Laufen
Auf der Alp Flix fördert Ricola die Erforschung der Artenvielfalt

«Hackfleisch, ein Stück Apfel, Hamsterfutter und Heu, damit die Maus nicht friert», stopft Jürg Paul Müller jeweils in seine Kastenfallen. Die Mäuse sollen es gemütlich haben, während sie im Metallkästchen auf den analysierenden Blick warten.

Daniel Haller
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Projektassistentin Victoria Spinas und Müller zeigen Ricola-Verwaltungsratspräsident Felix Richterich (re.) die Vielfalt der Alp Flix.

Projektassistentin Victoria Spinas und Müller zeigen Ricola-Verwaltungsratspräsident Felix Richterich (re.) die Vielfalt der Alp Flix.

Männchen oder Weibchen? Und vor allem: Welche der neun Arten Mäuse und Spitzmäuse, welche die Forscher bisher auf der mittelbündnerischen Alp Flix zwischen 2000 und 2500 Meter über Meer gefunden haben? Bleiben Fragen offen, knipst Müller dem Kleinsäuger Gewebe fürs DNA-Labor aus dem Ohr, bevor er ihn freilässt. «Dafür habe ich die Erlaubnis der bündnerischen Tierversuchskommission», erklärt er und setzt mit Schalk hinzu, «deren Präsident ich bin».

Lustvoll gibt der Zoologe und pensionierte Direktor des Bündner Naturmuseums den Entertainer, wenn er das Projekt «Schatzinsel Alp Flix» vorstellt. Etwa in der Stube des Forscherhauses mit der tief liegenden Decke, in die er das Pressegespräch verlegt, um zartbesaiteten Journalisten die draussen durchgeführte blutige Amputation eines verletzten Rinderschwanzes zu ersparen.

«Wenn wir hier vor dem zweitletzten Wein das Pyjama anziehen, können wir uns nach dem letzten Glas direkt ins Bett rollen», frotzelt er und erläutert im nächsten Atemzug, dass die Schatzinsel auf der Alp Flixhoch hoch über dem 100-Seelen-Dorf Sur Wissenschaftsgeschichte schreibe: «Im 19. Jahrhundert begann man, die Arten zu untersuchen und zu beschreiben. Dies wurde im 20.Jahrhundert unterbrochen, als sich die Biologie ins Labor zurückzog und den biochemischen Prozessen zuwandte.»

Auf Flix hingegen stellen Wissenschaftler seit zehn Jahren Fallen, rennen mit Netzen den Insekten nach oder kriechen durchs Gras. «Wir setzen die unterbrochene Arbeit fort, die Arten zu beschreiben.» Schon vier neue Arten wurden auf der Alp Flix entdeckt, darunter die Mücke «Rhexosa flixella», die sich in Kuhfladen fortpflanzt.

Den Blick aufs Ganze schärfen

Diese Faszination der Vielfalt bezeichnet Müller als «intellektuelle Gemeinsamkeit mit Ricola». Dass die Forscher aus ganz Europa nach der schweisstreibenden Arbeit im Gelände frisch geduscht ins Bett rollen können, verdanken sie nicht zuletzt den Kräuterbonbons aus Laufen: Nach einem GEO-Tag der Artenvielfalt im Juni 2000, an dem die Forscher auf der Alp Flix 2092 verschiedene Arten Spinnen, Krebse, Mäuse, Algen, Moose, Kräuter, Bäume, Pilze, Flechten und Fliegen fanden, gründete die Gemeinde Sur, das Bündner Naturmuseum, die Zeitschrift GEO und Ricola die Stiftung «Schatzinsel Alp Flix». Ricola finanzierte unter anderem den Ausbau des von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Hauses.

«Wir leben in einer von Technik geprägten Umwelt», sinniert Ricola-Verwaltungsratspräsident Felix Richterich in der Forscherstube. «Nur wenn wir die Natur gut kennen, können wir sie schützen.» So war man bei Ricola begeistert von der Idee, den Biodiversitäts-Schatz dieser Moorlandschaft von nationaler Bedeutung zu heben. Dies passe zum Geschäftsmodell, jährlich 1000Tonnen Biokräuter, vorwiegend aus den Alpen, als Bonbons und Kräutertee in alle Welt zu exportieren. «Auf der Alp Flix können Studenten erleben, dass Natur mehr ist, als die Summe ihrer chemischen Bestandteile», erklärt Richterich. Dies hat auch der auf Kleinsäuger spezialisierte Müller erfahren: «Hier wurde mir richtig bewusst, dass jede Art die Lebensgrundlage für drei, vier weitere Arten ist.»

Ins Umfeld eingebettet

«Wir haben Wiesen, Weiden, ungenutzte Flächen, trockene und feuchte Standorte, Wald und offenes Land. Und nicht zuletzt sorgt der Wind dafür, dass die Schneedecke sehr unterschiedlich dick ist, was für Pflanzen und Tiere eine grosse Breite an Lebensräumen ergibt», begründet Müller die Wahl des Forschungsstandorts. Sein Fazit: «Die Alpen sind artenreicher und viel weniger karg, als man bisher glaubte.»

Das Forscherhaus steht in einem landwirtschaftlich genutzten Weiler. Im Sommer weiden 700 Kühe, Rinder und Schafe auf Flix. Projekt-Assistentin Victoria Spinas die das ganze Jahr auf Flix lebt, ist hier aufgewachsen. «Wir legen Wert darauf, dass sich forschende Wissenschafter und die Einheimischen kennen», erklärt Müller.

Dies gilt auch für Ricola: Victoria Spinas nutzt den Besuch Richterichs, um auf Bauern in Sur hinzuweisen, die für Ricola Kräuter anbauen möchten. Bei den Landwirten, die angesichts der Milchkrise nach Alternativen suchen, geniesst Ricola mit seinen langfristigen Abnahmeverträgen mittlerweile einen guten Ruf. Felix Richterichs Markenbotschaft ist angekommen: «Wir versuchen, auch in der Firma Nachhaltigkeit bei unternehmerischen Entscheiden mit einzubeziehen», erklärt er das Engagement des Laufner Familienbetriebs für Artenvielfalt im Alpenraum.