Basel
Andreas Burckhardt: «Es wäre besser, wir hätten einen Kanton»

Die Gegensätze von Stadt und Land hemmen die Wirtschaft, sagt Handelskammer-Direktor Andreas Burckhardt. Im Interview erzählt er, wie die Region Basel als Wirtschaftsstandort noch besser werden kann.

Hans-M. Jermann und Thomas Dähler
Merken
Drucken
Teilen
Ein Basler in Liestal: Handelskammer-Direktor Andreas Burckhardt. niz

Ein Basler in Liestal: Handelskammer-Direktor Andreas Burckhardt. niz

Herr Burckhardt, Sie hören als Handelskammer-Direktor in einer Zeit auf, in der es wirtschaftlich wieder aufwärts geht. Weshalb?

Andreas Burckhardt: Ich hatte stets geplant, nach 12 bis 15 Jahren eine neue Herausforderung zu suchen. Jetzt sind es 17 Jahre geworden – gleich viel wie bei meinem Vorgänger Paul Wyss. Nach einer solch langen Zeit tut frischer Wind gut.

Ihr Nachfolger ist noch nicht gewählt. Wie geht es weiter?

Burckhardt: Ich gehe davon aus, dass vor den Sommerferien die Nachfolge fest steht. Die Handelskammer steckt mitten im Evaluationsverfahren. Bis dann gibt es eine Interimslösung: Rainer Füeg, mein Stellvertreter, und Martin Dätwyler, der mich in der Wirtschaftspolitik seit langem vertritt, werden die Geschäftsleitung bilden und die Handelskammer weiterführen.

Die Handelskammer positioniert sich als eigenständige Kraft neben Basler Gewerbeverband und Baselbieter Wirtschaftskammer. Macht diese Struktur angesichts vieler gemeinsamer Aktivitäten noch Sinn?

Burckhardt: Ich bin überzeugt: Ein Gewerbeverband beider Basel wäre ein Gewinn. Ebenso überzeugt bin ich, dass Gewerbeverband und Handelskammer nicht fusioniert werden können. Dies deshalb, weil das Gewerbe eher gewerblich, lokal und binnenwirtschaftlich geprägt ist. Die Handelskammer-Firmen sind eher exportorientiert. Es braucht beide Plattformen.

Trotz besserer Konjunktur läuft für die Wirtschaft nicht alles rund.

Burckhardt: Verbesserungspotenzial besteht in allen unseren Tätigkeitsbereichen: Für die Life Sciences, die Logistikbranche, für Banken und Versicherungen, für die Messen. Die Region Basel als Standort kann immer besser werden.

Wie hoch ist das Klumpenrisiko der Life Sciences? Die Leitindustrie unserer Region schwächelt.

Burckhardt: Was heisst schwächeln?

Überschuldete Staaten sparen im Gesundheitswesen. Zudem läuft bei wichtigen Umsatzträgern der hiesigen Firmen der Patentschutz aus.

Burckhardt: Solche Wellenbewegungen gibt es immer wieder. Über das Klumpenrisiko wurde in Basel schon geredet, als diese Industrie noch chemisch-pharmazeutisch genannt wurde. Hat eine Branche eine grosse Bedeutung, dann ist damit ein gewisses Risiko verbunden. Ein Klumpenrisiko sehe ich nicht, weil wir daneben viele starke KMU haben, die ins Ausland exportieren.

Wie ist die Industrie positioniert?

Burckhardt: Wir müssen dafür sorgen, dass sich in der Region nicht nur Dienstleistungen, sondern auch die Industrie halten können. Ein guter Wirtschaftsstandort lebt von einer gesunden Mischung zwischen zweitem und drittem Sektor. Dies wurde in der Vergangenheit, etwa von SP-Baudirektorin Barbara Schneider, zu wenig berücksichtigt. In Basel wollte man keinen Lärm, keinen Gestank, keine An- und Abtransporte. Das ist der falsche Weg.

Fehlt diese Einsicht bei den Linken?

Burckhardt: Nein, nein. Nehmen wir den Basler Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin oder den Baselbieter Bildungsdirektor Urs Wüthrich – beide Sozialdemokraten. Ihre Standpunkte liegen nicht weit von meinen entfernt. Wir haben heute in beiden Kantonen Regierungsräte, welche die Wirtschaft kennen und verstehen.

Die Handelskammer engagiert sich stark bei den Schulen. Hier sind beide Basel auf dem richtigen Weg.

