Liestal
Aus dem Holzhäuschen von Liselotte Lüthi-Degen duftets wieder

In der Altstadt steht Liselotte Lüthi-Degen in einem kleinen Holzhäuschen. Sie ist nicht nur stadtbekannt: Auf Reisen und auch beim Skifahren wird sie erkannt. Über die 74-Jährige wurden schon viele Artikel geschrieben und Gedichte verfasst.

Madlaina Balmer
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Liselotte Lüthi-Degen brät seit 55 Jahren im Winter bei jedem Wetter Marroni in Liestal. Madlaina Balmer

Liselotte Lüthi-Degen brät seit 55 Jahren im Winter bei jedem Wetter Marroni in Liestal. Madlaina Balmer

Doch Lüthi-Degen ist kein Rockstar und malt nicht wie ihr Bruder, vielmehr kennt man sie wegen einer Gaumenfreude: der heissen Marroni. Diese verkauft sie schon seit 55 Jahren in Liestal und ist immer für einen Schwatz zu haben. Im Sommer arbeitet sie als leidenschaftliche Hobby-Gärtnerin in ihrem Gemüsegarten. «In der Winterzeit habe ich den schönsten Beruf», schwärmt Lüthi-Degen lachend. Die vielseitigen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, Stammkunden und Passanten, und die frohen Kinderaugen bereichern ihre Arbeit.

Achtsam sortiert sie alle schlechten Marroni heraus. Sie will nicht, dass ein Kunde von den Marroni enttäuscht wird. Dieses Jahr zeichnet sich wegen der Trockenheit ein Marroni-Engpass ab. Doch Lüthi-Degen bereitet dies keine Sorgen. «Dann gibt es eben in Liestal keine Marroni mehr». Sie muss von dem Verkauf nämlich nicht mehr leben. Stattdessen brät sie Marroni, weil sie es gerne macht und sich freut über nette Gespräche. In ihrer Jugend war das jedoch anders. Vater Degen verdiente als Schuhmacher in der Kaserne wenig, und der zusätzliche Marroniverkauf sicherte der Familie Degen das Überleben. Die Marronifrau erzählt daher: «Ich weiss, was echte Not ist, ja sogar was Hunger bedeutet.»

Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist Liselotte Lüthi-Degen in Liestal. Neben dem Schulbesuch hat sie den Haushalt ihrer gelähmten Mutter übernommen und den jüngeren Bruder beaufsichtigt. Sie konnte keine Lehre machen, da sie ihre Mutter pflegte.

Säckchen von Hand geklebt

Früh hat sie gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Trotzdem war sie dankbar für jede nachbarschaftliche Hilfe. Der Marronibrater und Scherenschleifer Giovanni Piola ist ihr dabei sehr gut in Erinnerung – er wurde zu ihrem Vorbild. Piola wohnte im gleichen Haus wie die Familie Degen. Er verkaufte bis ins hohe Alter Marroni und half der Familie über viele Engpässe. Als er den Marronistand zum Verkauf anbot, entschied sich Degens Familie, den Stand zu kaufen. Auch Lüthi-Degen half ihrem Vater beim Verkauf der essbaren Kastanien. «Früher haben wir alle Marroni von Hand eingeritzt und die Tüten selber gefaltet und geklebt», erinnert sie sich. Mit 23 Jahren heiratete die damalige Degen einen Bündner Lehrer, der in Liestal lehrte.

Ihre Familie, die drei Töchter und ihre sechs Enkel sind ihr sehr wichtig. In ihrer Freizeit züchtet sie Schildkröten und leitet die Galerie Altbrunnen, wo sie die Bilder ihres verstorbenen Bruders, Paul Degen, ausstellt und würdigt.

«Ich werde noch lange Marroni verkaufen – so lange, wie ich gesund bin und Freude daran habe» sagt Lüthi-Degen. Zweimal pro Woche erhält sie Hilfe von ihrer Freundin Esther Näf am Stand. Eine Enkelin unterstützt sie ebenso beim Verkauf, und die Kunden freut es. Am Stand hat die Marronifrau ein Kässeli stehen. Das gesammelte Geld braucht sie für einen guten Zweck: Sie gibt es dem Kindertagesheim «Sunnewirbel» und dem Projekt Shantimed, das Kinder in Nepal unterstützt.