Muttenz
47 Jahre in 300 Metern Tiefe: Rheinsalinen tilgen Sünden der Vergangenheit

Vor 47 Jahren blieb im Zinggibrunn ein Bohrgestänge in über 300 Metern Tiefe stecken. Der Salzproduzent liess das Bohrgestänge in den Tiefen ruhen. Dies ändert sich nun, nachdem die Salzförderung des betroffenen Bohrfeldes erschöpft ist.

Yann Schlegel
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Ein abgenutzter, mit Hartmetall bestückter Fräskopf am Sengelweg im Zinggibrunn oberhalb von Muttenz.

Ein abgenutzter, mit Hartmetall bestückter Fräskopf am Sengelweg im Zinggibrunn oberhalb von Muttenz.

Yann Schlegel

Mitten im saftigen Frühlingsgrün kommt die orangenfarbene Bohrmaschine zum Vorschein. Es rattert. Drehung für Drehung, Zentimeter für Zentimeter versinken die Bohrelemente im Boden. Zwei Mitarbeiter der Daldrup & Söhne AG sind vor Ort. Es ist keine gewöhnliche Salzbohrung, welche die Schweizer Salinen AG im Zinggibrunn, unweit vom Restaurant Egglisgraben beauftragt hat. Ein Steinwurf von der Rütihard entfernt, sind die Salzvorkommen seit 2010 erschöpft. Vor rund acht Jahren war das Bohrloch am Sengelweg zuletzt aktiv. Warum also, lassen die Salinen hier eine Bohrmaschine auffahren? Landwirt Ruedi Brunner stellte sich in den vergangenen Tagen ebendiese Frage.

Ruedi Brunner zweifelt

Im April begann Brunner gemeinsam mit seiner Familie den Widerstand gegen die geplanten Salzbohrungen auf der Rütihard zu formieren. Es ist das Land, das er seit Ende der 1970er Jahre von der Bürgergemeinde pachtet und bewirtschaftet. Das Muttenzer Naherholungsgebiet ist für den Bauer eine Lebensgrundlage, die ihm ans Herz gewachsen ist. «Die Lachmatt hätte ich bei einem Kaffee mit der Saline gerne hergegeben, nicht aber die Rütihard», sagt Brunner. Das Gebiet zwischen Pratteln und Muttenz fiel aus dem Konzessionsgebiet, weil der Adlertunnel der Bahn durchführt und der Untergrund zu wenig stabil ist. Ab 2025 will die Saline auf der Rütihard Salz fördern. Obwohl die Salinen die angekündigten Probebohrungen auf der Rütihard provisorisch einstellten, ruhte Brunner nicht.

Die Bohrmaschine im Zinggibrunn entging dem Bauer nicht. Er zeigte keine Scheu, fand bald das Gespräch mit den Arbeitern vor Ort. Und die norddeutschen Arbeiter erzählten ihm freimütig. Sie seien damit beschäftigt, ein steckengebliebenes Bohrgestänge aus dem Boden zu fräsen. Bauer Brunner wurde misstrauisch. Er vermutete einen Zusammenhang zwischen dem Soleaustritt im Sulz vor Jahresfrist und der ausserordentlichen Rückbauaktion im Zinggibrunn. «Es erstaunt mich, dass die Saline gerade jetzt das Bohrgestänge rausfräst», sagte Brunner gestern. Er denkt, die Saline wolle aufgrund der erhöhten Aufmerksamkeit jegliche Risiken vermeiden. Der Bohrmeister vor Ort weiss keine Antwort auf die Frage, weshalb er das Bohrgestänge gerade jetzt aus dem Boden fräsen muss. «Das müssen Sie die Saline fragen», sagt er.

Salinen-Chef dementiert

Die Saline dementiert, was Brunner mutmasst. «Die Fräsarbeiten im Zinggibrunn haben überhaupt nichts mit dem letztjährigen Soleaustritt zu tun», sagt Urs Hofmeier. Der Geschäftsführer der Salinen berichtet mit ruhiger Stimme. Auch wenn der Schlussbericht erst in einigen Wochen vorliege, hätten die Salinen Massnahmen ergriffen, damit sich ein solches Ereignis nicht wiederhole. Der Schlussbericht erklärt, weshalb die Salzwasserfontäne austrat: Im stillgelegten Bohrloch bildete sich 300 Meter unter der Oberfläche eine Stickstoffblase. Der 30 Bar hohe Druck entleerte sich nach oben, und riss Sole mit. Sie trat als Salzwasserfontäne im Zinggibrunn aus.

Hofmeier betont, die aktuellen Arbeiten zum Rückbau der Bohrlöcher im Zinggibrunn entsprächen der Normalität. Am Sengelweg erschlossen die Salinen 1971 ein Bohrfeld. Bis 2010 gab der Untergrund das weisse Gold her. Dann beobachtete die Saline wie üblich die stillgelegten Kavernen. Vor zwei Jahren bewilligte der Verwaltungsrat des Salzproduzenten die Investition, um das Gebiet mit acht Bohrlöchern und einer Pumpstation zurückzubauen. Bei diesem Vorgang entfernt die Saline die Installationen und renaturiert den Boden. Sie zementiert das Bohrloch vollständig aus, dichtet somit die Gesteinsschichten ab. «Der Rückbau war schon seit vielen Jahren geplant», sagt Hofmeier. Die aussergewöhnliche Situation am Bohrloch neben dem Sengelweg hatte die Saline nicht vergessen. Vor 47 Jahren war die Technik noch nicht so weit wie heute.

Bei der Bohrung ging in 340 Metern Tiefe ein Gestänge verloren. 1991 versuchten die Salinen, das im Gestein festgefahrene Material zu greifen und rauszuziehen. Der erste Versuch scheiterte. «Deshalb müssen wir es jetzt mechanisch rausfräsen», sagt Hofmeier. Um die genutzte Salzkaverne dicht zu verschliessen, sei diese Massnahme notwendig. Für die Saline verursacht das festgesteckte Gestänge grossen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand. Das Fräsen sei ein bekanntes und erprobtes Verfahren, um ein verlorenes Gestänge zu entfernen und so ein Bohrloch sicher zu verschliessen, sagt Hofmeier.

Im budgetierten Rückbauposten von 1,6 Millionen Franken sind auch Beträge für Unvorhergesehenes berücksichtigt. Wie teuer die Fräsaktion der Salinen zu stehen kommt, kann Hofmeier derzeit nicht sagen. Nur soviel: «Das zeichnet die Saline aus: Wir machen es richtig, egal was es kostet.»

Im Zinggibrunn sind sie Bohrleute bei Meter 52 angelangt. Ein unvorhergesehener Widerstand verlangsame den Fräseprozess, beklagt sich der Bohrmeister. Es stehen noch etliche Zentimeter bevor. Bauer Brunner wird im Widerstand gegen die Salzbohrungen auf der Rütihard nicht ruhen.