eine Kupplung bedient, ehe ich das Wort schreiben konnte. Und zweitens ist ein Pkw kein Traktor.

Ich erinnere mich an meine ersten Fahrübungen im Škoda Octavia auf dem Waldweg. Wie ich im dritten Gang aufs Gaspedal trat, die PS des Autos spürte und mich fühlte wie Niki Lauda. Bis ich einen Blick auf den Tacho warf, der mir ernüchternde 43 km/h anzeigte. Dass man im Pkw auf der Autobahn mit anderen Geschwindigkeiten konfrontiert wird als im Lamborghini auf dem Weideland, war das erste Aha-Erlebnis meines Lernfahrer-Ichs.

Und dann kam die Stadt. Das Schwierige am Fahrenlernen ist ja nicht nur die Fahrzeugbedienung an sich, es sind auch die anderen Verkehrsteilnehmenden, auf die man Rücksicht nehmen und denen man bestenfalls nicht das Vortrittsrecht rauben sollte. Zweites Aha-Erlebnis meines Lernfahrer-Ichs.

Ich kriege schon Zustände, wenn ich über eine Distanz von drei Kilometern Strohballen nach Hause führen soll. Wenn mir dauernd Katzen, Kinder und Wanderer im Weg rumtrotten, während ich mit geladenen Quaderballen durch die Haarnadelkurven Lampenbergs zirkle, werde ich spätestens nach der dritten Fuhre sozial inkompatibel. Entsprechend stelle man sich meinen Gemütszustand nach einer Fahrstunde im Basler Feierabendverkehr vor.

Damit sind wir beim Unterschied zwischen Fahren in der Stadt und auf dem Land. Auf dem Land herrscht Darwinismus: Der Stärkere überlebt. Da weicht man einer Katze auf der Fahrbahn nicht aus, weil es doch bestimmt jemandes geliebtes Haustier ist, sondern weil ein beim Aufprall zerfetztes Säugetier eine ganz schöne Sauerei im Kühlergrill verursachen würde.

Doch das Prinzip «Ich fahre, also bin ich» funktioniert im urbanen Raum nur bedingt. Die Kollision von ländlicher Fahrweise und städtischer Umgebung hatte bei mir nur dezente Hinweise meines Fahrlehrers zur Folge. «Eva, das isch kei Traktor!», sagte er etwa, wenn ich im vierten Gang in die Kreuzung bei der Rennbahnklinik einbog.

Ich fuhr über den Aeschenplatz und durchs Gundeli, ging für kopflos umherhechtende Passanten mit einem Mona-Lisa-Lächeln in die Eisen, verfluchte innerlich überambitionierte Biker und perfektionierte seitwärts Einparken. Führerschein in der Tasche, aber mit dem Traktor in die Stadt würde ich dennoch nicht: zu viele Katzen.

*Die 19-jährige Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.