Frenkendorf
Abtretender Presi Rolf Schweizer: «Man muss den Kopf hinhalten»

«Das Schlechte vergisst man schnell, das Gute bleibt einem erhalten», sagt Rolf Schweizer. Der Frenkendörfer Gemeindepräsident äussert sich über seine zu Ende gehende Politkarriere.

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Rolf Schweizer: «Wenn ich alles unter dem Strich zusammenzähle, überwiegt das Positive.»Kenneth Nars

Rolf Schweizer: «Wenn ich alles unter dem Strich zusammenzähle, überwiegt das Positive.»Kenneth Nars

Kenneth Nars

Herr Schweizer, nächsten Dienstag werden Sie Ihre letzte Gemeindeversammlung leiten. Gegen aussen wirken Sie sachlich und nüchtern. Wird es dennoch eine emotionale Angelegenheit für Sie?
Rolf Schweizer: Schwierig vorauszusagen. Ich hoffe es nicht, aber ich bin jemand, der relativ nahe am Wasser gebaut ist. Die Gemeindeversammlung leite ich wie gewohnt, da werden die Anwesenden nicht viel merken. Was genau danach abgeht, weiss ich nicht. Ich lasse mich überraschen.

32 Jahre im Gemeinderat

Rolf Schweizer wurde 1984 in den Frenkendörfer Gemeinderat gewählt. Seit 2002 ist er Gemeindepräsident. Der 67-Jährige ist Informatiker und teilpensioniert. Schweizer ist Mitglied der SVP. Er gehört auch dem Vorstand des Verbands Basellandschaftlicher Gemeinden an.
Schweizer leitet am kommenden Dienstagabend seine letzte Gemeindeversammlung. Diese findet bei günstigem Wetter als «Landsgemeinde» auf dem Dorfplatz statt. Danach gibts für die Versammlungsteilnehmenden Gratiswurst mit Brot und Getränk – aus Anlass des abtretenden Gemeindepräsidenten. FDP-Gemeinderat Roger Gradl übernimmt am 1. Juli das Präsidium von Rolf Schweizer.
In 23 Baselbieter Kommunen amten ab Anfang des kommenden Monats sieben neue Gemeindepräsidentinnen und 16 neue Gemeindepräsidenten. In den restlichen 63 Gemeinden wird das Präsidium von Bisherigen weitergeführt.

Diese Frage stellte ich mir auch immer. Die Arbeit im Gemeinderat war interessant, es lief stets etwas. Wir hatten immer ein gutes Team, was enorm wichtig ist. Zudem verfügen wir über eine starke Verwaltung mit kompetenten Leuten. Das fördert den Zusammenhalt. Und dies motivierte mich stets von Neuem.
Aber als Gemeinderat wird man doch fast nur kritisiert, Lob erhält man selten.
Wenn ich alles unter dem Strich zusammenzähle, überwiegt das Positive. Klar steht man permanent in der Öffentlichkeit, muss den Kopf hinhalten und manchmal auch den «dreckigen Kittel» anziehen, wenn etwas schiefläuft. Aber das Schlechte vergisst man schnell, das Gute bleibt einem erhalten.
Falls Sie kritisiert werden, wie gehen Sie damit um als Gemeindepräsident?

Wichtig ist für mich, dass Kritik konstruktiv ist. Damit kann ich leben. Wenn Kritik angebracht worden ist, habe ich sie entgegengenommen und darauf geachtet, im positiven Sinn zu reagieren. Wenn auf den Mann gespielt wird, was sehr selten passiert ist, habe ich mich auch entsprechend positioniert und den betreffenden Leuten klar gemacht, dass es so nicht geht. Auf den Mann spielen ist meiner Meinung nach immer schlecht in der Politik. Das ist nicht zielführend. Man muss mit den Mitbürgerinnen und –bürgern und in der Politik anständig umgehen. Ich bin einer, der bei Konflikten deeskalierend und ausgleichend wirkt, damit man nicht in eine Spirale gerät.
Was schätzen Sie am meisten an Ihrer Tätigkeit als Kommunalpolitiker?
Dass man sehr nahe ist an den Einwohnerinnen und Einwohnern und in einem Dorf effektiv gestalten kann. Ich habe mir aufgeschrieben, was alles abgelaufen ist in den vielen Jahren. Es kommt einiges zusammen, was unsere Behörde bewirkt hat. Das gibt einem immer wieder Motivation zum Weitermachen.
Was macht weniger Spass?

