Grenzerfahrung
Austausch-Programm: Deutsche Kommissar-Anwärterin in Basel

Zwei Polizistinnen aus Baden-Württemberg haben während 14 Tagen bei der Baselbieter Polizei hospitiert. Dies geschah im Rahmen eines Austausch-Programms, von dem jeweils beide Seiten profitieren. Die beiden haben eine turbulente Zeit miterlebt.

Bojan stula
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Keine Vergnügungsfahrt: Sarah Spicker lässt sich von Chris Stebler (Mitte) und Hanspeter Roth über die Sondereinheit Taifun aufklären.

Keine Vergnügungsfahrt: Sarah Spicker lässt sich von Chris Stebler (Mitte) und Hanspeter Roth über die Sondereinheit Taifun aufklären.

Martin Töngi

Ann-Kathrin Weisser fehlt. Die Polizeikommissaranwärterin aus Baden-Württemberg hat sich ausgerechnet jetzt eine Magen-Darm-Geschichte eingefangen. Sie bringt sich damit um den Augenschein bei der Sondereinheit Taifun der Baselbieter Polizei; und um eine rund zweistündige Rhein-Fahrt mit dem Baselbieter Polizeieinsatzboot Raurica. Und nein, mit irgendwelchen Eskapaden mit den Schweizer Kollegen nach Feierabend hat ihre plötzliche Erkrankung bestimmt nichts zu tun.

Dafür steht Sarah Spicker da. 23, sportlich, auf Anhieb sympathisch. Auch sie trägt die hellblaue Uniform der baden-württembergischen Polizei, mit dem blauen Stern und Silberstreifen auf der Schulter, die sie als Polizeikommissaranwärterin auszeichnen. Schon mancher Baselbieter Automobilist dürfte sich in den vergangenen 14 Tagen gewundert haben, wenn bei einer Kontrolle neben den gewohnten Männern und Frauen in Dunkelblau plötzlich eine Polizistin mit den drei Löwen im Uniformwappen auftauchte.

Flugzeugabsturz und Todesfall

Spicker und Weisser sind Teil eines Austauschprogramms, das die Baselbieter Polizei und die Polizei Baden-Württemberg bereits seit längerer Zeit pflegen. Während es auf Schweizer Seite angehende Kaderleute und Polizeioffiziere sind, die zwei Wochen lang einen Arbeitsbesuch bei den Nachbarn abstatten, sind es auf Seite der Deutschen in der Regel Anwärter aus der Polizeischule, für die dieser Austausch als Bestandteil des Praktikums angerechnet wird.

Dabei haben sich die Baselbieter Kollegen nicht lumpen lassen: Die Bootsfahrt auf dem Rhein mit den beiden Taifun-Spezialisten Chris Stebler und Hanspeter Roth ist bloss das Dessert eines vollgepackten Programms, das für die beiden Hospitantinnen neben den üblichen Besichtigungsterminen auch Nachtdienst, Patrouillenfahrten, einen Einsatz mit der Hundeführerstaffel, Schiesstraining und verschiedene Kontrolltätigkeiten beinhaltete. Darunter die Teilnahme an Schwerpunktkontrollen im Kampf gegen Kriminaltouristen.

Für ihre Hospitation hat sich das Duo nicht unbedingt die ruhigste Zeit des Jahres ausgesucht. In ihre 14 Tage sind unter anderem der Flugzeugabsturz in Dittingen und die Suche nach der tödlich verunglückten Austauschstudentin in Eptingen gefallen. Spicker war bei Ernsteinsätzen dabei, als es darum ging, aufgebrachte oder psychisch derangierte Menschen aufzuhalten.

Vom Fingerspitzengefühl, mit dem die Baselbieter Kollegen vorgegangen sind, zeigt sie sich beeindruckt: «Da war die Deeskalation wirklich vorbildlich.» Auf ihren Eindruck von der Sicherheitslage im Landkanton angesprochen, entgegnet sie – statt der zu erwartenden harmlosen Floskel – mit: «Bei euch ist ganz schön was los.» Will heissen: Vor allem entlang der Agglomerationsgrenze gibt es täglich jede Menge Arbeit für die Ordnungshüter, wie sich Spicker persönlich überzeugen konnte.

Nicht nur das. Spicker und ihrer Kollegin ist die Unruhe im Baselbieter Korps nicht verborgen geblieben, welche die von der Regierung angekündigten Sparmassnahmen ausgelöst haben. «Stellen abbauen und gleichzeitig den Lohn reduzieren, wirft schon die Frage auf, wer künftig überhaupt noch in den Polizeidienst möchte.» Wobei: Sparprogramme kennt sie auch aus ihrem Bundesland. In der Schweiz hätte sie diese allerdings nicht in diesem Ausmass erwartet.

Skepsis in der Bevölkerung

Selbstverständlich tauscht man sich unter Kollegen über die Löhne aus. Die 2000 bis 2400 Euro, die sie samt Zulagen als fertig ausgebildete Polizeikommissarin verdienen wird, lassen sich schlecht mit den 5000 bis 6000 Franken vergleichen, mit welchen junge Polizistinnen und Polizisten nach dem Abschluss der Ausbildung und je nach Zulagen im Baselbiet rechnen können. Zudem sind Polizisten in Deutschland Beamte und somit bis zu einem gewissen Grad privilegiert. Sie rechnet ihren Verdienst netto, die Schweizer brutto. Ein Wechsel von der deutschen zur Schweizer Polizei wegen des höheren Lohnes komme vorerst nicht infrage.

Die Polizeischule in Lahr hat sie abgeschlossen, nun weilt sie noch rund ein Jahr an der Hochschule für Polizei in Freiburg und möchte danach möglichst einen Einsatzbereich fernab der Bürostühle übernehmen. «Der Streifendienst und der Kontakt zu den Menschen ist jener Teil der Arbeit, der mich besonders anzieht», stellt Spicker fest; nicht ohne anzufügen, dass sie in Baden-Württemberg eine gestiegene Skepsis gegenüber der Polizei feststellt. Das habe sie so in Baselland nicht beobachten können.

Meisterin im Gewichtheben

Gab es etwas, das sie während der 14 Tage überrascht hat? Spicker denkt lange nach. Nein, die Polizeiarbeit gleiche sich stark, die Unterschiede lägen im Detail. Der «sehr strenge» Dienstplan der Baselbieter Kollegen ist ihr aufgefallen. Dass die Polizei Baselland mit Tasern ausgerüstet ist, die in Deutschland tabu sind, befürwortet sie. Aber viel von einander abschauen müssten die beiden Polizeien nicht.

Als gebürtige Kandernerin und Absolventin des Lörracher Hebel-Gymnasiums kennt sie die Region Basel ohnehin von Kindesbeinen an. Für den KSV Lörrach wurde sie 2010 deutsche Juniorenmeisterin im Gewichtheben. Ihre medial verbürgten sportlichen Bestleistungen liegen bei 72 Kilogramm im Reissen und 82 Kilo im Stossen. Diese Sarah Spicker steckt voller Überraschungen. Von ihrer Hospitation bei der Baselbieter Polizei konnten zweifellos beide Seiten bleibende Eindrücke mitnehmen.