Bomber-Notlandung
Augenzeugen-Bericht: «Die Amerikaner warfen uns Kaugummis zu»

Der heute 80-jährige Arlesheimer Toni Haller schlich sich als Schulbube verbotenerweise in das Wrack des in Aesch notgelandeten B-17-Bombers. Die Soldaten waren ob des Eindringlings nicht erfreut udn warfen ihn durch eine Luke aus dem Flugzeug.

Anton Haller
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Vor 70 Jahren stürzte in Birsek ein amerikanischer B-17-Bomber
8 Bilder
Das zerlegte Flugzeugwrack der B-17F wurde durch die AescherHauptstrasse zum Verschrotten abtransportiert.
Das Fliegerdenkmal auf dem Schlatthof bei Aesch Das Denkmal wurde von einer Gruppe von Einheimischen der umliegenden Ortschaften Aesch, Reinach und Ettingen sowie von der Christoph Merian Stiftung (CMS) - der Besitzerin des betreffenden Geländes. angeregt.
Auch Diebe am Werk Trotz Absperrung des Landungsplatzes und der Bewachung der «Lazy Baby» durch die Ortswehr und den Luftschutz Münchenstein, Dornach, Reinach, Aesch und Ettingen wurden verschiedene Flugzeugteile als Souvenir entwendet.
Die Crew Froh, in der Schweiz zu sein: Nach der Bruchlandung stellten sich Pilot Edward Dienhart, Raymond Baus, Robert Cinibulk, Bernie Segal und Christy Zullo (v.l.) den Fotografen. Von der übrigen Besatzung waren Co-Pilot Brunson Bolin und Bordingenieur George Blalock über Deutschland abgesprungen. Navigator Donald Rowley erlag seinen Verletzungen. Bombenschütze Carl Johnson und Funker Hurley Smith wurden im Basler Bürgerspital gesundgepflegt.
«Lazy Baby» am Boden bei Aesch
Um 15.30 Uhr setzte Lt. Dienhart die B-17 mit eingezogenem Fahrwerk nach mehrmaligem Aufschlagen auf einem Kartoffelacker beim Schlatthof, zwischen Aesch und Ettingen, auf.
Die Mannschaft, die die Notlandung unbeschadet überlebte

Vor 70 Jahren stürzte in Birsek ein amerikanischer B-17-Bomber

zvg/Schlenker Patrick

«Es war ein warmer trockener Nachmittag Mitte Oktober 1943 in Arlesheim. Wir hatten vermutlich schulfrei. Plötzlich hörten wir das Dröhnen schwerer Flugzeugmotoren, und ein riesiger Schatten donnerte so niedrig über die Hausdächer, dass wir fürchteten, er könnte den Kirchturm streifen.

Der schwere Bomber, das merkten wir rasch, hatte keine bösen Absichten, sondern war sichtlich in Problemen, man sah Beschädigungen. Er kreiste mehrmals über der Gegend, suchte offensichtlich nach einem Landeplatz.

Spurlos verschwunden

Beim nächsten Überflug klirrte und knallte es auf Dächern und Strassen. Die Besatzung warf Gegenstände aus den Luken, vermutlich, um Platz zu machen für die Notlandung. Was es genau war, das sie herauswarfen, kann ich nicht mehr sagen. Wir mussten aber in Deckung gehen, um nicht getroffen zu werden.

Er sah den notgelandeten Bomber: Anton Haller.

Er sah den notgelandeten Bomber: Anton Haller.

Nachher waren diese Sachen spurlos verschwunden, und niemand wollte etwas gefunden haben! Ein auf der Strasse liegendes Teil in der Nähe des Schulhauses, das ich selbst gesehen hatte, war aus Hartkarton, braun und etwa 20 bis 30 Zentimeter gross. Vermutlich waren es Patronenrahmen für die Munition der Bordgeschütze.

Zuerst nach Reinach gerannt

Uns war sofort klar, wo das Flugzeug überhaupt landen könnte. Es gab in der Nähe eigentlich nur zwei grosse, damals unüberbaute Ebenen. Zwischen Aesch und Reinach, allenfalls noch beim Reinacherhof zwischen Reinach und Münchenstein. An eine andere Stelle dachten wir überhaupt nicht.

Ohne uns abzumelden, rannten wir deshalb so schnell, wie wir überhaupt konnten, in Richtung Reinach los. Wir, das waren, soweit ich mich erinnern kann, zwei bis drei Buben aus unserer Schule.

Zwischen den Bäumen konnten wir erkennen, dass das Flugzeug nach einer weiten Kurve über Aesch hinter dem bewaldeten Hügel beim Schlatthof verschwand. Also nicht bei Reinach, das hiess, noch weiter rennen.

In Reinach kamen weitere Jugendliche dazu. Gemeinsam rannten wir querfeldein dem Bächlein beim Erlenhof entlang. Als wir um die Waldecke kamen, lag der Bomber tatsächlich vor uns am Ende eines langen aufgerissenen Grabens auf dem gepflügten Acker. Wir hatten weniger als eine Stunde nach der Notlandung gebraucht, um dort zu sein. Die vier Propeller waren nach hinten verbogen.

Erleichterte Besatzung

Ein beigefarbiger Kastenwagen, vermutlich das Krankenauto des Bürgerspitals Basel, rumpelte gerade davon. Ein Besatzungsmitglied sei schwer verletzt, hörte man sagen. Die restliche Besatzung sass auf der Vorderkante des rechten Flügels und rauchte Zigaretten. Sie waren offensichtlich erleichtert, dass die Notlandung geglückt war. Für sie war der Krieg vorbei.

Es waren noch erstaunlich wenig Leute da, vielleicht 20 bis 30, meistens ältere Erwachsene, dafür umso mehr Jugendliche. Die Männer waren ja im Dienst, und die Frauen hatten anderes zu tun, als notgelandete Bomber zu besichtigen.

Aus dem Wrack geworfen

Die Amerikaner warfen uns Kaugummis zu, etwas, was wir bis dahin nur vom Hörensagen kannten. Es gab keinerlei Absperrung, wir konnten bis auf drei bis vier Meter an die Maschine herangehen. Einige Uniformierte versuchten, die Schaulustigen auf Distanz zu halten, was bei uns vorwitzigen Buben schwierig war. Drängten sie uns von der linken Seite weg, schlichen wir uns von rechts heran und so weiter.

Als die Soldaten (oder waren es Polizisten?) gerade einmal auf der rechten Flugzeugseite beschäftigt waren, gelang es mir, in eine grössere Öffnung (Luke oder Beschädigung?) unter dem linken Flügel hineinzuhuschen und hinaufzuklettern. Dort gab es jede Menge an Instrumenten, Kurbeln, vermutlich für den oben liegenden Geschützturm und unzählige Knöpfe.

Bevor ich aber dazukam, etwas anzurühren oder an den Kurbeln zu hantieren, hatte einer der Bewacher gemerkt, dass da ein frecher Bengel durchgeschlüpft war. Er stürzte herein, packte mich am Hemd an der Brust, zerrte mich herunter und schmiss mich kurzerhand durch die Luke auf den harten Ackerboden hinaus. Das ist mir noch heute sehr deutlich in Erinnerung!»