Reinacher Asylwohnheim
Asylwohnheim-Bewohner packen aus: «Mehr Puff als Heim»

Aktuelle und frühere Bewohner des Reinacher Asylwohnheims bestätigen die Missstände, die dort herschen. Sie hoffen auf Besserung.

Benjamin Wieland
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Rund 130 Asylsuchende sind im Asylwohnheim im Reinacher Gewerbegebiet Kägen untergebracht. Seit über einem Jahr kommt das Heim nicht mehr aus den Schlagzeilen heraus.

Rund 130 Asylsuchende sind im Asylwohnheim im Reinacher Gewerbegebiet Kägen untergebracht. Seit über einem Jahr kommt das Heim nicht mehr aus den Schlagzeilen heraus.

Symbolbild/Keystone

Die drei Flüchtlinge sitzen am Tisch, spielen verlegen mit ihren Trinkgläsern. Sie hätten Angst, sagt der Übersetzer. Eigentlich war noch eine vierte Person angekündigt für das Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende», doch der Mann machte einen Rückzieher. Er befürchtete laut Dolmetscher, man könnte eben doch herausfinden, wer Auskunft gebe über die Zustände im Reinacher Asylwohnheim, trotz zugesicherter Anonymität.

Dann hätte sein Asylantrag keine Chance mehr, ist der Betreffende überzeugt. Auch die drei Zeugen, die gekommen sind, bitten darum, jegliche Angaben zu vermeiden, mit denen sie identifiziert werden könnten.

Was das Trio über das Wohnheim erzählt, lässt aufhorchen. Laut einer ehemaligen Bewohnerin ist dieses «mehr Puff als Heim», und «sicher kein Ort zum Leben». Es fällt auch die Bezeichnung «psychiatrische Anstalt».

Mit Blicken ausgezogen

Die Einrichtung kommt nicht mehr aus den Schlagzeilen heraus, seit die «Basler Zeitung» Ende 2016 von einem sexuellen Verhältnis zwischen einer Betreuerin und einem «UMA» (unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender) berichtet hat. Der Verdacht hat sich mittlerweile bestätigt.

Die Baselbieter Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren trotzdem ein. Die Beziehung zwischen der Frau und dem 17-Jährigen habe auf Freiwilligkeit beruht. Die Affäre war aber nicht der einzige Vorwurf an die Adresse des Heims. Die «BaZ» berichtete auch von Nachtwachen, die Drogen konsumieren, sich mit Bewohnerinnen vergnügen, oder sich an Bewohner heranmachen.

Keine dieser Vorwürfe ist bisher von den Strafvollzugsbehörden bestätigt worden. Das Trio weiss jedoch Brisantes zu erzählen, vor allem über Nachtwache D.: Er hatte offenbar eine Schwäche fürs männliche Geschlecht. Einer der Zeugen, nennen wir ihn J., erinnert sich an seine erste Begegnung mit D.: «Er nahm meine Hand und rieb mit dem Zeigefinger an meiner Handinnenseite.» Geschockt habe er seine Hand zurückgezogen, sagt J.

Dabei hätten ihn zuvor schon Mitbewohner gewarnt gehabt: Achtung, der macht Männer und Jungen an. «Jeder im Heim wusste das», sagt J., und sein Kollege M. nickt. Dieser sagt, Nachtwächter D. habe die Jüngeren mit seinen Blicken regelrecht ausgezogen. «Das Glotzen war für alle unangenehm. Kam er in einen Raum, ging man raus.»

Es blieb aber nicht bei den Blicken. D. habe Bewohnern Geschenke gemacht und Zettel mit seiner Mobiltelefonnummer verteilt, häufig mit der Aufforderung, man möge ihn doch zu Hause besuchen. Gemäss den beiden Zeugen hat D. auch Bewohner betatscht.

