15 Jahre danach
Gutachterstreit um die Opferaussagen: Wurde eine damals 10-Jährige in Hölstein vom Nachbarn sexuell missbraucht?

Die Vorwürfe liegen über zehn Jahre zurück: Ein heute 52-jähriger Mann aus Hölstein soll die Tochter der Nachbarn über mehrere Jahre hinweg sexuell belästigt haben.

Patrick Rudin
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Der Fall wurde am Strafgericht in Muttenz bearbeitet. (Symbolbild)

Der Fall wurde am Strafgericht in Muttenz bearbeitet. (Symbolbild)

Bild: Kenneth Nars

Das Mädchen war zum Zeitpunkt der ersten Übergriffe im Jahr 2006 zehn Jahre alt, die beiden Familien waren eng miteinander befreundet. Weil die Mutter des Mädchens wieder voll ins Berufsleben einstieg, verbrachte die Tochter damals viel Zeit bei den Nachbarn. «Für mich war das quasi eine Ersatzfamilie», schilderte die junge Frau am Mittwoch im Baselbieter Strafgericht in Muttenz. Sie ist inzwischen zuhause ausgezogen und wohnt in einem anderen Kanton.

Der 52-jährige verheiratete Mann hat ebenfalls Hölstein verlassen, dies habe allerdings nichts mit den Vorwürfen zu tun, betonte er vor Gericht. Auch stehe seine Frau noch immer zu ihm. Zu der Anklage wollte er sich nicht äussern, er macht von seinem Recht auf Verweigerung der Aussage Gebrauch.

Damit geschah, was in solchen Fällen oft geschieht

Die Hauptverhandlung vor dem Strafgericht dreht sich nicht mehr um den Angeklagten und seine Taten, sondern um das Opfer.

Die Staatsanwaltschaft hatte nach der Einreichung der Strafanzeige vor rund vier Jahren und den darauffolgenden Befragungen ein sogenanntes Glaubhaftigkeitsgutachten in Auftrag gegeben, mit dem die Qualität der Opferaussagen wissenschaftlich überprüft werden soll. Beauftragt wurde eine bestimmte Fachperson beim Institut Forio in Frauenfeld. Als das Gutachten dann allerdings bei der Baselbieter Staatsanwaltschaft eintraf, stellte man fest, dass ein anderer Mitarbeiter das Gutachten verfasst hatte. Diese sogenannte Delegation ist verboten, das Gutachten damit unverwertbar. Bislang ist es deshalb unter Verschluss. Die Gutachterkosten sind nicht bekannt.

Die Staatsanwaltschaft gab zähneknirschend ein zweites Gutachten in Auftrag, diesmal einigte man sich zusammen mit der Verteidigung auf Karin Schilling, der Institutsleiterin für forensische Psychologie an den Basler Universitären Psychiatrischen Kliniken. Der Kostenpunkt für das Gutachten: Rund 11'000 Franken.

Auch sie wurde am Mittwoch vom Gericht zu ihren Schlussfolgerungen befragt

Verteidiger Alain Joset hatte allerdings eine Gegenstellungnahme einer anderen Fachspezialistin eingereicht, und die Antwort von Karin Schilling auf diese Kritik erreichte Gericht und Verteidigung offenbar erst vor zwei Tagen. Joset betonte, die Zeit sei zu kurz gewesen, um sich damit im Detail befassen zu können. Damit seien die Verteidigungsrechte in einem zentralen Punkt verletzt, das Verfahren sei einzustellen.

Was die umfangreichen Gutachten über das Opfer letztendlich aussagen, blieb am Mittwoch unklar. Die betroffene Frau sprach in der Verhandlung von «Flashbacks». Eine ganz konkrete Erinnerung einer Vergewaltigung bezeichnete sie aber explizit als «unwirklich». Sie habe diese deshalb auch nur ihrem Therapeuten anvertraut und in der Erstaussagen gegenüber der Staatsanwaltschaft nicht erwähnt.

Angeklagt sind auch keine Vergewaltigungsvorwürfe, sondern lediglich sexuelle Handlungen mit einer Minderjährigen. Der Mann soll das Mädchen damals über Jahre hinweg immer wieder an den Brüsten und zwischen den Beinen angefasst haben.

Allerdings ist es auch möglich, dass vorläufig noch kein Urteil fällt und das Verfahren noch länger dauert: Der Verteidiger verlangte, ein zusätzliches Obergutachten zur Glaubhaftigkeit des Opfers ausarbeiten zu lassen. Das Dreiergericht fällt seinen Entscheid am Donnerstag.