Schaulaufen
An der Kuh-Parade ging es ums Euter

An der 3. Baselbieter Kuh-Parade in Reinach präsentierten sich Tiere wie Halter von der schönsten Seite.

Lucas Huber
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Die Beschaffenheit des Euters spielt eine entscheidende Rolle und kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Die Beschaffenheit des Euters spielt eine entscheidende Rolle und kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Lucas Huber

Reinach assoziieren die wenigsten mit Eutern, Zitzen und dem kindlich-langgezogenen «Iiii», das auf die Darmentleerung einer Kuh folgt. Denn gewöhnlich überwiegen Mensch und Haus-, weniger aber Nutztiere in der zweitgrössten Baselbieter Gemeinde.

Doch der Neuhof am Stadtrand, letzter bäuerlicher Vollerwerbsbetrieb Reinachs, hat sich als offener Bauernhof im urbanen Umfeld einen Namen gemacht und in den Terminplanern der urbanen Familien seinen festen Platz ergattert – dank Kindergeburtstagen, Direktverkauf, Spielplatz, streichelbarer Ponys. Und dank der Baselbieter Kuh-Parade, deren dritte Auflage vergangenen Samstag auf dem Neuhof stattfand.

Leistungsschau und Familienfest

Morgens kurz nach neun, nur im Schatten ist es noch kühl, ein Frühlingstag, wie er sonnenverwöhnter nicht sein könnte. Claudia Gersbach aus Zunzgen entwirrt den Schwanz ihrer Kuh, Teilnehmernummer 65c, Pieroschoka heisst das Tier, Rasse Holstein, Synonym der leistungsstarken Milchkuh. Vorher hat sie das Tier gewaschen und gebürstet, ihr eine komplette Schönheitskur angedeihen lassen. Denn die Baselbieter Kuh-Parade ist zwar ein Happening für die Familie, mit Streichelzoo, Strohburg, Livemusik und Wurst vom Grill.

Sie ist aber auch die Leistungsschau des Viehzuchtvereins Unterbaselbiet respektive dessen Mitgliedern. Über 20 von ihnen sind am Start – mit rund 100 Tieren. Darum werfen sich hier Teenager in Schale – mit Sennenhemden, edelweissbestickten Gürteln, funkelnden Kühen in den Ohrläppchen –, und schon achtjährige Mädchen stehen kritischen Blickes in Engelbert-Strauss-Arbeitshosen am Ringrand.

Hier, im Sägemehl, lassen die Landwirte ihre Milchkühe gegeneinander antreten, erst angeleint Kreise drehend, dann Stellung aufnehmend – und nicht wie im Wallis im behornten Zwei-, sondern im friedlichen Schönheitskampf. In diesem geht es nicht um lange Wimpern, den perfekten Teint, wohltätige Absichten; es geht ums Euter, dessen Beschaffenheit, die Euteranlage, wie es im Jargon heisst, den Euterboden. Aber auch um die Rückenlinie, die möglichst gerade verlaufen soll, die Beine und den Gang, im Argot Fundament, ferner die Form des Beckens.

Wenn der Anus aktiv bleibt

Darum putzt Claudia Gersbach ihre Pieroschka fein heraus, sogar ein paar Tage Urlaub hat sie vor dem grossen Tag dafür genommen. Hat ihr Euter sauber gemacht und die Beine, den Anus, immer wieder den Anus. Denn Kühe sind wahre Exkrementemaschinen, und nicht wenige von ihnen sorgen für ordentlich Hektik bei ihren Haltern, wenn sie just dann zur Darmentleerung schreiten, wo sie doch gerade den Ring betreten, gespannte Blicke auf ihnen ruhen und Ringrichter Jean Siegenthaler mit seinen 20 Jahren Richterfahrung keine Schwachstelle entgeht. Wo doch eine schöne Kuh spüre, dass sie schön sei, ist Christian Jäggi, Präsident des Viehzuchtvereins Unterbaselbiet und als solcher Cheforganisator der Parade, überzeugt.

Doch ums gewinnen, sagt nicht nur Claudia Gersbach, gehe es gar nicht. Vielmehr ums Mitmachen, um den Austausch, das Erlebnis: «Wichtig ist, was die Kuh im Stall leistet.» Will heissen: Dass sie gesund ist, gut kalbert, ordentlich Milch gibt. Trotzdem ist der Aufwand enorm, das streitet keiner der teilnehmenden Landwirte ab. Um die Bestätigung der eigenen Arbeit geht es denn schon auch – und bisweilen auch ums Prestige. Schliesslich sind seine Tiere des Bauern ganzer Stolz und die Gelegenheiten, sie seinen Berufskollegen oder gar der Bevölkerung vorzuführen, entsprechend rar.

Am Ende gibt es übrigens nicht nur eine Siegerin. Geehrt wird nach Rasse – Holstein, Red Holstein, Braunvieh, diese wiederum unterteilt in Laktationen, also nach Anzahl Kälbern, die eine Kuh auf die Welt plumpsen liess. Titel gingen nach Eptingen, Laufen, Schönenbuch und Biel-Benken.

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