Eine anderer Nachtwächter – R. – hatte es offenbar auf Frauen abgesehen. Wenn R. gearbeitet habe, erzählt Bewohner J., habe man bis Dienstschluss um 2 Uhr kaum schlafen können. «Er hatte ein Verhältnis mit einer Bewohnerin. Die zwei haben gelacht, getanzt, gekocht und Alkohol getrunken. Oft verbrachten sie Stunden alleine in einem Raum.»

Zeugin Z. sagt, R. habe sich wie ein König aufgeführt. Sie selber hätte sich mit dem Treiben abfinden können. «Aber in diesem Trakt wohnten auch Familien mit Kindern. Warum müssen die leiden, wenn sich andere nicht im Griff haben? Das geht nicht!»

Als die drei Asylsuchenden von Vorfällen mit Drogen erzählen sollen, schauen sie betreten auf die Tischplatte. Sie würden jetzt lieber schweigen, man könnte sonst meinen, sie wollten alles schlecht machen in der Schweiz. Das bereits Berichtete genüge doch. Da schaltet sich der Übersetzer ein.

Er sagt, für die Zeugen stehe im Vordergrund, dass das Verhalten von Nachtwache D. publik werde. Vor allem für Heimbewohner aus muslimischen Ländern sei das Vorgefallene ein Schock, ein Tabu: «Schon alleine darüber zu sprechen, fällt ihnen schwer.»

Hat Leitung adäquat reagiert?

Die Gemeinde hat sich stets auf den Standpunkt gestellt, man habe Meldungen über Missstände immer ernst genommen, sei Hinweisen nachgegangen. Die Nachtwachen gehörten zu einem Integrationsprogramm (IP) der Gemeinde. Arbeitslose werden jeweils für ein Jahr als Nachtwachen im Asylwohnheim eingesetzt. Der Reinacher Gemeindepräsident Urs Hintermann sagte im Interview mit der bz vergangene Woche, man habe auch bei der Angelegenheit mit den Nachtwachen «wo notwendig Massnahmen getroffen». Die Fälle lägen bei der Staatsanwaltschaft.

Die Aussagen der drei Flüchtlinge, die im Heim gewohnt haben oder noch immer dort wohnen, lassen nun daran zweifeln, ob die Verantwortlichen tatsächlich in jedem Fall angemessen reagiert haben. Zeuge J. sagt, man habe der Leitung sehr oft erzählt, was schief laufe. «Aber es ist nichts passiert. Irgendwann gibts Du auf.»

Was bisher geschah: 13 Monate Streit

- 4. Juni 2016: Farideh Eghbali, Betreuerin im Asylwohnheim Reinach, beobachtet, wie eine heute 29-jährige Kollegin einen 17-jährigen Bewohner anmacht. Eghbali berichtet von vulgären Ausdrücken und Gesten.

- 7. Juni: Nachdem Eghbali um ein Treffen mit der anderen Betreuerin und dem Heimleiter Christian Magni gebeten hatte, findet eine Aussprache statt. Die Beschuldigte bezeichnet die Anmache als Scherz, später verlässt sie die Runde unter Tränen.

- 9. Juni: Eghbali erhält eine schriftliche Ermahnung. Im Schreiben, das der Schweiz am Wochenende vorliegt, heisst es unter anderem: «Sie (...) mischten sich ungefragt in Themen ein, hielten sich nicht an Vereinbarungen und überschritten somit Ihre Kompetenzen.»

- 13. Juni: Eghbali wendet sich in einem E-Mail an Gemeindeverwalter Thomas Sauter und Gemeindepräsident Urs Hintermann. Sie schreibt: «Mein Problem ist, dass ich nicht weiss, wie ich mich (...) kompetenzgerecht, aber auch gesetzlich und moralisch korrekt verhalten soll.»

- 16. Juni: Es kommt zu einer Krisensitzung mit Eghbali sowie Vertretern von Heim und Gemeinde. Gemäss Protokoll lautet das Thema «Kompetenzüberschreitungen». Eghbalis Beobachtungen kommen auch zur Sprache. Es heisst jedoch, die Gerüchte hätten sich «in keiner Weise bestätigt». Sauter berichtet, die beschuldigte Betreuerin sei krankgeschrieben und habe gekündigt.