Unangenehme Pflichten – die gehören nicht unbedingt zu den Highlights. Solche Sachen habe ich auch erlebt, da muss man durch.
Zum Beispiel.

Die Geschichte, als wir 2003 die Rechnung «geschönt» hatten wegen des Finanzausgleichs. Da wurden wir heftig angegriffen. Ich stand als Gemeindepräsident hin und habe den Fehler eingesehen. Wir wollten für Frenkendorf das Beste herausholen, was aber nicht zuungunsten von jemandem geschah. Trotzdem: Es war nicht sauber. Das beschäftigte mich stark, wie neulich auch das Hochwasser im Dorf.
Hatten Sie als Gemeinderat und Gemeindepräsident auch schlaflose Nächte?

Ja, klar. Wegen gewisser Probleme, an denen man herumstudiert, wie sie zu lösen sind, wie man vorgehen soll oder was zu tun ist.
Sie sind also nicht nur der abgeklärte, coole Politiker, sondern auch der Mensch Rolf Schweizer?
Mit Sicherheit. Je nach dem muss ich aufpassen, dass ich etwas nicht zu persönlich nehme.
Haben Sie während Ihrer langen Amtszeit schon jemandem die Leviten lesen müssen?

Ja.
Im Gemeinderatskollegium oder Einwohnern?

Beides. Das ist auch die Aufgabe des Präsidenten. Es kommt jedoch darauf an, wie man es macht – unter vier Augen und anständig. Oder als wir im Abfallwesen die Gebühren eingeführt hatten, empfing ich persönlich Leute, die sich beschwerten, wenn sie eine Strafe erhalten hatten. Kaum zu glauben, was teilweise an Entschuldigungen hervorgebracht wurde. Da musste ich sagen: «So geht es nicht.»
Wie brachten Sie Beruf, Familie und politische Tätigkeit unter einen Hut?
Ohne eine verständnisvolle Familie, die dazu steht, kann man ein solches Amt nicht ausführen. Volksweisheit: «Hinter einem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau.» Meine Familie hat sicher teilweise hinten anstehen müssen. Bezüglich Beruf und politischem Mandat: Ich war über 30 Jahre für eine Grossbank tätig. Da kommt es darauf an, was für einen Vorgesetzten man hat. Bei einem Chef mit Verständnis für Politik ist es einfacher. Andernfalls wird es kritisch. In den vielen Jahren habe ich alle Facetten erlebt. Im Grossen und Ganzen haben es die Arbeitgeber geschätzt, wenn ein Angestellter ein politisches Mandat hat, aber nicht immer. Dafür haben heute die KMU-Betriebe mehr Verständnis als die grossen, globalen Firmen.
Kann man das Präsidium einer mittelgrossen Gemeinde wie Frenkendorf noch ausüben neben einem vollen Berufspensum?
Das können Sie glatt vergessen. Man muss Abstriche machen. Ich bewältige als Frenkendörfer Gemeindepräsident ein 20-Prozent-Pensum, aber das reicht nicht immer. Es kann je nach Situation, was gerade läuft in der Gemeinde, 50 Prozent oder auch mehr betragen.
In Frenkendorf bringen sich Parteien sehr aktiv ein. Der Gemeinderat ist ausschliesslich mit Parteiangehörigen besetzt. Wird in Ihrem Gremium Parteipolitik betrieben?
Nein, aber es gibt Ausnahmen. Der Gemeinderat ist eine Kollegialbehörde, die Sachpolitik betreibt. Wenn es aber um finanzielle oder sozialpolitische Fragen geht, kommen die Parteipositionen schon zum Vorschein. Das führte schon dazu, dass ich an Gemeinderatssitzungen sagen musste: «Wir könnten jetzt noch eine Stunde darüber diskutieren. Wenn ich dann abstimmen lasse, habe ich das gleiche Resultat, wie wenn wir jetzt abstimmen.»
Sie geniessen in Frenkendorf weit über die Parteigrenzen hinaus Sympathien. Wie gewinnt man auch den Respekt der politischen Gegner?
Als Gemeinderat hat man ein Departement, das man vertreten muss. Als Präsident ist man jedoch in einer anderen Rolle. Er muss dafür sorgen, dass das Schiff auch im Sturm gut durch die Wellen kommt. Das bedingt, dass der Gemeindepräsident über allem steht und ausgleichend wirkt.
Keine Partei wird so geliebt und gehasst wie die SVP. Fühlen Sie sich als SVP-Mitglied wohl in diesem Lager?

