Liestal
5.-Klässler strickten eine halbe Stunde lang so schnell sie konnten

In Rinos' Ohren muss es wohl blanker Hohn gewesen sein: Kurz nach Ablauf der 30 Minuten Wettstricken legte Juror Peter Küng seine Sicht der Dinge dar. «Stricken macht die Welt viel entspannter», sagte er den rund 100 Primarschülern aus Liestal.

Leif Simonsen
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Die 5.-Klässler Rinos, Pirasanna und Andrea (von links) beim Strickwettbewerb. Leif Simonsen

Die 5.-Klässler Rinos, Pirasanna und Andrea (von links) beim Strickwettbewerb. Leif Simonsen

Nur wenige Minuten vorher hatte Rinos ausgerechnet im Schlussspurt des Strickwettbewerbs die Stricknadel verloren und sich, im wahrsten Sinne des Wortes, verstrickt. «Hopp, hopp, hopp, Frau Studt, kommen Sie», so die hilfesuchenden Worte in Richtung Klassenlehrerin.

Seine Kumpels Pirasanna und Andrea freilich können ihm nicht unter die Arme greifen. Zu sehr sind sie damit beschäftigt, die letzten eigenen Rippen und Maschen über die Ziellinie zu retten. Doch auch bei ihnen wird es nicht in die Ränge reichen. Denn heute ist Mädchentag in Liestals Kirchgemeindehaus: Die ersten drei Plätze werden allesamt von jungen Strickerinnen belegt. Allen voran Nemea, die in einer halben Stunde 25 Rippen und eine Masche schaffte.

Wettbewerb motiviert

Doch eigentlich ist Stricken längst nicht mehr eine Mädchendomäne. Giuliana Studt, Klassenlehrerin der 5 d, hebt das Engagement der Schüler sowohl im Werken als auch in der Handarbeit hervor. Da wird durchaus auch mit pädagogischen Tricks gearbeitet, um die Kinder zu motivieren. Sobald die Jungs in einer Konkurrenzsituation stehen, strengen sie sich an - auch, wenn es dabei «nur» ums Stricken geht. Und was die Feinmotorik angeht, könnten die Jungs den Mädchen durchaus das Wasser reichen, sagen die Fachlehrerinnen für Textiles Gestalten.

Dass der Strickszene junges Blut nur guttun kann, bestätigt Peter Küng, der mit seinem Geschäft für Strickgarne im Jahr 2007 nach Basel expandierte. Hier, wo einst eine «Strickhochburg» war, ist Küng nun beinahe ein Exot. «Besonders bei den 68ern war es gang und gäbe, dass man überall strickte - sei es im Tram oder in den Beizen.»

Preise sind abschreckend

Heute aber sind insbesondere strickende Männer Exoten. «Stricke ich im Zug, kommt der Kontrolleur mindestens fünfmal vorbei, um sich verwundert die Augen zu reiben», lacht Küng. Auch das Tragen von Wollpullovern würden die Männer den Frauen überlassen. Unter den rund 100 Modellen, die Küng jährlich für sein Geschäft designt, seien lediglich zwei bis drei Männermodelle. «Es ist ein komisches Phänomen», sagt der Liestaler. «Die Frauen mögen es, wenn die Männer Wollpullover tragen - den Männern selber ist es zu weiblich.»

Für viele wirkt zudem der Preis der selbst gestrickten Wollkleider abschreckend. «Würde ich den Stundenlohn eines Informatikers verlangen, würde ein Pullover wohl etwa 10 000 Franken kosten», sagt Küng. Und selbst wenn er seine Arbeit nicht mit dem Stundenlohn verrechnet, kann er mit den günstigen Mode-Ketten nicht mithalten.

Bis zum ersten selbst gestrickten Pullover müssen sich Rinos, Pirasanna und Andrea noch durch viele verlorene Stricknadeln und Fallmaschen quälen. Rinos bisher grösstes Erfolgserlebnis war ein Etui. Kein Grund, um gestern eine Trainingsrunde einzulegen. Erst mal entspannen, fand Rinos. Und das geht nun mal nicht beim Stricken.