- Juli: Der 17-jährige Flüchtling wird in ein Jugendheim versetzt. Dieses meldet der Gemeinde, dass die Betreuerin und der Minderjährige miteinander gechattet hätten. Die Gemeinde spricht ein Kontaktverbot aus. Die Mitarbeiterin setzt sich darüber hinweg und wird freigestellt.

- September: Die Baselbieter Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen gegen die Betreuerin auf.

- 14. Dezember: Die Gemeinde macht die Angelegenheit publik.

- 3. Mai 2017: Die Gemeinde informiert, dass Eghbali freigestellt worden sei. Man plane deren Kündigung wegen jahrelangen Arbeitskonflikten.

- 13. Mai: Die «Basler Zeitung» schreibt über weitere angebliche Missstände. Sie betreffen das Verhalten von Nachtwächtern.

- 26. Juni: Die Gemeinde macht publik, dass das Strafverfahren gegen die Betreuerin eingestellt worden ist.

Kollege schlug Alarm

Andres Pellegrini war ebenfalls Nachtwächter im Asylwohnheim. Schon bei seinen ersten Einsätzen Mitte Februar sei ihm das Verhalten des Kollegen D. aufgefallen, sagt er zur «Schweiz am Wochenende». Mehrfach teilte Pellegrini der Heimleitung und der Leiterin des IP-Programms seine Beobachtungen mit, entsprechende E-Mails liegen dieser Zeitung vor.

Pellegrini fordert die Verantwortlichen im März dazu auf, D. nicht mehr einzusetzen. Die Reaktion folgte prompt: Pellegrini wurde auf die Gemeinde beordert, dort wurde ihm mitgeteilt, er sei per sofort freigestellt – Nachtwächter D durfte bleiben.

Ein ähnliches Muster ergibt sich beim Fall der Beziehung zwischen Betreuerin und minderjährigem Bewohner. Gemeldet hatte die Vorfälle die mittlerweile freigestellte Asylheim-Mitarbeiterin Farideh Eghbali Anfang Juni 2016. Eghbali will sich nicht zu den Vorfällen äussern. Auf Anfrage sagt sie, sie sei immer noch Angestellte der Gemeinde und unterliege der Schweigepflicht.

Dieser Zeitung liegt jedoch eine E-Mail vor, in der sich Eghbali an Gemeindeverwalter Thomas Sauter und Urs Hintermann wandte. Eghbali schreibt: «In der Anwesenheit von mir und zwei weiteren Asylsuchenden verwendet sie (die Betreuerin, Anm. d. Red.) sehr vulgäre und sexuell anmachende Ausdrücke in deren Muttersprache und schreibt ‹ich liebe dich› (...) auf den Arm eines minderjährigen Klienten. Alle Anwesenden fühlten sich von ihrem Verhalten gestört.»

Im September wurde auch die Staatsanwaltschaft auf die Beziehung aufmerksam. Es war aber nicht die Gemeinde, welche die Ermittlungen angestossen hatte, das bestätigt die Staatsanwaltschaft auf Anfrage. Dabei wiesen die kolportierten Handlungen auf ein Offizialdelikt hin. Spätestens, als sich die Anzeichen für eine intime Beziehung verdichteten, wäre das Einschalten der Strafvollzugsbehörden wohl naheliegend gewesen.

Sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen, die zueinander in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen, sind strafbar, falls die Abhängigkeit ausgenutzt wird. Dass dies nicht der Fall war, war lange alles andere als klar.

Im erwähnten E-Mail schrieb Eghbali, das ganze Heim rede von der Affäre. Zeuge J. sagt, der Jugendliche sei nachts häufig nicht in seinem Bett gewesen. «Jeder ahnte, was da läuft. Aber wir wurden ja nie gefragt.»