Ein-Blick
Auf dem Hypnose-Sessel: Eine Tour ins Unterbewusstsein

In der Rubrik «Ein-Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Die Redaktoren beleuchten lustige Vereine, angefressene Sammler oder abgedrehte Nerds. Natürlich kann sich melden, wer sich angesprochen fühlt.

Lucas Huber
Merken
Drucken
Teilen
Claudia Brändli redet ruhig auf ihre Klientin ein, bis die Hypnose wirkt.

Claudia Brändli redet ruhig auf ihre Klientin ein, bis die Hypnose wirkt.

lhu

Lehnen Sie sich zurück und lesen Sie sich den folgenden Abschnitt leise vor. Nehmen Sie sich Zeit. Und seien Sie nicht empört: Der Dialog mit dem Unterbewusstsein findet stets in Du-Form statt.

«Atme zwei, dreimal tief ein. Beim nächsten Atemzug schliesst Du Deine Augen. Entspanne die Augen, so gut es Dir möglich ist. Du merkst nun, wie Deinen Augen jede Anspannung entweicht, bis Du sie nicht mehr öffnen kannst. Wenn Du Dir sicher bist, dass Du soweit bist: Versuche, sie zu öffnen.»

Die meisten Menschen strengen sich nun an, bemühen sich. Und scheitern dann doch. Sie sind hypnotisiert. «Das bedeutet nicht, dass sie nun willenlos ausgelieferte Wesen sind; wer hypnotisiert ist, ist nach wie vor Herr und Meister seiner Gedanken und Gefühle», erklärt die 37-jährige Hypnosetherapeutin Claudia Brändli in ihrer Praxis im Stedtli in Liestal.

Shows suchen leichte Opfer

Darum sind besonders ausgeprägte Kopfmenschen schwierig zu hypnotisieren. Sie scheuen den Kontrollverlust, doch gerade die Bereitschaft, loszulassen, sei, sagt Brändli, entscheidend. Sowie: hochgradiges Vertrauen und die Eigenverantwortung des Klienten. Sie selbst sei nämlich lediglich der Tourguide, der in die Tiefen des Unterbewusstseins führe und die Erkundung des eigenen Ichs anleite, um die Selbstheilungskräfte, die zweifellos vorhanden seien, zu aktivieren.

Natürlich sei es möglich, Menschen zu manipulieren, sagt Brändli. Sogar, sie quasi fernzusteuern; Menschen wie Hühner gackern oder mit einem Schnippen in sich zusammensacken zu lassen. «Doch immer nur so weit man es zulässt,» so die Therapeutin. Will heissen: Wer sich bei Showhypnosen zum Affen machen lässt, geht genau mit dieser Erwartung auf die Bühne – und ist entsprechend empfänglich dafür. Diese Empfänglichkeit nutzen auch Hypnosetherapeuten, allerdings nicht zu Unterhaltungszwecken, sondern, um den Menschen zu helfen. Bei Burnouts oder Depressionen. Gegen Panikattacken, Flugangst oder Schmerzen.

Ebensolche Schmerzen waren es, die Claudia Brändli zur Hypnose brachten: Endometriose, ein extrem schmerzhaftes Menstruationsleiden, dem keine schulmedizinische Methode Herr wurde. Nach zwei Hypnosesitzungen aber hatte sie ihre Schmerzen im Griff und war derart überzeugt von der Kraft des Unterbewussten, dass sie sich für eine Ausbildung zur Hypnosetherapeutin entschied. Auch ihren Ehemann habe sie geheilt, erzählt sie – von dessen Heuschnupfen. Einfach weg.

Lösung liegt in der Kindheit

Müsste sie ein weiteres Beispiel zum Besten geben, würde Brändli von jenem Vielreisenden erzählen, der vom einen auf den anderen Tag unter Flugangst litt. In der Hypnose lotste sie ihn bis in die Kindheit zurück, wo er dem Auslöser auf die Spur kam: Eine längt vergessene, aber dramatische Erfahrung auf einer Achterbahn. Ausgelöst hatte die Flugangst eine Kombination zweier im Unterbewusstsein verschollener Erinnerungen: Das Klicken des Sicherheitsgurts und der Duft ebenjenen Parfüms, das er als Knirps auf der Achterbahn in der Nase hatte.

Das Unterbewusstsein ist ein hervorragender Speicher. Die Hypnose ermöglicht einen Zugang zu diesem Speicher, der zumeist in die Kindheit führt. Dorther rührten nämlich über 80 Prozent der Ängste ihrer erwachsenen Klienten, sagt Brändli. Hypnose erfährt auch eine wachsende Bedeutung in der Medizin, in Belgien und Frankreich werden Operationen unter Hypnose durchgeführt, auch in der Krebstherapie ist das Verfahren verbreitet. Lucas Huber