Birsfelden
72 und plötzlich wieder im Klassenzimmer

Seit bald elf Jahren unterstützen Senioren die Birsfelder Lehrpersonen im Unterricht – und haben Spass dabei. Beim Projekt «Seniorinnen und Senioren in der Schule» geht es in erster Linie um die Beziehung zwischen den Generationen.

Nils Hänggi
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In der Klasse von Jacqueline Dubach hilft die Seniorin Margaretha Müller mit. Sie hat das Projekt «Seniorinnen und Senioren in der Schule» initiiert.

In der Klasse von Jacqueline Dubach hilft die Seniorin Margaretha Müller mit. Sie hat das Projekt «Seniorinnen und Senioren in der Schule» initiiert.

Martin Töngi

«Die Kartoffeln wachsen unter der Erde, man sieht nur die grünen Blätter der Pflanze an der Oberfläche.» Im Klassenzimmer der Einführungsklasse (EK) der Lehrerinnen Jacqueline Dubach und Sabine Schranz erklärt Margaretha Müller den Kindern die heimische Botanik. Obwohl sie neben Jacqueline Dubach sitzt und zu den Kindern spricht, handelt es sich bei der älteren Dame nicht um eine Lehrerin: Margaretha Müller ist 72 Jahre alt und arbeitete als Sekretärin. Sie unterstützt auf ehrenamtlicher Basis die Lehrerinnen im Schulalltag. Möglich macht dies das Projekt «Seniorinnen und Senioren in der Schule» an der Primarschule Birsfelden, welches seit bald elf Jahren durchgeführt wird.

Initiiert hat das Projekt Margaretha Müller in Zusammenarbeit mit Pro Senectute Baselland. «Ich wollte, dass sich die Senioren in der Gesellschaft einsetzen können», sagt sie. «Durchs Projekt wird die Begegnung zwischen den Generationen ermöglicht und vor allem gefördert.» Für zwei bis vier Stunden pro Woche – idealerweise einen Halbtag – unterstützen Pensionierte die Lehrpersonen bei ihrer Arbeit. Sie kümmern sich um einzelne Kinder oder ganze Gruppen; sie erzählen Geschichten und begleiten die Klassen auf Ausflügen. Die jeweiligen Aufgaben besprechen sie immer mit der Lehrperson. «Die Verantwortung für den Unterricht liegt immer bei der Lehrkraft», erklärt Jürg Derungs, Schulleiter der Primarschule Birsfelden. Idealerweise findet der Einsatz während eines ganzen Schuljahres statt. Müller: «So können sich die Kinder an uns gewöhnen – und wir uns an sie.»

Alle profitieren

Mittlerweile ziehen die elf Kinder der Einführungsklasse ihre Schuhe an: Die Klasse macht einen Ausflug in den Schrebergarten von Margaretha Müller. Die rüstige Rentnerin stellt einen Teil dessen den Kindern zur Verfügung. «Jedes Kind hat ein kleines Fleckchen Erde mit Salat, Kresse, Radieschen und Kartoffeln», erzählt Müller nicht ohne Stolz. «Alle zwei Wochen gehen wir die Fortschritte im Garten anschauen.» Im Schrebergarten angekommen, unweit des Schulhauses, muss die Kresse geschnitten werden. Jacqueline Dubach und Margaretha Müller verteilen die Scheren und das Abschneiden der Kresse kann beginnen: Den Kindern sieht man die Freude an den Gartenarbeiten an. Dubach erklärt: «Für die Schüler ist es eine tolle Sache. Sie haben die Kresse selber gepflanzt und können nun beobachten, wie alles wächst und gedeiht.»

Beim Projekt «Seniorinnen und Senioren in der Schule» geht es in erster Linie um die Beziehung zwischen den Generationen. Ziel ist es, dass die Kinder vom Wissen und der Erfahrung der älteren Menschen profitieren und so deren Lebenswelt kennenlernen. Müller beschreibt es als «Win-win-win»-Situation: Alle Beteiligten – Kinder, Lehrkräfte, Senioren – gewinnen. «Bei vielen Kindern wohnen die Grosseltern weit weg oder sind schon gestorben. Wir Senioren sind auch so eine Art Ersatz für die Grosseltern», sagt sie. Auch Derungs ist vom Projekt überzeugt: «Kinder erhalten durch die Senioren die Möglichkeit in ‹Alte Zeiten› einzutauchen. Das Ganze ist ein Nehmen und Geben.»

Senioren gesucht

Eine pädagogische Ausbildung müssen die Senioren nicht vorweisen. Viel wichtiger sei die Freude am Umgang mit Kindern, Geduld und vor allem gute Nerven, so Müller. Aktuell sind in Birsfelden 15 Senioren im Einsatz. Doch es könnten mehr sein, wie Derungs bestätigt: «Der Bedarf an Senioren ist zurzeit leider leicht höher als das Angebot.»

Die Kinder haben mittlerweile mithilfe von Margarethe Müller die gesamte Kresse abgeschnitten. Die Freude ist allen anzusehen. Die frische Kresse kommt in einen grossen Plastiksack und der Weg zurück in die Schule kann beginnen.

Ein Mädchen sagt: «Danke Frau Müller» und läuft mit einem Lachen in Richtung Schule.

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