Badekultur
Baggerseen sind trotz Verbot beliebte Destinationen im Sommer

In vielen Baggerseen ist das Baden aus Sicherheitsgründen untersagt – doch kaum jemand hält sich an das Verbot. Auf die Faszination der Baggerseen müssen die Baselbieter daheim jedoch verzichten, da dort der Kiesabbau bis aufs Grundwasser verboten ist.

Boris Burkhardt
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Einer der wenigen legalen Baggerseen der Region: «Le Baggersee» bei Strassburg. Thierry Suzan (CUS)

Einer der wenigen legalen Baggerseen der Region: «Le Baggersee» bei Strassburg. Thierry Suzan (CUS)

Sie bieten etwas, das kein Freibad und kein Rheinstrand bieten kann: Auf einem Baggersee kann man im Schlauchboot treiben; am Ufer kann man grillen und mit lauter Musik feiern bis in die Abendstunden. Wer will, kann ein Fangobad nehmen oder im FKK-Bereich wandeln, wie Gott ihn schuf. Die Faszination der Baggerseen hat eine ganz eigene Subkultur des Badens geschaffen, für die ihre Baselbieter Anhänger aber noch immer weit reisen müssen, denn der Kanton hat trotz 15 Kilometer Rheinufer keinen Baggersee.

Dabei gibt es in Muttenz in der Meyer-Spinnler-Grube durchaus Kiesabbau in direkter Nähe zum Fluss. Doch sind Baggerseen in der Schweiz seit 1991 praktisch verboten: Seit damals verbietet das Gewässerschutzgesetz, bis auf das Grundwasserniveau Tagbau zu betreiben. Laut Grundwasserexperte Benjamin Meylan vom Bundesamt für Umwelt wollte das Parlament damit verhindern, dass das Grundwasser (in der Schweiz 80 Prozent des Trinkwassers) durch Fische sowie Sonnencreme und sonstigen «Badeabfall» verunreinigt wird.

Weil zu den Baggerseender Region also die Fahrt über die Grenze nötig ist, werden sie in der Region Basel auch als «typisch deutsch» wahrgenommen. Dabei befindet sich der bekannteste Baggersee am Südlichen Oberrhein wohl in Illkirch bei Strassburg (140 Kilometer von Liestal): Sinnigerweise heisst er «Le Baggersee», ein Wort, das das Französische aus dem Elsässischen übernommen hat.

Das Baden ist in Illkirch im Sommer unter Aufsicht gestattet; verantwortlich sind die kommunalen Behörden. Desgleichen gibt es in der südlichen Ortenau auf der gegenüberliegenden Rheinseite einige Baggerseen, in denen das Baden offiziell erlaubt ist, so zum Beispiel auf dem Gebiet der Stadt Lahr. Dort wird der Kippenheimweiler Baggersee (120 Kilometer) während des Wochenendes und der Ferien ebenfalls bewacht; die Gastronomie übernimmt der lokale Anglerverein. Während Illkirch ein «stillgelegter» Baggersee ist, läuft in Lahr der Kiesabbau jedoch parallel zum Badebetrieb, abgetrennt durch eine riesige Schwimmerkette. Probleme mit dieser Koexistenz gab es laut Ralph Brucker, Leiter des Liegenschaftsamtes, in Lahr noch nie.

Weiter südlichsiehtdas anders aus. Im Breisacher Stadtteil Niederrimsingen (70 Kilometer) nicht weit von der A 5 hat das Kieswerk Hermann Peter als Besitzer das Baden verboten: Schilder sind aufgestellt, das Gelände ist umzäunt. Dennoch finden sich an Sommertagen Hunderte von Badegästen am Niederrimsinger Baggersee, darunter auch viele Schweizer, wie Firmensprecher Volker Stelin bestätigt: «Sie gehen vermutlich vormittags in Freiburg einkaufen und legen sich auf dem Heimweg an den Baggersee.» Doch wer in Niederrimsingen badet, macht sich strafbar: Zur Verletzung von Privatgelände kommt noch Sachbeschädigung, denn die Zäune werden regelmässig von den «Badegästen» aufgeschnitten. Sogar aufs Werkgelände seien schon Leute gedrungen, sagt Stelin. Doch ein Verbot muss auch durchgesetzt werden; und Stelin sagt unumwunden: «Was sollen zwei Polizisten gegen Hunderte von Leuten ausrichten?»

Dasselbe Problem plagtdie Stadt Neuenburg am Rhein, die mit Steinenstadt (44 Kilometer), Zienken und Grissheim (56 Kilometer) gleich drei Baggerseen hat, in denen Baden seit 1997 verboten ist. «Die Polizei ist vor Ort, lässt Autos abschleppen und löscht offene Feuer», sagt Stadtsprecher Dieter Branghofer. Er stellt damit klar, dass das Baden auch nicht «geduldet» werde, wovon landläufig ausgegangen wird. Denn vor allem den jungen Badegästen sind die Verbote oft gar nicht bewusst: Die Baggerseen gelten noch immer als äusserst beliebte Sommerdestinationen.

Aber auch andere Gruppen wie die FKK-Anhänger haben die Baggerseen schon lange als Domizil entdeckt – klar, denn hier stören keine Regeln. Deshalb gelten gewisse Bereiche der Baggerseen als «offizielle inoffizielle» Nudistengebiete. Branghofer weiss nach eigener Aussage auch nichts davon. Die Stadt werde jedoch immer wieder von Medien angefragt, ob sie die Seen vorstellen dürften: «Aber es darf auf keinen Fall der Eindruck entstehen, es seien Badeseen.»

Baden erlaubt ist allerdings an einem der wenigen Baggerseen der Schweiz: Er heisst ebenfalls sinnigerweise «Baggersee» und befindet sich am Rhein, allerdings wesentlich weiter flussaufwärts in Oberriet SG an der österreichischen Grenze. Badebetrieb gibt es dort seit 1921, wie André van Kestern vom Betreiberverein erzählt. Der Baggersee ist allerdings nicht mit Grundwasser gefüllt, sondern war ein Seitenarm des Rheins vor dessen Begradigung.