Gesundheitswesen
Andreas Faller: «Es gibt auch in der Region weniger effiziente Spitäler»

Andreas Faller hatte in Basel-Stadt Regierungsambitionen und war stellvertretender Direktor im Bundesamt für Gesundheit. Im Interview spricht er über Pharmainteressen, den Totenfrieden und das Überleben der Besten im Gesundheitswesen.

Christian Mensch
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Andreas Faller hatte in Basel-Stadt Regierungsambitionen und war stellvertretender Direktor im Bundesamt für Gesundheit. Heute redet er nach eigener Aussage «frei».

Andreas Faller hatte in Basel-Stadt Regierungsambitionen und war stellvertretender Direktor im Bundesamt für Gesundheit. Heute redet er nach eigener Aussage «frei».

Herr Faller, wo wohnen Sie?

Andreas Faller: Ich wohne noch in Binningen, da ich noch kein geeignetes Haus in Basel-Stadt gefunden habe. Ist das relevant?

Schon. Es wäre ja blöd, wenn Sie in den Kanton Basel-Stadt gezügelt wären und nun in Baselland für den frei werdenden Sitz von Adrian Ballmer kandidieren wollten.

In der Baselbieter Politik werde ich mich jetzt sicher nicht erneut engagieren. Das ist kein Thema. Aber ich habe gemeint, wir wollen über das Gesundheitswesen sprechen?

Deshalb die Nachfrage: Sprechen Sie als künftiger Politiker, als künftiger Pharmalobbyist oder als Krankenkassenvertreter?

Sie reden mit dem ehemaligen Vizedirektor des BAG, der derzeit völlig frei ist. In meiner bisherigen Position war es für mich nicht denkbar, mit der Pharmaindustrie, Krankenkassen oder anderen Akteuren um eine Stelle zu verhandeln. Jetzt sind verschiedene Optionen offen.

Sie können ohne Fesseln sprechen?

Ich kann politik- und interessenfrei antworten.

Also: Was hat die Region Basel von Ihrem ehemaligen Chef, Bundesrat Alain Berset, zu erwarten?

Berset fokussiert auf Gesundheitsversorgung, nicht auf Wirtschaftsförderung. Er steht für staatliche Interventionen im Gesundheitswesen und strebt eine enge Zusammenarbeit mit den Kantonen an.

Da müsste die Region mit Carlo Conti als Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz gut bedient sein.

Carlo Conti hat einen guten Ruf auf nationaler Ebene und eine hohe Glaubwürdigkeit als kompetenter Gesundheitspolitiker. Das hilft dieser Region.

Aber nicht, wenn es um die Festsetzung der Medikamentenpreise geht.

Wir haben hier einen unlösbaren Konflikt zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Pharmaindustrie und dem Interesse der Gesundheitspolitiker. Die Industrie muss Gewinn erzielen, die Politik muss die Kostenentwicklung dämpfen. Man muss aber festhalten: In den letzten Jahren gab es bei den Medikamenten drei Preissenkungsrunden mit kumulierten jährlichen Einsparungen nahe an der Milliardengrenze. Nun muss endlich auch an anderen Orten gespart werden.

Bleiben wir bei der Pharma, die aufgrund des niedrigen Euro ihre Preise senken muss.

Ich verstehe die Industrie, die ein Problem damit hat, dass die Medikamentenpreise an Wechselkurse gebunden sind und damit teils spekulative Kursschwankungen Einfluss auf die Preisbildung haben. Für die Industrie ist Stabilität und Verlässlichkeit des Systems wichtig. Das sind die eigentlichen Standortvorteile der Schweiz, die wir bewahren müssen.

Nur: Als die Diskussion um die Medikamentenpreise hochkochte, genoss die Pharma ausserhalb der Region wenig Sympathie.

Es besteht tatsächlich der Eindruck, dass die Debatte in Bundesbern stark als Thema der Nordwestschweiz wahrgenommen wird. Dabei betreibt die Industrie in der ganzen Schweiz Produktionsstandorte mit vielen Arbeitsplätzen und zahlt jährlich Steuern im Milliardenbereich.

So argumentiert auch die Pharma-Industrie. Was würde PR-Berater Faller der Pharma raten?

Das Kommunikationsproblem der Pharmaindustrie liegt darin, dass sie international immer noch hohe Gewinne erzielt, national jedoch nicht mehr. Sie müsste noch klarer darlegen, wie sich ihre Situation auf dem Schweizer Markt darstellt.

Die Pharmaindustrie beklagt sich auch, der Forschungsstandort Schweiz sei schlecht. Teilen Sie diese Einschätzung?

Die Industrie begründet ihre Kritik mit dem Rückgang an Studiengesuchen. Doch das kann damit zu tun haben, dass tatsächlich weniger geforscht wird. Ich glaube nach wie vor, dass unser Forschungsstandort attraktiv ist. Wir müssen aber daran arbeiten, dass das so bleibt. Denn wir haben die Tendenz, die Interessen des Einzelnen sehr hoch zu werten.

Und wo liegt dabei das Problem?

Wir sind dabei, das Allgemeininteresse etwa nach medizinischem Fortschritt hinter diese Individualinteressen und den Datenschutz zu stellen.

Geht es konkreter?