Burckhardt: Stimmt. Wir haben in der Region auf die Globalisierung reagiert und internationale Schulen angesiedelt. Zürich hinkt hier hinterher. In den staatlichen Schulen müssen wir darauf hinarbeiten, dass die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, stärker gefördert werden. Derzeit geschieht das Gegenteil: Die Naturwissenschaften werden in den Lehrplänen zurückgefahren. Man muss akzeptieren, dass Mathematik, Naturwissenschaften – aber auch die Sprachen – für die Wirtschaft wichtiger sind als Wohlfühlfächer.

Wie ist das Angebot an der Fachhochschule (FHNW) in Bezug auf die angesprochenen Technik-Berufe?

Burckhardt: Das Angebot an der FHNW ist gut, die Nutzung nicht. Der Bereich Technik, der in Brugg-Windisch zu Hause ist, wird von Jungen aus der Region schlecht frequentiert. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Vor hundert Jahren sagten die Riehener: Wir gehen nicht nach Basel in die Schule. Das ist kein Thema mehr. Heute muss ein junger Mann im Fachhochschulalter bereit sein, nach Brugg, Windisch oder Olten zu fahren.

Themawechsel: Sind die politischen Strukturen mit zwei Kantonen ein Hindernis für die Wirtschaft?

Burckhardt: Ja, sie lösen generell mehr Aufwand aus, zum Beispiel bei Tierversuchen, für die eine Firma von beiden Kantonen eine Genehmigung benötigt. Die Kleinräumigkeit Basels und die Gegensätze von Stadt und Land hemmen die Wirtschaft. Für sie wäre es besser, wir hätten einen Kanton Nordwestschweiz, in einem ersten Schritt einen Kanton beider Basel. Da dies heute politisch nicht durchsetzbar ist, lohnt es sich aber nicht, darauf viel Kraft zu verschwenden.

Die Theater-Abstimmung hat gezeigt: Die Politik tut sich schwer mit der Unterstützung der Kultur. Allerdings ist auch die Unterstützung durch die Unternehmen halbherzig.

Burckhardt: Das sehe ich anders. Klar, der Kleinunternehmer hat keine Zeit, sich um Kultur zu kümmern. Die Unternehmen als Ganzes haben aber grosses Interesse an der Kultur. Die Roche etwa bietet für die Mitarbeitenden vergünstigte Theatertickets an: Diese sollen dadurch mit Innovation in anderen Bereichen konfrontiert werden und sich gleichzeitig sozial integrieren. Davon profitiert das Unternehmen.

Sollten bei der Kultur also doch die potenten Unternehmen in die Bresche springen – aus Eigeninteresse?

Burckhardt: Die Unternehmen beteiligen sich stark am Staat: Indem sie Steuern bezahlen, aber auch, indem sie ihre Mitarbeitenden die Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Inwiefern die Unternehmen in die Bresche springen sollten, wenn der Staat eine Leistung nicht finanzieren kann oder will, ist eine offene Frage. Ich denke persönlich eher nicht.

Ein weiterer Aspekt der komplizierten Strukturen: Das Lobbying in Bundesbern. Ist es ungenügend?

Burckhardt: Ja, weil wir aus Basel oft Personen nach Bern delegieren, die – anders als Aargauer oder Zürcher – nicht dem Schweizer «Normalbild» entsprechen. Als Aussenseiter finden sie in Bern, auch in ihren Fraktionen, zu wenig Gehör. Zudem setzen sich unsere Parlamentarier mit Ausnahmen mehr für ihre Partei als für die Region ein.

Spielt die Geografie eine Rolle?

Burckhardt: Sicher. Die Jurahöhen trennen die Region auch mental von der Schweiz. Das hat die Vernehmlassung zur Bahninfrastruktur gezeigt, aus welcher der Wisenbergtunnel gekippt wurde. In der Schweiz denken viele entlang der Ost-West-Achse, die das Mittelland verbindet – nicht entlang der Nord-Süd-Achse, die für den europäischen Verkehr bedeutend ist. Wir haben als Einzige einen Rheinhafen. Entsprechend schwierig ist es, in Bern zu vermitteln, wie wichtig dieser für die ganze Schweiz ist.

Liegt der mangelnde Einfluss der Region Basel auch daran, dass sie wegen ihrer wirtschaftlichen Stärke die Schweiz gar nicht nötig hat?

Burckhardt: Nein, wir sind einfach eine Randregion, wie in ihren Ländern das Elsass oder Südbaden. Es gibt in der Schweiz Randregionen in spezieller Konstellation: Genf erhält durch den Status als UNO-Stadt Beachtung, das Tessin als einziger italienischsprachiger Kanton mit garantiertem Minderheitenschutz ebenso. Die Bergkantone Wallis und Graubünden haben es aus topografischen Gründen derart schwer, dass man ihnen helfen muss. Darunter leiden Kantone wie St.Gallen, Schaffhausen oder eben die beiden Basel.