Kickboxer-Prozess
Acht Geständnisse, aber jede Menge offene Fragen – das war der dritte Prozesstag im Fall Dojo

Im Prozess rund um den Kickboxer Paulo Balicha hatten am Dienstag, am zweiten Prozesstag, die Angeklagten das Wort. Während die einen schwiegen, belasteten andere den Hauptangeklagten. Heute wurden weitere Mitangeklagte befragt.

Patrick Rudin und Jonas Hoskyn
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Der Basler Kampfsportler Paulo Balicha steht vor dem Baselbieter Gericht.
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Er soll zusammen mit einem maskierten und bewaffneten Schlägertrupp das Trainingscenter seines Rivalen Shemsi Beqiri überfallen haben,
Dojo-Prozess: Shemsi Beqiri vs. Paulo Balicha am Baselbieter Strafgericht (Prozesstag 3)
Heute soll Paulo Balicha vor Gericht aussagen.
Shemsi Beqiri ist auch vor Ort.
Mit seinem Anwalt Jascha Schneider.
Beqiri fordert als Privatkläger eine Entschädigung von 50'000 Franken.
Schneider fordert, dass das Verfahren politische Konsequenzen hat. Er spricht bereits von einem neuen Baselbieter Justizskandal.
Die Urteile folgen dann im September.
Der Prozess bringt das Strafjustizzentum an seine Grenzen.
Der Gerichtssaal ist kaum gross genug für alle 17 Angeklagten plus ihre Rechtsvertreter plus die insgesamt 20 Privatkläger plus deren Rechtsvertreter plus das Grossaufgebot an Polizisten.
Kamera hat gefilmt: Der Kampf zwischen Shemsi Beqiri (l.) und Paulo Balicha (r.) unter den Augen der maskierten Schlägern.
Das Video vom Kampf zwischen Balicha und Beqiri ist das wichtigste Beweismittel der Baselbieter Staatsanwaltschaft im Fall Dojo.
Der Kampf zwischen Balicha (links) und Beqiri hatte nichts mit Sport zu tun.
Beobachtet vom Überfallkommando, wehrt sich Thaiboxer Shemsi Beqiri (oben) gegen Paulo Balicha.

Der Basler Kampfsportler Paulo Balicha steht vor dem Baselbieter Gericht.

Nicole Nars-Zimmer

Es ist quasi Halbzeit im Strafprozess um den Überfall vom Februar 2014 auf das Reinacher Kampfsportzentrum von Shemsi Beqiri: In den letzten Tagen konnten sich die Angeklagten zum Vorwurf äussern, sie hätten die Prügel-Attacken auf diverse damals anwesende Erwachsene und Kinder zumindest mitgetragen.

Bislang kamen 15 der 17 Angeklagten zu Wort: Hauptangeklagter Paolo Balicha räumte ein, dass die ganze Sache auf seinem Mist gewachsen ist. Weitere sieben Angeklagte gaben zu, dass sie dabei waren, beteuerten aber unisono, sie hätten an einen fairen Zweikampf geglaubt und selber niemanden geschlagen. Der Satz «Ich war bloss ein passiver Zuschauer» fiel vor Gericht regelmässig, ein Angeklagter meinte gar etwas verklausuliert, er habe nicht zur «Entscheidungsebene» gehört. Mehrere der Männer betonten, sie hätten nicht gewusst, dass dort auch Kinder anwesend sein würden. Ein weiterer Angeklagter hatte seine Beteiligung schon früher eingeräumt, betonte aber am Mittwochmorgen, er wolle sich nicht mehr äussern.

Nur wenige Beweise

Wer genau die Türe bewacht hat, sodass während des Kampfes niemand abhauen konnte, bleibt vorerst unklar. Die Baselbieter Staatsanwaltschaft geht bislang allerdings davon aus, dass alle Angeklagten auch punkto Hausfriedensbruch und Freiheitsberaubung als Mittäter zu betrachten sind. Dazu kommt der Hauptanklagepunkt der versuchten schweren Körperverletzung.

Neben den Verletzungen von Shemsi Beqiri durch den Zweikampf mit Paulo Balicha wurden mindestens drei weitere Männer verletzt. Noch ist unklar, auf wessen Kappe die gebrochenen Kieferhöhlen- und Augapfelverletzungen sowie eine Gehirnerschütterung gehen. Dass ein Holzschlagstock angeblich durch blosse «Berührungen» kaputt gehen kann, sorgte diese Woche im Zuschauerraum des Strafgerichtes für Heiterkeit.

Weitere sechs Angeklagte haben bislang die Aussagen verweigert oder durchgängig betont, sie hätten mit dem Überfall nicht das Geringste zu tun gehabt und seien auch nicht dabei gewesen. Bereits seit längerem ist bekannt, dass mindestens sechs im Video auftretende Schläger bis heute nicht identifiziert werden konnten.

Als Beweise liegen immerhin ein DNA-Treffer auf einem Schlagstock vor, sonst gibt es hauptsächlich Aussagen von diversen Mittätern. Deren Glaubhaftigkeit wird von diversen Verteidigern angezweifelt, die Würdigung dieser Behauptungen wird die Hauptaufgabe des Gerichtes werden.

Riesige Aktenmengen

Bereits an den ersten beiden Prozesstagen hatte mehrere Verteidiger die mangelnde Akteneinsicht kritisiert. So erhielten sie etwa (wie in Baselland aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes üblich) keinen Einblick in die Strafregisterauszüge und ähnliche Akten der anderen Mitangeklagten. Darüber hinaus gab es allerdings auch Fehler bei der Aktenzustellung an die Verteidiger. Teilweise scheiterte es an solch banalen Dingen wie USB-Sticks, auf denen sich die PDF-Dateien nicht öffnen liessen.

Es stellte sich allerdings auch die Frage, ob neben der viel kritisierten Staatsanwaltschaft einzelne Verteidiger schlichtweg den Überblick über die mehr als 30'000 Aktenseiten verloren haben. Das Problem der Aktenorganisation stellt sich regelmässig in grossen Wirtschaftsstrafverfahren. Staatsanwalt Boris Sokoloff betonte dazu, die technischen Probleme seien zwar bedauerlich, mit einer mehrfach unterstellten «Geheimjustiz» habe aber das alles nichts zu tun.

Nächste Woche dürfte die Zivilklage von Shemsi Beqiri ins Visier der Verteidiger geraten: Alleine der Lohnausfall nach den Verletzungen sowie die Anwaltskosten summieren sich auf mindestens 50 000 Franken. Hinzu kommt eine Genugtuungsforderung in unbekannter Höhe. Beqiris Anwalt Jascha Schneider hielt am Montag eine Medienkonferenz ab und attackierte darin die Erste Staatsanwältin Angela Weirich. Am Dienstag und Mittwoch hingegen sass Beqiri alleine an seinem Tisch und nahm regelmässig mehrere Angeklagte ins Kreuzverhör. Mehrere Anwälte deuteten bereits an, nächste Woche in ihren Plädoyers die Opferrolle von Beqiri und weiteren Personen hinterfragen zu wollen.

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