Was beispielsweise darf im Bereich der äusserst wichtigen Forschung an toten Menschen gemacht werden? Da gibt es immer weitere Einschränkungen, obwohl es meistens nur um die Entnahme von Blut oder wenig Gewerbe ginge, ohne sichtbare Beeinträchtigung des Leichnams. Ich bin auch für die Einhaltung des Totenfriedens, doch wenn die Einschränkung der Forschung zulasten der Lebenden geht, dann stehen wir vor einem Interessenskonflikt.

Und in einem Wettbewerb.

Ja, weil es Länder gibt, die sehr fragwürdige Forschungsmöglichkeiten anbieten. Länder, in denen Menschenrechte weniger gelten oder in denen Leichen automatisch dem Staat gehören. Das ist ethisch fragwürdig und das wollen seriöse Pharma- oder Medtechfirmen auch nicht.

Ihr Fazit?

Die Attraktivität der Schweiz ist nicht deutlich gesunken, doch die Attraktivität anderer Länder ist teilweise gestiegen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht noch höhere Hürden schaffen aus einem falsch verstandenen Individualschutz. Der vom Bundesrat in Auftrag gegebene Masterplan Forschung muss deshalb klare Resultate liefern.

Sie haben gesagt, andere Teile des Gesundheitswesens müssten nun ihren Sparanteil leisten. Welche?

Ein grosses Rationalisierungs- und Effizienzsteigerungspotenzial haben wir beispielsweise bei den Spitälern. Es gibt eine neue Studie der Akademien der medizinischen Wissenschaften, die von einem Sparpotenzial im Milliardenbereich ausgeht.

Dafür gibt es seit einem Jahr die Fallpauschale.

Das ist ein Instrument, um das System rationeller zu machen. Es braucht aber weitere Massnahmen, und es braucht ein strenges Regime bei der Umsetzung.

Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

Schwer zu sagen, weil wir zwei bis drei Jahre in einer Konvergenzphase stecken. Das System wird sicher signifikante Verbesserungen bringen. Das wird aber nicht reichen.

Wo steht die Region?

Es gibt beides, sehr effiziente und weniger effiziente Spitäler.

Nennen Sie Namen.

Ich will keine Schelte inszenieren. Klar ist: Je grösser ein Spital, je umfangreicher der Versorgungsauftrag, desto schwieriger ist es, sich effizient aufzustellen.

Das weitaus grösste ist das Universitätsspital. Wie stark ist die regionale Spitalplanung im Hintertreffen?

Die Nordwestschweiz steht trotz den bestehenden Spannungen zwischen Basel-Stadt und Baselland im schweizweiten Vergleich gut da. Nicht regional zu planen, verstösst im Übrigen gegen das Krankenversicherungsgesetz.

Wenn ich dem Basler Gesundheitsminister Carlo Conti zuhöre, dann sind für ihn Spitäler ein Motor für Wirtschaftswachstum und Expansion – und kein Ort, um zu sparen.

Spitäler sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, wenn ein echter, nachweisbarer Bedarf vorhanden ist. Es darf aber keine staatlich protegierten Bereiche geben.

Wer soll das kontrollieren?

Es braucht eine seriöse und bundesrechtskonforme Bedarfsplanung durch die Kantone und transparente Wirtschaftlichkeitsprüfungen durch die Krankenkassen.

Dann ist der Staat Player und Regulator in einem.

Genau deshalb sollen die Kantone selber keine Spitäler mehr betreiben und deshalb müssen die staatlichen Interventionen auf ein Minimum beschränkt bleiben. Heute sind sie eher zu hoch. Es muss ein Survival of the fittest auch im Gesundheitswesen geben. Ob Spitäler oder andere Wirtschaftszweige: Wer mehr produziert, als er absetzen kann, muss in Probleme kommen.

Ihr Credo gilt dem freien Markt, doch das Gesundheitswesen ist hoch reguliert. Das passt nicht zusammen.

Das Ziel muss sein: Eine schnelle und effiziente Gesundheitsversorgung gewährleisten zu möglichst tiefen Kosten und bei guter Qualität. Das ist der Auftrag. Politische Geschenke und Pfründensicherung gehören nicht zu den Aufgaben dieses Systems – weder auf kantonaler noch auf nationaler Ebene.

Marschiert die Politik in die richtige Richtung?

Leider muss ich sagen, dass es deutlich zu wenige Politiker gibt, die wirklich eine Ahnung von dieser komplexen Materie haben. Einige wenige gibt es. Die Diskussion ist allerdings stark politisiert.

Das war schon immer so.

Derzeit wird sie extrem ideologisch geführt. Es zeigt sich, dass die Interessen der politischen Lager zu Blockaden führen und nicht zu Lösungen. Das ist nicht im Sinne unserer Bevölkerung.

Ein Beispiel?

Nehmen wir die Frage nach der Einheitskasse, die keine parteipolitische Entscheidung sein darf.

Das verstehe ich nicht.

Die Frage ist doch: Was ist das Beste für die Bevölkerung? Und dazu gibt es sachliche Argumente, wissenschaftlich fundiert, Erfahrungen aus dem Ausland. Wer dies ausblendet, um einen politischen Kurs verfolgen zu können, dient nicht der Bevölkerung.

Konkret: Sie sind gegen die Einheitskrankenkasse.

Ja, dezidiert und aus tiefer Überzeugung. Eine radikale Verstaatlichung und die Auslöschung des Wettbewerbs wären absolut kontraproduktiv und entsprechent nicht unserem Verständnis.