Baselbiet
Asphalt entzweit die Wandervögel

Der Kanton Baselland schaut den Gemeinden auf die Finger: Ungefragt dürfen keine Wege mehr geteert werden.

Boris Burkhardt
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Der Wanderfachstelle des Kantons behagt die frisch asphaltierte Kirchgasse in Ormalingen nicht: Wanderwege sollten naturbelassen sein.

Der Wanderfachstelle des Kantons behagt die frisch asphaltierte Kirchgasse in Ormalingen nicht: Wanderwege sollten naturbelassen sein.

Juri Junkov

Die Argumente des Kantons gegen die Asphaltierung des Wirtschaftswegs bei der Skihütte Staffelalp seien fast schon lächerlich, sagt Zeglingens Gemeindepräsident Fredi Rickenbacher: Es handle sich um einen historischen Weg; und auf dem alten Mergelweg könnten sich die Heuschrecken besser bewegen. Aber weil die Gemeinde bereits seit zwei Jahren mit dem Kanton verhandelt habe, habe sie schliesslich nachgegeben und die dringend sanierungsbedürftige Strasse wieder als Mergelweg hergerichtet.

Wirklich Verständnis für die Opposition des Kantons hat Rickenbacher nicht: «Es ging nur um 500 Meter. Wir haben auf dem Gemeindebann noch kilometerweise naturbelassene Mergelwege.» Doch dem Kanton ging es nicht nur um Historie und Heuschrecken. Tatsächlich hätte die Gemeinde geltendes Bundesrecht gebrochen, wenn sie den Weg ohne Genehmigung geteert hätte. Die Strecke ist nämlich Teil des Wanderwegenetzes beider Basel und steht als solche unter besonderem Schutz des Bundes. Laut einer Studie der Schweizer Wanderwege ist mittlerweile ein Viertel der 65'000 Kilometer Wanderwege in der Schweiz asphaltiert. Auch im Baselbiet trifft das auf 38 Prozent der rund 1000 Kilometer zu.

Asphalt mindert Erholungswert

Dabei legt das «Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege» von 1987 einen Anteil von höchstens 10 Prozent des sogenannten Hartbelags an der Gesamtstrecke von Wanderwegen ausserhalb von Siedlungen fest. Das gilt für die Schweiz gesamthaft wie auch für jeden einzelnen Kanton. Die Asphaltierung, die laut dem Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) seit dem Jahr 2000 rasant zugenommen hat, ist nicht nur Umweltschützern ein Dorn im Auge, sondern auch dem Fremdenverkehr: Schliesslich gilt die Schweiz als Wanderland; und asphaltierte Strassen minderten «das subjektive Wandererlebnis und den Erholungswert stark», meint der VCS. Deshalb bestimmt das Gesetz, dass ein Wanderweg nur asphaltiert werden darf, wenn die Gemeinde einen gleichwertigen Ersatz für die Wanderer anbieten kann.

Im Kanton Baselland achtet Doris Capaul auf die Einhaltung dieser gesetzlichen Ersatzpflicht. Derzeit ist sie an einer Inventur des Wegenetzes, die bis spätestens 2017 abgeschlossen sein soll. Das Baselbieter Wanderwegenetz habe sich ab den Sechzigern ohne übergreifende Planung entwickelt und weise eine hohe Dichte aus. Durch die stetig wachsenden Ortschaften, erklärt Capaul den hohen Anteil an Hartbelägen, lägen nun viel mehr Wanderwege in Siedlungszonen. Die Wanderwege müssten deshalb wieder an Qualität zurückgewinnen, um weiterhin attraktiv zu bleiben.

Eine der prominentesten Streitfälle zwischen Kanton und Gemeinde, die Auffahrt von Reigoldswil zur Wasserfallen, wurde sogar in das schweizerische Handbuch zur Ersatzpflicht aufgenommen. Hier sei der Kanton 2009 vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Die knapp 700 Meter lange Strecke vor dem Tunnel asphaltierte die Gemeinde vor sechs Jahren, weil laut Gemeinderätin Sabine Schaffner der Unterhalt des Weges aufgrund der Erosion «exorbitante» Kosten verursachte und dadurch auch die Sicherheit nicht mehr gewährleistet war.

Laut Capaul waren die 700 Meter aber nur die letzte Etappe einer nun auf 2,5 Kilometer durchgängig geteerten Bergstrasse. Das sei eindeutig zu viel Asphalt für Wanderer gewesen. Den 50 Zentimeter breiten Mergelweg direkt an der Strasse entlang wollte der Kanton nicht als gleichwertigen Ersatz akzeptieren. Gemeinderätin Schaffner verteidigt den Entscheid der Gemeinde: Schliesslich sei dies die einzige Zufahrt zur Bergstation; Wanderrouten gebe es aber noch genug andere. Dem Kanton blieb nichts anderes übrig, als sich den Fakten zu beugen und mangels Alternativen auf dieser Route den Wanderweg von Reigoldswil zur Wasserfallen aus dem Netz zu nehmen.

Gesetz wirkt wie ein Papiertiger

Als reinen Papiertiger will Capaul die gesetzliche Ersatzpflicht deshalb nicht bezeichnen; aber sie gibt dennoch zu: «Laut Gesetz hätten wir die Gemeinde zwingen müssen, den Weg wieder zurückzubauen.» Allerdings sucht Capaul offenbar auch in ihrem aktuellen Fall in Ormalingen nach einem Kompromiss. Seit Anfang Jahr ist dort ein Bauverfahren hängig, weshalb Capaul keine Details zum Fall nennen will. Gemeindeverwalter Felix Beyeler verrät immerhin, dass die Gemeinde in Unkenntnis der Gesetze einen Teil der Kirchgasse hinter dem Friedhof ohne Genehmigung asphaltiert habe. Als Gründe nennt er wie in Reigoldswil Unterhaltskosten und Sicherheit. Auch in Ormalingen lehnt der Kanton die Alternativroute, die statt durch das Dorf am Dorfrand entlang führt, ab. Mehr will aber auch Beyeler nicht verraten. Es bleibt aber anzunehmen, dass auch Ormalingen seine Strasse nicht zurückbauen muss.