Globetrotter
13 Jahre auf Weltreise – dabei wollte das Allschwiler Paar doch nur rasch nach Indien

Monika Estermann und Robert Spengeler machten sich 2004 auf nach Indien. Dort angekommen, hatten sie plötzlich Lust auf mehr. Auf viel, viel mehr.

Benjamin Wieland
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Für einmal Wasserbüffel statt Drahtesel: Robert Spengeler und Monika Estermann in Kambodscha.
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bz Globetrotter Allschwil
Nicht immer waren die Strassen in einem guten Zustand, so wie hier im Tibet.
Hilfte benötigten die beiden immer wieder. Manchmal halfen sie aber auch den Einheimischen, wie diesen Tibetern mit Reifenpanne.
Übers Meer ging es meist per Containerschiff. Am Hafen von Santos in Brasilien.
Auf 5358 Metern Höhe: Ladakh, Indien.
Mit den Einheimischen gestaltete sich der Austausch in der Regel freundlich, wie hier in Pakistan ...
... und in Äthiopien.
Manchmal mussten auch Seen per Schiff überquert werden, etwa der Lake Tanganyika in Tansania – immerhin der zweitgrösste Süsswasser-See der Erde.
Man dürfe auf keinen Fall nachtragend sein, wenn man so lange zusammen unterwegs sei, sagen die beiden (Bild: Namibia).
Ein Jahr lang arbeiteten Estermann und Spengeler auf einer Farm in Kanada, um die Weiterreise zu finanzieren (San Francisco).

Für einmal Wasserbüffel statt Drahtesel: Robert Spengeler und Monika Estermann in Kambodscha.

zvg

Wir schreiben das Jahr 2004. Im Radio läuft fast ununterbrochen «Dragostea din tei» von O-Zone, am zweiten Weihnachtstag überrollen Tsunami-Flutwellen die Meeresküsten von Südostasien und Indien – und Christoph Blocher ist Bundesrat.

Im Mai 2004 bricht ein Paar aus der Schweiz zu einer Velotour auf. Es sind Monika Estermann (45) und Robert Spengeler (54). Das Ziel der Flugbegleiterin und des Elektrotechnikers ist Indien. Dort angekommen, wollen sie aber nicht mehr in die Schweiz zurück.

Sie hängen stattdessen nochmals drei Kontinente an. Nach insgesamt 13 Jahren, davon 11 Jahre am Stück, sind Spengeler und Estermann im Spätherbst 2017 wieder in der Schweiz anzutreffen. Weder korrupte Zollbeamte, noch die Malaria konnten das Duo auf seiner langen Reise aufhalten.

Monika Estermann und Robert Spengeler, wie habt ihr es geschafft, dass euch das Geld nicht ausgegangen ist in den 13 Jahren?

Monika Estermann: In der Schweiz hat man hohe Fixkosten – ist man die los, fällt schon mal der grösste Brocken weg. Dann verzichteten wir auch auf jeglichen Luxus. Meist kochten wir selber. Gingen wir in eine Unterkunft, nahmen wir das günstige Angebot. Wir haben in Zimmern übernachtet, in die wir normalerweise keinen Fuss setzen würden.

Robert Spengeler: Die Faustregel war: Wir brauchen 10'000 Franken pro Jahr, zu zweit. Trotzdem ging uns nach ein paar Jahren das Geld aus. So haben wir in Kanada ein Jahr lang auf einer Farm gearbeitet. So finanzierten wir den letzten Teil der Reise durch Südamerika und Afrika.

Wie hält man sich die Steuerbehörde, die Krankenkasse und die Versicherungen vom Hals?

Robert Spengeler: Abgemeldet haben wir uns zu Beginn nicht. Erst nach zwei Jahren wagten wir diesen Schritt, als wir sicher waren, dass wir weiterreisen. Danach konnten wir viel Geld sparen, denn die Krankenkasse akzeptiert die Abmeldung erst, wenn man sich auch wirklich auf der Gemeinde abgemeldet hat. Ab Indien waren wir bei einer internationalen Krankenkasse versichert. Ohne Standbein in der Schweiz ging es aber auch nicht. Unsere Verwandten haben für uns die Postagentur gespielt.

Monika Estermann: Kompliziert war es mit dem Bankkonto. Die Banken sind richtig streng geworden, was Auslandskonten ohne festen Wohnsitz angeht – wohl auch wegen der Vorfälle mit Schwarzgeld.

Das mit der internationalen Krankenkasse war eine gute Entscheidung: Ihr seid an Malaria erkrankt!

