Nostalgie
Autokino: Wenn Thelma und Louise durch die Frontscheibe flimmern

In Pratteln startet heute das einzige Autokino der Schweiz, bei dem Rollergirls das Essen zum Film servieren. Der amerikanischen Tradition, die selbst in ihrem Heimatland bedroht ist, wird neues Leben eingehaucht.

Michael Nittnaus
Merken
Drucken
Teilen
Eine Leinwand, 110 Autos und mit «Thelma and Louise» das Road Movie schlechthin: Vor einem Monat stand das Autokino noch im bernischen Worb. Heute startet es in Pratteln. ZVG

Eine Leinwand, 110 Autos und mit «Thelma and Louise» das Road Movie schlechthin: Vor einem Monat stand das Autokino noch im bernischen Worb. Heute startet es in Pratteln. ZVG

Prüderie und Sittenwächter: Im Amerika der Fünfziger- und Sechzigerjahre hatten es die Jugendlichen nicht leicht. Aus dem engen Käfig des Elternhauses flüchteten sie an Orte, die Freiheit versprachen. Das Autokino war so ein Ort. Im Dunkel der Nacht, beleuchtet nur durch die flimmernde Leinwand, waren sie unter sich: die Möchtegern-James-Deans. Rebellen ohne Grund. Für sie gab es im Autokino vor allem eine Regel: Der Film läuft auf der Leinwand, doch die Musik spielt in der hintersten Wagenreihe – der «Love Lane».

Der Ton kommt durchs Autoradio

«Als ich in den USA Film studierte, entdeckte ich die Drive-in-Kinos. Für mich als Sohn eines Oldtimer-Fans war es die perfekte Kombination», erinnert sich Giacun Caduff. Der 33-jährige Filmemacher aus Gempen beschloss, der selbst in Amerika aussterbenden Institution Autokino in der Schweiz neues Leben einzuhauchen. Heute startet in Pratteln Caduffs Cinema-Drive-in. An drei Wochenenden können Film- und Oldtimerfans, Familien und Liebespärchen mit ihrem Wagen auf das Areal an der Lohagstrasse 14 fahren. «Wir hatten auch schon Velofahrer bei uns», sagt Caduff. Jeder sei willkommen, solange er ein Radio mitbringt. Denn dies sei Bedingung, um den Filmton über eine UKW-Frequenz zu empfangen.

Das macht das Autokino gleichzeitig zum wohl leisesten Open-Air-Event des Sommers. «Wenn es regnet und alle die Autofenster schliessen, hört man keinen Mucks.» Er sei sowieso kein Fan von lauten Events. Caduff organisiert unter anderem auch das Basler Gässli Film Festival für Jungfilmer. Der Gempner treibt die Hommage an das Amerika der Fünfziger aber noch weiter: Er vereint zwei US-Konzepte, indem er das Autokino mit einem Car-Hop-Service der damaligen Diner kombiniert. So versorgen während des Films Rollergirls, Mädchen auf Rollschuhen, jeden Wagen auf Knopfdruck mit «Burger’n’Fries». «Nächstes Jahr bieten wir dann vielleicht noch einen Car-Wash-Service an», sagt Caduff und lacht.

Vor einem Jahr keine Bewilligung

Heuer findet das Autokino zum dritten Mal statt, aber zum ersten Mal in Pratteln. Vor einem Jahr scheiterte es noch an der Bewilligung, als Caduff eine Leinwand auf das Dach des Grüssen-Centers stellen wollte, aber keine Absturzsicherung hatte, wie die Gemeinde auf Anfrage mitteilt. Die Gesamtkosten seien laut Caduff im fünfstelligen Bereich. «Nur wenn alle Abende die rund 60 Parkplätze ausverkauft wären, würden wir vielleicht einen kleinen Gewinn einfahren, aber darum geht es uns nicht.» Das 15-köpfige Team arbeite ehrenamtlich.

Caduff ist zuversichtlich, dass zumindest der jeweilig erste Film des Abends gut besucht wird. In Worb sei man vor einem Monat ausverkauft gewesen – und das bei 110 Plätzen. In Pratteln gibts für einen Film auch schon keine Tickets mehr: Pulp Fiction.

www.cinema-drive-in.ch