Ich war schon Mitglied der damaligen BGB. Das war eine ganz andere Zeit, als der Berner Flügel mit den Bauern dominant war. Dann kam die Blocher-Ära. Im Grundsatz kann ich mich nach wie vor hundertprozentig mit der SVP identifizieren, aber nicht mehr in allem. Ich finde, die SVP polarisiert teilweise allzu stark. Ein gewisses Mass braucht es, aber manchmal geht sie zu weit.
Inhaltlich oder vom Stil her, wie sie Diskussionen führt?
Die SVP thematisiert Probleme, welche die Leute beschäftigen. Diese Probleme muss man angehen. Natürlich verlaufen Debatten teils sehr emotional und polarisierend, aber immerhin gehen Stimmbürgerinnen und -bürger bei wichtigen Vorlagen wieder vermehrt zur Urne.

«Jeder schaut vermehrt für sich»

Rolf Schweizer pickt ein paar grosse Projekte heraus, die während seiner langen Amtszeit als Frenkendörfer Gemeindepräsident und Gemeinderat realisiert worden sind. Er leitete die Baulandumlegung Nübrig-Risch, bei der 100'000 Quadratmeter eingezont wurden, von Anfang bis Schluss. «Das war sehr interessant», merkt Schweizer an. Dazu kommen die Erschliessung Hofmatt-Erli, die Umsetzung von Harmos sowie die Einführung von Tempo 30. Zu den Highlights seiner Amtszeit zählt Rolf Schweizer die Eröffnung des Bahnhofplatzes 1986 und das Läckerli-Huus, das nach Frenkendorf gezogen ist.
Bei seinem Antritt als Gemeinderat vor 32 Jahren betrug die Pro-KopfVerschuldung etwa 4200 Franken, was Frenkendorf in der kantonalen Rangliste einen Spitzenplatz bescherte. «Heute sind wir schuldenfrei», meint Schweizer stolz. Die Dorfbevölkerung wuchs seit 1984 von 5600 auf heute rund 6500 Einwohnerinnen und Einwohner. Sorgen bereitet Rolf Schweizer die abflachende Solidarität unter den Leuten. «Das hängt mit der Globalisierung zusammen», vermutet
der Noch-Gemeindepräsident und fügt an: «Jeder schaut vermehrt für sich und nicht mehr unbedingt für die Gemeinschaft.»
Schweizer bedauert auch die momentane Entwicklung unter den Gemeinden, die auf eine Konfrontation zwischen Unter- und Oberbaselbiet hinauslaufen könnte. «Das darf nicht sein.» Als Vorstandsmitglied des Verbands Basellandschaftlicher Gemeinden und Angestellter im Ingenieurbüro des früheren Bennwiler Gemeindepräsidenten Erich Geiser, mit dem sich Rolf Schweizer öfters austauscht, «ist mein Verständnis für die Sorgen und Nöte der Oberbaselbieter Dörfer gewachsen», betont der abtretende Gemeindepräsident Frenkendorfs.

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