Milliarden-Deal
Allschwiler Gemeindepräsidentin zur Actelion-Übernahme: «Johnson & Johnson hat mich angerufen»

Nicole Nüssli lobt den US-Konzern. Es sei respektabel, dass man die Gemeinde aus erster Hand informiert hatte. Beunruhigt ist man in Allschwil wegen der Übernahme nicht.

Benjamin Wieland
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Gegen 1000 Mitarbeitende zählt Actelion am weltweiten Sitz in Allschwil – nach der Übernahme durch Johnson & Johnson könnte die Gemeinde unter anderem die neue Forschungsabteilung beherbergen.

Gegen 1000 Mitarbeitende zählt Actelion am weltweiten Sitz in Allschwil – nach der Übernahme durch Johnson & Johnson könnte die Gemeinde unter anderem die neue Forschungsabteilung beherbergen.

Nicole Nüssli, am Donnerstag um 8 Uhr Schweizer Zeit hat der US-Konzern Johnson & Johnson bekannt gegeben, dass er die Allschwiler Actelion übernehmen will. Wann haben Sie davon erfahren?

Nicole Nüssli, Gemeindepräsidentin Allschwil

Nicole Nüssli, Gemeindepräsidentin Allschwil

Monika Mueller Binningen

Nicole Nüssli: Heute Morgen, auch etwa um 8 Uhr.

Über die Medien?

Nein, ein Mitarbeiter von Johnson & Johnson hat mich angerufen, etwa zu der Zeit, als auch die Medienmitteilung rausging über die Kaufabsicht. Ich erhielt auch eine E-Mail von Johnson & Johnson.

Waren Sie überrascht?

Nicht allzu sehr. Man wusste ja bereits seit Ende Dezember, dass Exklusiv-Verhandlungen im Gang sind zwischen den beiden Unternehmen. Ich habe mich also seit Wochen über die Zeitungen à jour gehalten und die Ohren gespitzt.

Ist der Verkauf des grössten Unternehmens eine traurige Nachricht?

Nein. So, wie das Geschäft derzeit skizziert ist, wird eine Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft abgespalten. Als deren Leiter ist Jean-Paul Clozel, Gründer und CEO von Actelion, vorgesehen. Für uns ist entscheidend, dass bedeutende Teile der Forschung hier in Allschwil bleiben. Ich finde es auch respektabel, dass wir als Gemeinde von Johnson & Johnson aus erster Hand informiert worden sind – man muss es leider anmerken: Das ist nicht selbstverständlich.

Ein Teil der Forschung und Entwicklung wird wahrscheinlich in Allschwil verbleiben. Seine heutige Grösse wird das Biotech-Unternehmen – es beschäftigt in Allschwil rund 1000 Mitarbeitende – aber wohl nicht mehr erreichen.

Wer weiss das schon? Über die Fusion stimmen die Actelion-Aktionäre an einer ausserordentlichen Generalversammlung ab, die ist für das zweite Quartal 2017 angesetzt. Und auch danach kann noch einiges passieren. Aber es war doch schon heute so: In Allschwil haben wir den weltweiten Sitz des Unternehmens plus die Forschung und Entwicklung. War ein Produkt marktreif, so wurde es schon bisher an Standorten in anderen Ländern produziert. Actelion hat Vertretungen in über 30 Ländern.

Läuten bei der Steuerverwaltung die Alarmglocken? Actelion ist der wichtigste Steuerzahler der Gemeinde.

Actelion ist ein wichtiger Steuerzahler, ganz klar. Es geht aber nicht nur um das. Actelion ist für Allschwil auch eine Vorzeigefirma. Hier passt das Bild wirklich: Die Firma ist für Allschwil ein Leuchtturm, sie hat den Namen der Gemeinde in die Welt hinausgetragen. Der Hauptsitz von Jacques Herzog und Pierre de Meuron, 2010 fertig gestellt, ist architektonisch herausragend. Er hat das Bachgraben-Gebiet, das von Gewerbebauten dominiert wird, stark aufgewertet.

Allschwil pflegte bisher gute Kontakte mit dem Unternehmen. Wie war der Austausch mit Herrn Clozel?

Wir stehen in engem Kontakt zu allen wichtigen Unternehmen, die in der Gemeinde ansässig sind. Das hat auch damit zu tun, dass wir uns über die zu erwartende Entwicklung der Steuereinnahmen informieren können. Im Fall Actelion lief der Draht meist über Firmen-Mitgründer Walter Fischli. Daneben gab es weitere Ansprechpersonen für die Verwaltung auf anderen Ebenen. Wie sich das Verhältnis nun mit der neuen Eigentümerin Johnson & Johnson gestalten wird, kann ich nicht sagen. Dass ich aus erster Hand informiert worden bin über die Übernahme-Absicht, ist aber ein gutes Zeichen.

Wir stellen fest: Sie tönen nicht beunruhigt. Wird es also keine Notfallsitzung des Gemeinderats geben?

Nein. Wir treffen uns wie üblich am kommenden Dienstag. Es gibt auch andere wichtige Unternehmen in Allschwil. Wir brechen nicht zusammen wegen dieser Übernahme. Aber es ist wohl schon so, dass Actelion noch tagelang das Thema Nummer eins bleiben wird in Allschwil.

Wie viele Interviews zu Actelion haben Sie bereits gegeben?

Dies ist das fünfte. Und es rufen immer noch Journalisten an.

Weitere Reaktionen aus der Region zum Verkauf von Actelion

Domenico Scala, Präsident der regionalen Standortförderung Basel Area «Die Actelion-Übernahme zeigt den ausserordentlichen Wert der Life-Science-Branche für die Region und den Wert, der durch einzelne Start-ups erreicht werden kann.»
3 Bilder
Thomas Weber, Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektor «Dass die Verhandlungen so erfolgreich und rasch abgeschlossen wurden, ist eine positive Überraschung. Für die Zukunft des Standorts bin ich zuversichtlich, weil der Forschungs- und Entwicklungsbereich in einer eigenen Firma in Allschwil verbleiben wird.»
Christoph Koellreuter, Ökonom, Life-Science-Branchenkenner und ehemaliger Direktor des Vereins Metrobasel «Es ist erfreulich, dass unsere Region auf der Pharma-Weltkarte immer wichtiger wird. Basel ist immer mehr die Welthauptstadt von Life Science.»

Domenico Scala, Präsident der regionalen Standortförderung Basel Area «Die Actelion-Übernahme zeigt den ausserordentlichen Wert der Life-Science-Branche für die Region und den Wert, der durch einzelne Start-ups erreicht werden kann.»

André Albrecht