Rheinschifffahrt
Arbeiten heisst Leben an Bord

Von Strassburg bis Düsseldorf In Strassburg hat die «Grindelwald» die letzten Container - vor allem alkoholfreies Bier für Saudi-Arabien - geladen und ist jetzt auf dem Weg direkt nach Rotterdam.

Daniel Haller
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Sauberkeit gehört zum Schiff wie das tägliche Brot.

Sauberkeit gehört zum Schiff wie das tägliche Brot.

Daniel Haller

An Bord ist man per Du. Wer das Steuerhaus oder die Wohnung betritt, zieht die Schuhe aus. Jeder stellt nach dem Essen seinen Teller und sein Besteck selbst in den Geschirrspüler. «An diese Wohngemeinschaftsregel musste sich auch Moritz Leuenberger halten, als wir ihn an Bord hatten», lacht Charly, der die Tagschicht schmeisst. Er kocht jeweils mittags. Für die anderen Mahlzeiten steht jedem der Kühlschrank offen. Alle Mannschaftsmitglieder bezahlen 7 Euro pro Tag als «Ménage» in die Kasse. Davon wird jeweils in Weil - in Basel hat die Mannschaft am meisten Zeit - für vierzehn Tage eingekauft.

Harte Acht-Stunden-Schichten

Man lebt eng aufeinander und hält zu fünft das Schiff 24 Stunden am Tag rund um die Woche in Betrieb. Auf der «Grindelwald» fährt jeweils ein Schiffsführer mit einem Matrosen eine Achtstunden-Schicht. So verschieben sich die Schichten automatisch: Wer heute von 3 bis 11 Uhr und von 19 bis 3 Uhr fährt, ist morgen von 11 bis 19 Uhr dran. Die Freischicht schläft in der Regel. Der fünfte Mann organisiert als Tagschicht die Arbeiten an Deck, den Haushalt, den Schiffsunterhalt. Wer Schicht hat, unterstützt ihn dabei, denn seit wir in Iffezheim die letzte Schleuse hinter uns gelassen und freie Fahrt bis Rotterdam haben, fährt der Schiffsführer den Verband praktisch alleine. Doch das System ist flexibel. So kriecht auch der Erste Schiffsführer mit dem Ablöser für das Resetting der Fernsehantenne in den Schalterschrank , damit im Wohnzimmer das Fussball-Länderspiel weiter läuft.

Für jeden Mann an Bord gibt es einen an Land. Jeder wechselt sich mit diesem Gegenspieler ab: In der Regel ist man vier Wochen an Bord und hat danach vier Wochen frei. Doch jedem Paar steht es offen, sich auch auf einen anderen Rhythmus zu einigen; etwa wenn einer länger wegbleiben will. «Wir wechseln auch nie die ganze Mannschaft im Block aus», erklärt Schiffsführer Ton Smits. «Somit ist die Kontinuität gesichert.»

Flaggenstreik der Besatzung

Die Wohnung, mit Gummipuffern gegen die Vibration der Maschine abgefedert, ist der Mannschaft heilig. So hat sie die Räume vor einem Jahr selbst renoviert, als die Reederei keine neuen Tapeten bezahlen wollte. Doch der eigentliche Treffpunkt ist das Steuerhaus: Mittschiffs der Steuerstand, Steuerbord der Computer, Backbord eine Sitzecke, nach achtern eine Spüle mit Wasserkocher für Kaffee, den zweiten Treibstoff an Bord. Nun, da wir Container in der vierten Lage geladen haben, ist das Steuerhaus bis auf 10 Meter über Wasserspiegel ausgefahren und bietet Ausblick über Land und Einblick in entgegenkommende Schiffe.

Aber wegen des Teppichs liegt sich die Mannschaft mit der Reederei in den Haaren und hat Kampfmassnahmen eingeleitet: «So lange wir keinen neuen Teppich fürs Steuerhaus bekommen, kommt mir keine neue Reedereiflagge aufs Schiff. Schliesslich ist der Steuerhaus-Teppich die Visitenkarte», sagt Smits. Doch auch Danser Switzerland leidet unter dem Wechselkurs: «Unsere Einnahmen sind zu 100 Prozent in Euro, die Kosten aber begleichen wir zu 80 Prozent in Franken», erklärte Geschäftsführer Heinz Amacker vor der Abfahrt in Basel. So wird dieser Flaggenstreik wohl an den Devisenbörsen entschieden.