Monika Estermann: Das war kurz vor der Überfahrt von Indien nach Malaysia. Wir lagen drei Tage lang im Spital, mit bester Versorgung. Wir beglichen die Rechnung – etwa 200 Dollar – jedoch selber, der Betrag lag unter dem Selbstbehalt. Wir hätten länger im Spital bleiben sollen, denn wir erlitten einen Rückfall. Doch wir wurden gebraucht: Wir hatten auf einer Jacht angeheuert, als Teil der Besatzung. Ohne uns konnte das Schiff nicht ablegen.

Wart ihr vor Eurer Weltreise bereits auf längeren Velotouren?

Monika Estermann: Nein, wir waren totale Anfänger. Aber wir hatten drei Jahre lang auf die Reise nach Indien gespart und uns massgeschneiderte Fahrräder zusammen stellen lassen. Die hielten dann auch die ganzen 13 Jahre durch.

Robert Spengeler: Ganz zu Beginn unserer Reise überquerten wir den Bodensee. Da standen wir also, auf einem dieser Schiffe, inmitten von Ausflüglern. Die starrten unsere schwer beladenen Velos an. Jemand fragte uns, wo wir denn hinwollten. Ich sagte: «nach Indien». Da bin ich selber ein wenig erschrocken.

Wie hat Euer Umfeld reagiert, als ihr ihnen verklickert habt, dass ihr jetzt jahrelang weg sein werdet?

Monika Estermann: Die Verwandten waren erbost – das kann man schon so sagen. Als wir in Indien angekommen waren und ihnen sagten, dass wir jetzt einfach noch nicht heimkommen wollen, fielen auch Sprüche wie: «Jetzt ist aber fertig lustig, kommt zurück!», und ähnliches. Das hat sich aber mit der Zeit wieder gelegt.

Robert Spengeler: Meine Mutter war zu Beginn äusserst skeptisch. Sie meinte, das mache man doch nicht, einfach so herumreisen. Mit der Zeit wurde sie aber zu unserem grössten Fan.

Ihr seid im vergangenen Spätherbst heimgekehrt. Der Alltag hat euch wieder – habt ihr einen Koller?

Monika Estermann: Nein. Wir waren 13 Jahre unterwegs. Da wird man schon etwas reisemüde. Unser Traum ist, ein altes Haus zu einem Guesthouse umzubauen. Wir haben die Welt gesehen – jetzt würden wir die Welt gerne zu uns holen.

Robert Spengeler: Zur zeit schauen wir uns nach Jobs um und halten Vorträge.

In Globetrotter-Ratgebern wird vor den Reaktionen der Daheimgebliebenen gewarnt. Die Verwandten und Bekannten hätten ihre eigenen Leben weiter geführt. Sie könnten nicht nachempfinden, wie überwältigend die eigenen Erlebnisse waren. So herrsche meist Desinteresse.

Robert Spengeler: Es stimmt schon. Die Verwandten und Freunde waren nicht dabei. Sie waren in ihrer Blase – und wir in unserer.

Monika Estermann: Wir hatten aber auch nicht vor, unsere Freunde stundenlang mit unseren Erlebnissen einzulullen. Trotzdem gibt es ein Grundinteresse für Reisen. Es ist auch etwas, was in unserer durchorganisierten, durchstrukturierten Welt fehlt: Das Ausbrechen, das Abenteuer. Die meisten wollen auch ferne Länder erkunden, trauen sich aber nicht. Wir geben dem einen oder der anderen vielleicht den Ansporn, es zu wagen.

Wie hält man es 13 Jahre miteinander aus, ohne sich an die Gurgel zu gehen?

Robert Spengeler: Wenn etwas schief läuft, ist immer der andere Schuld, das ist klar – es gibt sonst niemanden. Aber ernsthaft: Man muss Konflikte ansprechen, dann aber auch wieder vergessen.

Monika Estermann: Du darfst nicht nachtragend sein. Man ist auf einander angewiesen, auf Gedeih und Verderben. Beide müssen am selben Strick ziehen.

Ihr habt 64 Länder bereist. Wenn ihr euch entscheiden müsstet, in einem zu leben – welches würdet ihr wählen?

Monika Estermann: Mir gefielen China und die lateinamerikanischen Länder.

Robert Spengeler: Mexiko oder Peru, aber auch Sambia käme infrage.

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Vortrag 13 Jahre im Sattel. Monika Estermann und Robert Spengeler erzählen Anekdoten von ihrer Reise: Samstag, 7. April, 19 Uhr, Schulzentrum Neuallschwil, Muesmattweg 4–6, Eintritt frei (velocos.ch).