Kaserne Basel
Auch die Wand spielt eine aktive Rolle

«Chouf Ouchouf» ist eine faszinierende Mischung von Akrobatik, Theater, Tanz – und Bühnenbild.

Verena Stössinger
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Bis auf den letzten Platz besetzt war die Reithalle am Mittwochabend und die Stimmung schon zu Beginn der Vorstellung hoch und heiter. Martin Zimmermann und Dimitri de Perrot sind kein Geheimtipp mehr wie zu Zeiten, als sie noch mit Gregor Metzger zusammen ihre ersten Programme (auch in Basel) zeigten, «Janei» etwa, das akrobatisch-musikalische Verwirrspiel mit dem «rabenhaften Magier», dem «Holzgeneral» und dem Pagen.

Jetzt haben sie den verdienten Erfolg; spielen in ganz Europa, gastieren in New York, können es sich leisten, auf Journalistenfragen bloss lauthals zu lachen, statt vernünftig zu antworten, und haben, hört man, neu auch ein Büro in Paris.

Eigensinnig und präzis

Geblieben ist ihr ausserordentlich eigensinniger Stil. In ihren Aufführungen finden Tanz und Theaterspiel, Musik, Bühnenbild und Requisitenfantasie zu schräger Schönheit zusammen. Geblieben sind auch die hohe professionelle Präzision der Umsetzung und der kluge Humor, der ihr zugrunde liegt, diese freundliche Ironie (die Selbstironie mit einschliesst). Und die Liebe zur Wand und ihren Mitspielmöglichkeiten; ganz konkret. Ihre baukastenartigen Bühnenaufbauten sind nämlich sehr beweglich und enthalten gerne überraschend belebte Objekte (was gelegentlich an Mummenschanz-Effekte denken lässt).

Neu im neuen Stück sind die Protagonisten, die dem Spiel seinen Anstoss geben, Begründung, Dramaturgie und Dynamik. Zwölf sehr präsente, spielfreudige marokkanische Akrobaten sind es – zehn Männer und zwei Frauen –, und sie turnen sich erst mal warm auf der Bühne, schlagen Räder und bauen sich zu immer neuen stolzen Pyramiden auf, als seien wir auf dem Jahrmarkt, bis sich der Raum einzumischen beginnt. Die Wand schiebt sich langsam vor, sie teilt und öffnet sich, vier Türme sind es mit Türenklappen und Dachplatten.

Ein Hahn kräht, ein Baby schreit, ein Mann ruft, Körbe beginnen zu wandern, enthüllen Möbel, schlucken Menschen, Gruppen bilden sich und szenische Beziehungen, Ballungen, kleine Konflikte werden erkennbar, und die Türme wandern inzwischen auch und sind Blende, Versteck und Aussichtsplattform, Schutz und Abgrenzung zugleich.

«Wie kann unter solchen Voraussetzungen eine echte Begegnung überhaupt zustande kommen?», fragt das Programmblatt grüblerisch, wir fragen uns das nicht: Wir sehen – und «Chouf Ouchouf», der arabische Titel des Abends, bedeutet ja auch «Schau, aber schau genau» – die Posen und Konstellationen, das laute Gezänk auf dem Markt, die frustrierende Ansteherei auf dem Amt, das Imponieren, Ausschluss und Solidarität, und die humorvoll ausgestellten Szenen folgen sich wie Zirkusnummern.

Menschengeschichten, immer wieder sich wandelnde, bloss die beiden weiblichen Figuren werden ihre Sonderstellung nicht los. In den akrobatischen Nummern sind sie zwar gleichberechtigt, stark und souverän wie die Männer, dazwischen aber tragen sie still ihre Taschen über den Markt, schlagen sich die langen Haare wie einen Schleier vor das Gesicht und stehen und warten, bis irgendwo her nach ihnen gegriffen wird.