Lausen
Ansichtskarten-Sammler: «Kein Medium dokumentiert den Zeitgeist besser»

Im Ortsmuseum Lausen zeigen ab Freitag Ansichtskarten Kulturgeschichte hautnah. André Weibel, geboren und wohnhaft in Lausen, ist Sammler mit Leidenschaft. Weibels Sammlung umfasst rund zweieinhalb Millionen Ansichtskarten.

Lucas Huber
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André Weibel hat die grösste Ansichtskartensammlung der Schweiz. lhu

André Weibel hat die grösste Ansichtskartensammlung der Schweiz. lhu

«Sie ist nicht totzukriegen.» Der das sagt, heisst André Weibel. Er ist Sammler mit Leidenschaft, einer der Passioniertesten unter den Passionierten. Sein Objekt der Begierde: die Ansichtskarte. «Kein Medium dokumentiert den Zeitgeist der letzten 150 Jahre besser als die Ansichtskarte.» Er hält eine Karte hoch, ein alter Druck, Nachkriegszeit, krakelige Schrift auf der Rückseite: «Dieses läppische Ding», sagt er und meint das nicht abwertend. So ein kleines Ding bewahrt so viel auf. «Unbezahlbar.»

Verruchtes in Kartenformat

Diese Geschichte stellt Weibel nun in einer Ausstellung im Ortsmuseum Lausens aus. Es ist der logische Ort: Weibel ist Lausner, geboren im Ort, lebend im Ort. Hier schmiedet er Pläne, und hier, erzählt er, steht auch die älteste Papiermühle der Schweiz, die den Betrieb wieder aufnehmen könnte. «Das ist mein Traum, mein grosser Traum», sagt er dazu. Er stellt sich vor, dass hier wieder Papier geschöpft wird, dass alte Drucktechniken wieder aufleben, altes Handwerk wieder ausgeübt wird.

Aber erst will er sich auf die Ausstellung «Lausen anno dazumal» konzentrieren. Allein diese hat ihm schlaflose Nächte zur Genüge beschert – wegen des Umfangs seiner riesigen Sammlung. «Was stellt man aus, um einen Überblick zu zeigen, aber ohne die Besucher zu erschlagen?»

Er hat einen Weg gefunden: In luftigen Vitrinen präsentiert der Sammler thematisch sortierte Ansichtskarten, insbesondere aus der Region. Hinter dem einen Glas sind es die Ansichten von Lausen, etwa jene Karte, die die Festgemeinde bei der Einweihung des neuen Kirchengeläuts 1924 zeigt. Er hat sie im Tessin gefunden. Hinter dem anderen Glas prangen Karten mit Überraschungseffekt, abgebildet etwa züchtige Damen, die mit einer Handbewegung plötzlich im Badekleid kokettieren, kleine Kunstwerke, 40, 80, 120 Jahre alt.

Auch Karten aus den Weltkriegen sind in der Ausstellung zu betrachten, Feldpost, allesamt abgesandt aus der Region an die Lieben daheim. Sie zeigen die Gedanken und Wünsche der Soldaten, ihr Seelenleben in Schnörkelschrift. «Das macht jede Karte, wurde sie auch noch so oft gedruckt, zu einem Unikat», sagt Weibel, «nicht zuletzt darum sind sie viel mehr als ein Stück Kulturgeschichte. Und wenn es etwas Positives an den Kriegen gibt, dann diese Dokumente.»

André Weibel ist jener Ansichtskartensammler mit der unbestritten grössten Sammlung der Schweiz. Zwischen zwei und drei Millionen Karten umfasst seine Sammlung, manche im Wert eines Kleinwagens. Er ist auch Präsident der Schweizerischen Ansichtskartensammlervereinigung und als solcher Organisator der grössten Kartenbörse der Schweiz, die jeweils im März in Lausen über die Bühne geht und Sammler aus ganz Europa anlockt.

Ortsmuseum Lausen, Vernissage am Freitagabend, 19 Uhr, mit Live-Vorführung einer Handdruckpresse von 1910. Geöffnet: 12. Januar und jeden ersten Sonntag im Monat, jeweils von 10.30 bis 12 und 13.30 bis 16.30 Uhr.