Jubiläum
Als der Anthroposoph mit Hausier-Patent in Liestal eine Rede hielt

Vor 100 Jahren sprach Rudolf Steiner in Liestal über «das menschliche Leben». Im Rudolph Steiner Archiv liegt ein Dossier dazu, dessen Inhalt hier erstmals publiziert wird.

Lorenz Degen
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Rudolf Steiner
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Die Bewilligung der Stadt Liestal.
Und zu guter Letzt: Die Rechnung für die Saalmiete im Engel Liestal.

Rudolf Steiner

Rudolf Steiner Archiv Dornach

Unzählige Male hat Rudolf Steiner (1861-1925), im Zug sitzend, den Bahnhof von Liestal durchfahren, um in Bern, Zürich oder St. Gallen Vorträge zu halten. Der Begründer der Anthroposophie hat sich jedoch wohl nur zwei Mal in Liestal selbst aufgehalten.

Zwei Anlässe sind belegt: Ein erster am 11. Januar und ein zweiter am 16. Oktober 1916. Vom zweiten Auftritt, der nunmehr genau hundert Jahre zurückliegt, existiert im Rudolf Steiner Archiv in Dornach ein Dossier, dessen Inhalt hier erstmals publiziert wird.

Das Halten von öffentlichen Vorträgen war zu dieser Zeit nur mit staatlicher, kostenpflichtiger Erlaubnis möglich. Am 12. Oktober 1916 stellte der Liestaler «Gemeindepräsident» für 2.50 Franken Rudolf Steiner die notwendige Bewilligung aus.

Vier Tage später erhielt Steiner vom Sekretär der kantonalen Polizeidirektion auch ein «Hausier-Patent», gültig für den 16. Oktober. Fünf Franken gingen dafür an den Staat, der Steiner damit der gleichen Gruppe wie «reisende Komödianten, Budenhalter, Taschenspieler, Musikanten und Karusselbesitzer» zuordnete. Rund zwei Wochen nach dem Vortrag, am 1. November 1916, stellte Engel-Wirt Th. Hartmann der Anthroposophischen Gesellschaft 100 Franken für «Saalmithe [sic!], incl Beleuchtung & Beheizung» in Rechnung.

Anthroposophie erklären

Wie viele Zuhörerinnen und Zuhörer an diesem Montagabend in den Engel strömten, ist nicht bekannt. Rudolf Steiner dürfte zu dieser Zeit jedenfalls auch im Baselbiet kein Unbekannter mehr gewesen sein. 1912 gründete der promovierte Philosoph die Anthroposophische Gesellschaft, die aus der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft entstanden war.

Seit 1913 wurde in Dornach das erste Goetheanum als ihr zukünftiger Sitz gebaut. Europa befand sich 1916 seit zwei Jahren im Ersten Weltkrieg, unweit der Schweizer Grenze lieferten sich deutsche und französische Truppen im Elsass blutige Gefechte. Und auch Rudolf Steiner hatte mit Gegnern zu kämpfen. In der Einleitung wie im Nachwort des Oktober-Vortrages erwähnt er «Zerrbilder», die über die Anthroposophie kursieren.

Steiner bemühte sich um Aufklärung: «Man kann», schrieb er im gedruckten Vorwort, «solchen Angriffen gegenüber kaum etwas anderes tun, als die Darstellung der wirklichen Wege und Ziele der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft von verschiedenen Gesichtspunkten aus stets von neuem versuchen.»

Im Vortrag mit dem Titel «Das menschliche Leben vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)» spannt Steiner einen grossen Bogen über die Entwicklungen des menschlichen Lebens, von der Geburt über den Zahnwechsel bis zum Erwachsenenalter, die mit philosophiegeschichtlichen Kommentaren ergänzt werden.

Hans-Christian Zehnter, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Herausgeber am Rudolf Steiner Archiv in Dornach, verweist auf das geistige Menschenbild der Anthroposophie, das in den beiden Liestaler Vorträgen thematisiert wird: «Diese Anthroposophie stellt sich als eine Folgerichtigkeit der Geistesströmung dar, wie sie durch Fichte, Schelling, Hegel sowie Goethe bereits anfänglich eingeschlagen worden war.» Darin sieht Zehnter die Grundlage für Steiners Wirken zwischen den Weltkriegen.

Vortrag in Liestal gedruckt

Zwischen den beiden Vorträgen publizierte Rudolf Steiner das Buch ‹»om Menschenrätsel». Zusammen mit dem Buch «Von Seelenrätseln», das 1917 erschien, gibt er damit ein Bild des Menschen, das eine zentrale Grundlage für die Dreigliederungsbewegung ab dem Jahr 1917 wurde.

Der erste Vortrag in Liestal erfuhr eine beachtliche Verbreitung. Im November 1916 erschienen um die 3000 Exemplare als Hefte, die bei Lüdin & Co. in Liestal gedruckt wurden.

Mindestens zwei Auflagen davon sind bekannt. Auch wurde der Vortrag in der «Basellandschaftlichen Zeitung» in mehreren, aufeinanderfolgenden Teilen veröffentlicht, der Anfang sogar auf der Titelseite. Heute kann man beide Liestaler Vorträge im Band 35 der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe (GA) nachlesen.

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